+
„Ohne euch wären wir nichts“: CSU-Vize Peter Gauweiler bei seinem Auftritt in der Passauer Dreiländerhalle.

Partei verzweifelt an Europa

So lief der politische Aschermittwoch der CSU

  • schließen

Passau - Gauweiler bewahrt die CSU vor einem faden Aschermittwoch. Scharfe EU-Kritik weckt die Halle auf, sorgt aber für Knurren bei seinen Europapolitikern. Seehofer meldet sich mit Eigenlob zu Wort, hat aber keine Stimme.

Er stapft unaufhaltsam die zehn Meter zum Pult, im leicht schaukelnden, kraftstrotzenden Gang eines Bären. Das täuscht. In Wahrheit hat Peter Gauweiler ein ganz menschliches Problem: Er ist aufgeregt. „Der Peter war die ganze Woche schon nervös“, brummt ein guter Bekannter im Publikum. Bis kurz vor der Rede saß er am Biertisch, kritzelte in seinen Unterlagen herum, die Seiten sind mit buntem Textmarker bemalt, erinnern an moderne Kunst. Angeblich ist es die vierte Fassung. Er musste dann noch ganz dringend was im Internet nachschauen und auf der Bank hin und her rutschen.

Man sollte meinen, Gauweiler hätte schon alles erlebt als Politiker. Er sprach vor Parlamenten, Präsidenten, Verfassungsrichtern. Das ist selten ein Publikum, das mit Fischsemmel und Maßkrug auf Bierbänke steigen und singen will. Genauso geht’s aber zu im Allerheiligsten der CSU, wo der 64-Jährige eben noch nie geredet hat. Premiere also als Hauptredner am Aschermittwoch in Passau. Gauweiler weiß: Hier muss er alle Register ziehen. An ihm hängt, ob der Vormittag Fest oder Fiasko wird.

Früher war es ja mal so, dass der CSU-Chef die große Rede gehalten hat. Horst Seehofer ist aber seit Menschengedenken immer an Aschermittwoch grob erkältet. Mehrere mäßige Krächz-Auftritte ließen die Idee reifen, ein guter Co-Redner würde der Halle gut tun. Zuletzt war das Edmund Stoiber, jetzt Gauweiler. Manche in der Halle halten den CSU-Vize für einen komischen Kauz mit einem Märchenkönig-Ludwig-Anstecker am Trachtenjanker. Aber er polarisiert gescheit.

Gauweiler schluckt also seine Aufregung runter mit einem Zug aus dem tönernen Maßkrug. „Eigentlich war ausg’macht, dass es Wasser ist“, stutzt er. Eigentlich war auch schon lange ausgemacht, dass man das bierselige Aschermittwochspublikum nicht als „verehrte Festgemeinde“ anspricht. Eigentlich lässt man auch keine lateinischen Sätze und Philosophen-Zitate durch die Halle wabern. Eigentlich ist das Gauweiler aber wurscht, er macht sein Ding. Er umschmeichelt die 4000. „Ohne euch wären wir nichts“, ruft er demütig. Er fordert sie mit Betrachtungen zur Außenpolitik, unter anderem mit ungewöhnlich viel Verständnis für Putins Russland. Und er heizt sie auf, vor allem mit Attacken auf die europäische Bürokratie.

Das ist die CSU-Linie an diesem Tag: Keine Rüpeleien der Hauptredner gegen die Bundes-SPD, kein Wort zur Kinderporno-Affäre, um das Koalitionsklima nicht komplett zu ruinieren. Stattdessen volle Attacke auf Brüssel. „Die wollen wir durchbohren, die Bürokratenschicht“, schnaubt Gauweiler. Er gestikuliert mit beiden Zeigefingern gleichzeitig, die Mikrofone am Pult wackeln wie Kuhschwänze. Die EU-Kommission schmäht er als „Flaschenmannschaft, die ganz Europa verzweifeln lässt“. In Brüssel sitzen „die ganzen Nackten mit dem Kaiser“. Die Nackten mit dem dummen Kaiser, präzisiert er noch.

