Vor Ort: Horst Seehofer am Montag im Krisengebiet von Kolbermoor. Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schörder verschaffte sich 2002 beim Hochwasser in Sachsen einen Überblick über die Lage vor Ort - und gewann wohl auch durch das medienwirksame Krisenmanagement die Bundestagwahl im September 2002.

Wie Schröder im Jahr 2002

Seehofer besucht das Katastrophengebiet 

München - Katastrophen stürzen nicht nur die Betroffenen in Nöte, sie können auch politische Karrieren entscheiden. Die Beispiele aus der Vergangenheit sind zahlreich. Manchmal entscheiden Nuancen über den Erfolg – eine riskante Angelegenheit.

Inmitten der Katastrophe spricht Bürgermeister Peter Kloo von „großem Glück“. Glück, dass der Deich in Kolbermoor gehalten hat. Wäre er gebrochen, hätte Rosenheim eine noch größere Überflutung gedroht. Horst Seehofer (CSU) hört sich das alles an. Der Ministerpräsident trägt eine Rot-Kreuz-Jacke und Gummistiefel. Die Krawatte hat er zuhause gelassen. Er wendet sich zu Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer und sagt: „Dann hat Kolbermoor ja Rosenheim gerettet.“

Es ist Tag vier der Flutkatastrophe in Bayern. Und Horst Seehofer macht sich mit seinem Stellvertreter Martin Zeil (FDP) ein Bild von der Lage. „Die Hochwassersituation in Kolbermoor und Rosenheim hat mich sehr bedrückt, als ich mit dem Hubschrauber einen Gesamtüberblick bekommen habe“, sagt der Ministerpräsident. Überrascht war er vor allem, wie hoch das Wasser in der Arbeitersiedlung in der Carl-Jordan-Straße stand. „Das ist Wahnsinn.“

Hochwasser: Die Bilder unserer Leser

Hochwasser: Die Bilder unserer Leser

Politiker im Hochwasser-Einsatz. Das ist eine heikle Angelegenheit. Einige finden nur schöne Worte, andere packen richtig an. Aber alle wollen sie natürlich schöne Bilder. Meteorologische Wirrungen haben Politiker schon nach oben gespült. Und andere ins Abseits. Der Hamburger Polizeisenator namens Helmut Schmidt beispielsweise war bis 1962 jenseits der Hansestadt nur Insidern ein Begriff – sein Krisenmanagement während der Sturmflut verschaffte ihm aber über Nacht bundesweit Respekt. Sein Vorgehen war riskant: Der spätere Bundeskanzler setzte sich über Regeln, Gepflogenheiten und Bedenken hinweg. Er fragte sogar die Bundeswehr um Hilfe, obwohl deren Einsatz im Katastrophenfall rechtlich damals nicht abgesichert war.

40 Jahre später startete ein vollbärtiger Umweltminister aus Brandenburg seine Karriere, die ihn bis in den Chefsessel der Bundes-SPD führte: In Jeans und mit aufgekrempelten Hemdsärmeln organisierte Matthias Platzeck den Kampf gegen die Oderflut 1997. Später wurde er „Deichgraf“ genannt. Als Gegenbeispiel dient kein Geringerer als George W. Bush, der sich die Zerstörungen des Hurrikans Katrina zunächst nur aus der Luft ansah – und anschließend in den Beliebtheitswerten dramatisch abstürzte.

Unvergessen ist auch Gerhard Schröders Katastrophen-PR im Wahlkampf 2002: Das Elbhochwasser ließ den Kanzler nach Dresden eilen, wo er zwar nicht helfen konnte, aber schöne Fotos machen ließ. „Leadership in Gummistiefeln“, schrieben die Zeitungen. Und: „Der gestiefelte Kanzler“. Konkurrent Edmund Stoiber dagegen war nach einem kurzen Abstecher ins überschwemmte Passau wieder auf seine Urlaubsinsel Juist zurückgekehrt – dort ging er dann mitsamt seinen Kanzlerambitionen baden.

Politiker wandeln auf einem schmalen Grat: Auf der einen Seite müssen sie sich um ihre in Not geratenen Bürger kümmern. Auf der anderen wirkt ein Auftritt in Gummistiefeln gerade im Wahlkampf schnell wie plumpe PR. In allen Parteien wurde deshalb am Sonntag und Montag sorgsam abgewogen, welcher Auftritt angemessen ist. Christian Ude (SPD) beispielsweise entschied sich gegen Ausflüge im Feuerwehrboot. „Es gehört sich einfach nicht, mit Katastrophen Wahlkampf zu bestreiten“, sagt Ude. Einen für heute geplanten Auftritt im niederbayerischen Markt Schwarzach sagte der Münchner Oberbürgermeister ab – das Bierzelt steht in unmittelbarer Nähe zur Donau. Doch Ude will nicht kritisieren, dass Horst Seehofer und Martin Zeil jetzt ins Krisengebiet eilen. „Das ist die Aufgabe der Exekutive“, sagt auch Margarete Bause, Fraktionschefin der bayerischen Grünen. „Wenn sie’s nicht täten, müsste man ihnen Feuer unter den Gummistiefeln machen.“

Seehofer und Zeil haben trotzdem lange diskutiert, ehe sie gestern Mittag in Oberschleißheim in den Hubschrauber klettern, der sie erst nach Rosenheim und Kolbermoor, dann weiter nach Regensburg bringt. Am Dienstagnachmittag will Seehofer dem Landtag Bericht erstatten, am Mittwoch soll das Kabinett ein Hilfsprogramm über 150 Millionen Euro verabschieden. „Da müssen sich der Ministerpräsident und sein Stellvertreter einfach ein Bild von der Lage machen“, sagt Zeil. Voraussetzung: Die Bürgermeister vor Ort haben nichts dagegen. „Und wir haben natürlich immer gesagt, dass die Einsatzkräfte nicht von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten werden dürfen.“ Heute Morgen sitzen Seehofer und Zeil übrigens gleich wieder im Hubschrauber. Diesmal mit Angela Merkel. Die Kanzlerin steht im Jahr 2013 deutlich besser da als Schröder 2002. Dennoch weiß auch sie, wie sie im Wahljahr punkten kann.

Doch bei Seehofer klingt es nicht nach Wahlkampf. Er bekommt auch Kritisches zu hören – zum Beispiel zum Ausbau des Mangfalldamms. Immer wieder zwangen gesetzliche Vorgaben, fehlende finanzielle Mittel und auch baurechtliche Einwendungen zu Baustopps, klagt der Bürgermeister. Mit dem Ergebnis eines nur teilweise verstärkten Dammes, der diesem Hochwasser nur teilweise standhielt. Der Ministerpräsident zeigt sich berührt und verspricht: „Es ist angekommen und wir werden darüber reden.“ Vielleicht helfen Gummistiefel-Besuche doch.

Von Mike Schier und Franz Hoffmann

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