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Polen trocknet aus: Dürre seit 2015 - So will das Land nun jahrhundertealte Fehler beheben

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das zubetonierte Flußufer der Wisła in Toruń, Polen
Polen trocknet zusehends aus. Abgebildet ist das zubetonierte Flußufer der Wisła in Toruń. © Aleksandra Fedorska

Wenig Niederschlag und immer höhere Temperaturen führen zu Wassermangel in Polen. Das Land will reagieren.

Warschau - Nicht nur in Südeuropa gibt es Dürreprobleme: Auch Polen leidet unter Trockenheit: Der Hydrologe Grzegorz Walijewski vom Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft - Staatliches Forschungsinstitut (IMGW-PiB) erklärte in polnischen Medien, dass in Polen* eigentlich durchgehend seit 2015 von einer Dürre gesprochen werden kann. „Und die Winter sind wärmer und wir sehen mehr Regen als Schnee. Dabei ist die Frühjahrsschmelze sehr wichtig, da die polnischen Flüsse von diesem Prozess stark abhängig sind. Auch die Feuchtigkeit im Boden und damit das Oberflächen- und Grundwasser hängen mit der Schmelze zusammen”, sagte Walijewski.

In den letzten Jahren ist es wiederholt zu Dürreperioden gekommen - die betreffen vor allem die Landwirtschaft. Im Juni gab es in 15 der insgesamt 16 polnischen Wojewodschaften ein Wasserdefizit, das auch als landschaftliche Dürre bezeichnet wird. Bei der landwirtschaftlichen Dürre handelt es sich um eine Periode, in der die knappe Wasserversorgung zu Ernteeinbußen infolge unzureichender Wasserversorgung der Pflanzen und Tiere führt. In den Monaten April bis Juni lag das Wasserdefizit in Polen im Durchschnitt bei - 108 mm.

Polen: Probleme aufgrund des Klimawandels und menschlichen Verhaltens

Polen ist generell kein akut wasserarmes Land, zählt jedoch mit einem durchschnittlichen Niederschlag von 650 mm zu den wasserärmeren unter den europäischen Staaten. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der jährliche Niederschlag knapp 800 mm. In Frankreich liegt dieser Wert leicht über 800 mm. In Polen stammen etwa 70 Prozent des Trinkwassers aus Grundwasserentnahmen. Im Vergleich zu Deutschland, das auf einen Anteil von 61 Prozent (2020) kommt, ist Polen stärker auf das Grundwasser angewiesen.

Der Dürre-Report der Staatlichen Wasserwirtschaft (Wody Polskie) aus dem Jahr 2020 betont die Problematik der ausbleibenden Niederschläge* in den Wintermonaten. Dort heißt es explizit: „Die erste und wichtigste ist die Veränderung der Niederschlagsstruktur, einschließlich einer deutlich trockenen und wärmeren Wintersaison, die seit mindestens einigen Jahren auftritt. Dies wirkt sich nicht nur auf die landwirtschaftliche Trockenheit, sondern auch auf die hydrologische Trockenheit aus, die durch niedrige Wasserstände in Flüssen verstärkt wird und schließlich die hydrogeologische Trockenheit, die die Grundwasserressourcen betrifft.”

„Die frostfreien Winter haben ein weiteres Problem beim Grundwasserspiegel verursacht“

Mit den ausbleibenden Niederschlägen im Winter wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der sich sowohl auf das Oberflächenwasser als auch auf die Gewässer und dann auch letztendlich auf die Grundwasserstände verheerend auswirkt. In der Region Wielkopolska im Zentrum des Landes werden im Durchschnitt 520 mm Niederschlag gemessen. Die Schwankungen sind erheblich und reichen von 320 mm (1982) bis 760 mm (2010). Die Jahre 2018 und 2019 waren mit jeweils 350 mm besonders trocken.

