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Selten waren Politiker unbeliebter als heute, warnt Bundespräsident Christian Wulff (M.).

Politik-Verdrossenheit: Die große Wut über „die da oben“

München - Das Misstrauen wächst, mit ihm Hohn und Spott. Selten waren Politiker unbeliebter als heute, warnt Bundespräsident Christian Wulff. Er sieht ein Risiko für die Demokratie. Warum kann das Volk seine Volksvertreter nicht ausstehen?

Erfahrene Wahlkämpfer wissen: Manche Passanten wollen am Infostand der Partei schnellstmöglich nur eines – einen Kugelschreiber. Andere wollen Argumente hören zur Rente, zum Rauchverbot. Und viele wollen mal hemmungslos ihrer Wut Luft machen über die Politiker, dieses faule, raffgierige Pack aus dem Parlament. Mancher Politiker, der sich demnächst an den Ständen unter roten, grünen, gelben Schirmen anpöbeln lässt, wird an die Worte des Bundespräsidenten denken. „Demokratie funktioniert nur, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und nicht jeder Politiker als Karrierist verhöhnt wird“, mahnt Christian Wulff. Früher sei man dafür gelobt worden, für ein politisches Amt zu kandidieren.

Heute gebe es nur Spott. Der neue Bundespräsident hat sich für seinen ersten Denkanstoß an die Republik ein altes, aber heißes Thema ausgesucht. Wissenschaftler untersuchen das gestörte Verhältnis von Volk und Volksvertretern schon lange. Ihre Studien füllen Aktenordner. Denen ist zu entnehmen, dass nur jeder zwanzigste Deutsche Politik für einen achtenswerten Beruf hält, knapp vor – warum auch immer – den Buchhändlern. Oder, wie einst Thomas Mann den Politiker beschimpfte: „Das ist ein niedriges und korruptes Wesen, das in geistiger Sphäre eine Rolle zu spielen keineswegs geschaffen ist.“ Heutzutage stehe „unter Rechtfertigungszwang, wer in eine politische Partei eintritt“, diagnostiziert der Politik-Professor Werner Patzelt. Berufspolitik habe, anders als in den 70ern, „überhaupt keinen Sex-Appeal mehr“. Engagement finde vor allem kurzfristig in Bürgerinitiativen statt. Die Experten sehen mehrere Ursachen für das schlechte Image. Schuld sind nicht nur die Berufspolitiker selbst, die ihre Arbeit schlecht vermitteln oder Skandälchen um falsche Doktortitel, gekaufte Umfragen oder fette Diätenerhöhungen produzieren.

 Patzelt beklagte mal bei einer Anhörung im Bundestag, der politische Bildungsstand der Deutschen „reicht nicht aus, um das komplexe System zu verstehen“. Tatsächlich hat die Bundeszentrale für politische Bildung ermittelt, dass ihre Arbeit andere als höhere Bildungsschichten gar nicht erreicht. Eilig wurde an den Schulen ein Infopaket zum Politiker-Image verteilt. Patzelt nennt auch die Darstellung in den Medien. Der nötige politische Diskurs werde nur als Streit vermittelt. Gleichzeitig gebe es zu viele Politiker, die Streit in der Partei inszenieren, um damit in die Zeitung zu kommen. Das Rollen-Spiel missfällt dem Bürger offensichtlich. Beliebt sind nur einzelne Politiker, die als authentisch und unverstellt wahrgenommen werden – wie der soeben verstorbene Grüne Sepp Daxenberger (Biobauer, urig) oder CSU-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (adelig, unabhängig). „Es gibt Politiker, denen man abnimmt, dass sie so sind, wie sie sind“, sagt Patzelt: „Manche haben dieses Etwas – andere nicht.“ Seiner Meinung nach sind es zu wenige mit Original-Charisma, weil der Aufstieg durch die Partei-Apparate in die Parlamente zu leicht ohne Rückbindung ans Volk klappt. Die Symptome der Vertrauenskrise sind vielfältig. Allgemein: sinkende Wahlbeteiligung, Desinteresse.

Im Einzelnen: pauschale Schimpfkanonaden am Infostand, zerfetzte Wahlplakate. Ein noch dickeres Problem bekommt die Demokratie dann, wenn plötzlich keiner mehr kandidieren mag. Mehrere Kommunen mussten schon Bürgermeister-Kandidaten per Zeitungsanzeige suchen. Weniger spektakulär verschwinden Parteien von der lokalen Bühne: Ein Ortsverein ist dann halt einfach lautlos weg. Die SPD hat zum Beispiel nur noch 759 davon in Bayerns 2056 Gemeinden. Einer von denen, die noch da sind, seit gut zwei Jahrzehnten unterm roten Schirm, ist Erich Schartel. Über „die da oben“ muss er sich viel anhören, was er als Beisitzer im Ortsverein Erlenau-Westerndorf mitten im Landkreis Rosenheim nicht unbedingt zu verantworten hat. „Man wird schon mal blöd angeredet“, sagt Schartel, es gebe oft Misstrauen, viele Passanten winken ab und gehen weiter. Er steht trotzdem weiterhin regelmäßig am Infostand. „Ich will nicht sagen, ich will die Welt verbessern“, sagt er. „Aber man kann schon ein bisschen was erreichen und den Leuten erklären."

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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