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Kreml-Experte erklärt Merkels Hauptfehler gegenüber Putin - und warnt vor Ukraine-Zugeständnis

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Von: Patrick Mayer

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Ex-Oligarch Michail Chodorkowski gilt als langjähriger Mahner vor der Gefahr durch Moskau-Machthaber Wladimir Putin. In einem Interview analysiert er den russischen Präsidenten. Nicht nur er tut das.

München/Moskau - Zehn Jahre lang saß er ab 2003 in Russland im Gefängnis, mutmaßlich, weil er sich mit Präsident Wladimir Putin angelegt hatte. Michail Chodorkowski war der reichste Mann des riesigen Landes mit seinen heute 144 Millionen Einwohnern.

Sein Geld hatte er mit Energie gemacht, doch nach seiner Verhaftung wurde sein Ölkonzern Jukos zerschlagen. Er soll in großem Umfang Steuern hinterzogen haben. So lautete der Vorwurf der russischen Justiz, seine Verurteilung bezeichnete die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dagegen als politisch motiviert. Auf Vermittlung Deutschlands wurde Chodorkowski 2013 freigelassen, er zog mit seiner Familie nach London.

Michail Chodorkowski: Er kritisierte das System Wladimir Putin in Russland

Zu riskant war es ihm wohl, in seiner Heimat zu bleiben. In einem Interview mit der Financial Times hatte der heute 59-Jährige behauptet, die Gerichte in Russland seien nicht unabhängig und Menschenrechte existierten nur auf dem Papier. Zudem würden die Medien eine Art Selbstzensur praktizieren. Heute ist er ein gefragter Mann. Bereits eine Woche nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine gab er Anfang März dem ZDF ein Interview.

Name:Michail Borissowitsch Chodorkowski
geboren:am 26. Juni 1963 in Moskau
Ex-Oligarch:ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Yukos
inhaftiert:2003 bis 2013 wegen angeblicher Steuerhinterziehung
bekannt als:langjähriger Kritiker von Wladimir Putin

„Einfluss auf Putin nehmen? Ja, das geht! Es dürfen aber keine einfachen Worte sein. Es muss ihm jemand sagen: ‚Wladimir, du bist am Ende!‘“, sagte er damals dem „heute journal“ und erklärte weiter: „Und um das zu sagen, braucht es den militärischen Widerstand, den die Ukrainer jetzt leisten. Und es braucht die härtesten Sanktionen.“ Diese würden zwar „mein Volk sehr treffen, alle Russen, vielleicht auch mich. Aber was können wir sonst machen, um den Krieg zu stoppen?“

Ukraine-Krieg: Kreml-Kenner beleuchtet deutsche Russland-Politik unter Angela Merkel

Viereinhalb Monate dauert der Ukraine-Krieg bereits. In einem weiteren Interview erklärt Chodorkowski jetzt die Fehler deutscher Russland-Politik - zumindest aus seiner Perspektive. So habe er den Bundespräsidenten und früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier, den er „für einen sehr aufrichtigen Menschen halte“, ein paar Mal getroffen.

Langjähriger Kritiker von Wladimir Putin: Michail Chodorkowski, hier 2013 in Berlin.
Langjähriger Kritiker von Wladimir Putin: Michail Chodorkowski, hier 2013 in Berlin. © Michael Kappeler/dpa

„Der hat sich in Putin einfach lange getäuscht, aber ohne Hintergedanken, und als ihm das bewusst wurde, hat er sein Bild korrigiert“, sagt er im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Stern und meint über die Ex-Bundeskanzlerin: „Die sehr geschätzte Angela Merkel wiederum hat Putin von Anfang an richtig beurteilt. Wenn ich mich mit ihr unterhalten habe, hatte ich den Eindruck, dass sie Putin nicht schlechter versteht als ich. Ihr Fehler war nur, dass sie dachte, sie könnte Putin in Schach halten. Wie wir jetzt sehen, hat dafür die Kraft nicht gereicht.“

Er selbst habe den Politikern im Westen hundertmal gesagt: „Wenn ihr Putin verstehen wollt, sprecht mit einem Kriminalkommissar aus einem benachteiligten Stadtviertel eures Landes. Der erklärt euch, wie man mit solchen Leuten redet“, erklärt Chodorkowski und warnt mit Blick auf die Verhandlungen des Westens mit Russland: „Mit Banditen kannst du nicht verhandeln, solange sie nicht deine Stärke spüren. Im Gegenteil: Wenn du verhandelst, solange der Bandit sich stark fühlt, erkennst du seine Stärke an, und dann macht er weiter, bis er bekommt, was er will.“ Chodorkowski fordert, Stärke gegenüber Kreml-Chef Putin zu demonstrieren.

Das deckt sich mit der aktuellen Einschätzung eines britischen Wissenschaftlers. „Der Augenblick erschien Wladimir Putin sicher geeignet. Nun hat er eine zynische Wette abgeschlossen – und hofft auf einen Sieg am Ende“, sagt der bekannte Wirtschaftshistoriker Harold James von der Princeton University im Interview mit t-online. Besagte Wette begründet er wegen der Sanktionen gegen Russland mit dem wirtschaftlichen Druck auf beiden Seiten.

Ukraine-Krieg zu großes Risiko für Wladimir Putin? Historiker glaubt bei einer Niederlage an Moskau-Wende

„Die russische Luftfahrtindustrie braucht dringend Ersatzteile aus dem Westen, die russische Energiewirtschaft ebenso. Und auch militärisch macht sich das Embargo bemerkbar. Die russische Armee muss in der Ukraine Waffensysteme einsetzten, die weniger präzise sind. Putin kann sich diese Art der Kriegsführung gar nicht leisten. Jedenfalls nicht über längere Zeit“, meint der 66-jährige Professor, der im US-amerikanischen New Jersey lehrt. Er glaubt, dass eine „russische Niederlage in der Ukraine tatsächlich eine Wendung zum Besseren bewirken“ könnte. Weil das System Wladimir Putin in Moskau zusammenbrechen würde?

Wenn du einem Banditen etwas gibst, glaubt er, dass er dir alles wegnehmen kann.

Michail Chodorkowski über Wladimir Putin

„Putin ist volles Risiko gegangen. 1856 verlor Russland den Krimkrieg, später befreite Zar Alexander II. die Leibeigenen, nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg kam es zur Einrichtung der ersten Duma (russisches Parlament, d. Red.). Von der Februarrevolution 1917 und der sich anschließenden Oktoberrevolution, die die Bolschewiki an die Macht brachte, ganz zu schweigen“, nennt James im Gespräch mit t-online Beispiele: „Und der Krieg in Afghanistan war nicht die einzige Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion, hat aber sicherlich dazu beigetragen.“

Währenddessen warnt Kreml-Kritiker Chodorkowski mit Blick auf die Zukunft des Donbass vor zu großen Ukraine-Zugeständnissen. Dem Stern erklärt er: „Die Idee, Putin etwas zu geben, damit er sich beruhigt, ist widersinnig. Wenn du einem Banditen etwas gibst, glaubt er, dass er dir alles wegnehmen kann.“ (pm)

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