„Die frostfreien Winter haben ein weiteres Problem beim Grundwasserspiegel verursacht. Wenn die Bodenoberfläche vereist ist, dringt der Niederschlag an den vereisten Flächen vorbei und sucht sich Risse im Eis, wo dann das Wasser tief ins Erdreich gelangen kann und schließlich auf diese Weise den Grundwasserspiegel stabilisiert, dazu kommt es nicht mehr,“ erklärt Professor Jan Przybyłek vom Institut für Geologie an der Adam Mickiewicz Universität .

Der zurückliegende Winter 2021 gab zwar Anzeichen der Besserung, da die Niederschläge und die anschließende Schmelze den Boden mit Wasser anreichern konnten, aber schon ab Mai mehrten sich die Indizien, dass es auch in diesem Jahr zu einer Dürre kommt. Die wenigen Niederschläge, die inzwischen zeitlich und geografisch viel ungleichmäßiger verteilt sind, werden in Polen nicht ausreichend gebunden, sodass sie zu schnell abfließen und ihre Wirkung verpufft. Die Ursachen liegen in der geringen Wasserbindungsfähigkeit, die von den Hydrologen als Retention bezeichnet wird. Über Jahrhunderte wurden retentionsfördernde Feuchtgebiete trockengelegt und Wälder gerodet, um die Flächen landwirtschaftlich nutzen zu können. Allein in den letzten Jahren ging ihr Anteil von Feuchtgebieten von 15 auf 6 Prozent der Landesfläche zurück.

Polen und der Kampf gegen die Trockenheit: mögliche Maßnahmen

Die polnischen Experten konzentrieren sich überwiegend auf die Frage, wie das knappe Wasser in der Zukunft besser gebunden werden kann. Erste Maßnahmen der Staatlichen Wasserwirtschaft wurden 2020 bereits eingeleitet. In den bestehenden Kanälen wurden Wehre und Tore angebracht, damit das Wasser nicht entweicht. Man versucht vor allem das schnelle Abfließen in die Flussbetten aufzuhalten oder zu verlangsamen, um die Wasserbestände länger zu binden. Der Retentionswert konnte zwar durch die ersten Maßnahmen auf 7 Prozent angehoben werden, ist aber weit von dem Zielwert von 20 Prozent entfernt, der in vielen anderen europäischen Staaten Standard ist.

Der Bau von Rückhaltebecken gehört ebenfalls zum Maßnahmenkatalog der Wody Polskie, die eine staatliche Institution der polnischen Wasserwirtschaft sind. Der weitere Ausbau von Rückhaltebecken soll sich einerseits an den günstigen topografischen Bedingungen orientieren und insbesondere soll die zentralpolnische Ebene im Blick behalten werden. In dieser Region ist die Trockenheit besonders ausgeprägt und der Handlungsbedarf groß.

Rusałka, ein Stausee mit einer Fläche von 36,7 ha in Posen.
Mit Stauseen soll der Dürre entgegengewirkt werden. Ein Beispiel ist Rusałka, ein Stausee mit einer Fläche von 36,7 ha in Posen. © Aleksandra Fedorska

Polen: Revitalisierung von Stauseen als Chance gegen die Dürre?

Die polnischen Flüsse, die in der Vergangenheit im Regelfall begradigt wurden, tragen stark zu Steigerung der Fließgeschwindigkeit bei. Dieser Prozess soll nach Möglichkeit stärker begrenzt oder auch rückgängig gemacht werden. Experten plädieren hier für die Wiederherstellung der natürlichen Verhältnisse. Vereinzelt wurde bereits mit der Revitalisierung von Stauseen und sonstigen Gewässern begonnen.

Der Dürre-Report betont aber, dass die Aufgaben in den kommenden Jahrzehnten noch weitaus umfangreicher sein werden. Demnach werden auch die kommenden Generationen in Polen stets bereit sein müssen, das immer knapper werdende Wasser optimal zu verwalten und zu schützen. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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