Man sieht bei genauem Hinsehen gequältes Lächeln bei manchen der Großkopferten vorne, erste Reihe. Gauweiler trifft nicht immer ihren Ton. In der CSU rückt der alte Richtungsstreit wieder in den Vordergrund, ob man sich nicht europafreundlicher geben soll. Mit einem Gastkommentar in unserer Zeitung hatte der EU-Abgeordnete Manfred Weber noch am Mittwoch versucht, der CSU-Spitze ins Gewissen zu reden: Sie solle weniger schimpfen, mehr gestalten. In Passau stellt er sich, als niederbayerischer Bezirksvorsitzender darf er das, vor Seehofer auf die Bühne und wiederholt die Mahnung in recht frechen Worten. „Grant-Themen gibt es in Berlin auch. Und, Herr Ministerpräsident, auch in München.“

Der Herr Ministerpräsident findet das, so ist zu hören, überhaupt nicht lustig. Seehofer intoniert in seiner Rede die Brüssel-Kritik nämlich fast genauso scharf. Er spricht lang über die „faszinierende Idee Europa“, ätzt dann aber, „dieser Drang der EU-Kommission, jeden Winkel Bayerns zu reglementieren, erstickt die Idee“. Die Kommission brauche „mehr Demokratisierung“. Unter Demokraten ein harter Vorwurf.

Seehofer knöpft sich Weber nicht direkt vor. Er schaut ihn aber mehrfach lange an. „Bei vielen Politikern ist Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit“, spottet er einmal. Es ist nicht der einzige Gruß an die Parteifreunde. Auch Seehofers Selbstlob, laut einer Umfrage stünden 76 Prozent der Bayern hinter seinem Kurs, ist ein Wink für die potenziellen Nachfolger. 76 sei die Messlatte, macht er deutlich. „76 Prozent können nicht irren.“ Er werde sich auch nicht entschuldigen dafür, seine Politik an der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung auszurichten: „Ich werde das noch verstärken.“

Seehofer kämpft sich mit schwindender Stimme durch seine Rede. Es ist kein großartiger Auftritt, eher ein Abhandeln der erwartbaren Themen. Nochmal ein bisschen Solidarität mit dem zurückgetretenen Hans-Peter Friedrich, viel Bayerntümelei, ein paar verschärfte Sätze zur Zuwanderung. „Herzlich willkommen an jeden, der sich an Recht und Ordnung hält, der die deutsche Sprache lernt, der mit uns leben will und nicht neben oder gegen uns.“

Für Passau ist das mild. Das Publikum reagiert verhalten. Beifall, allmählich stehen ein paar höflich auf, aber es gibt keine Jubelstürme. Nichts ist zu hören von den sonst üblichen „Oh, wie ist das schön“-Gesängen – und das am Aschermittwoch nach den Wahlsiegen in Bund und Land. „Das war mir ein bisschen wenig“, sagt einer der CSU-Amtsträger leise über Seehofers Rede und die Reaktionen. Ein, zwei Betrunkene können sogar ungestraft durch die Halle krakeelen, dass Seehofer über was anderes reden solle. Es ist ein krasser Kontrast zur organisierten Jubel-Propaganda aus der Parteizentrale, die Jahr für Jahr immer peinlichere Plakate mit angeblichen Fan-Sprüchen druckt und an die Hallenwand hängt. „CSU: Auch kommunal – einfach genial“ steht diesmal an einer Seite. Und: „Schaut auf Bayern. Schaut auf Horst.“

Politischer Aschermittwoch: Viel Kritik und Gerstensaft

Politischer Aschermittwoch: Viel Kritik und Gerstensaft

Wer auf den Horst schaut, sieht einen Parteichef, der recht froh ist, als es vorbei ist. Gauweiler rettet ihm den Tag, sorgt für einen insgesamt passablen Aschermittwoch. Zum Finale seines Auftritts steigert sich der Gastredner nochmal richtig rein beim Thema Kruzifix. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit, nicht zur Knechtschaft“, ruft Gauweiler, was auch immer er damit sagen will. Er verbeugt sich kurz in den kräftigen Beifall hinein, legt die Hand aufs Herz, also auf das Bild von Ludwig II., und stapft wieder von der großen Bühne.

Von Christian Deutschländer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

SPD stellt umstrittenes Integrationsgesetz auf den Prüfstein
Seitdem das Integrationsgesetz im Dezember vom Landtag verabschiedet wurde, ist es still um die von vielen Verbänden wie Parteien angefeindete Neuregelung geworden. Das …
SPD stellt umstrittenes Integrationsgesetz auf den Prüfstein
Londoner U-Bahn-Anschlag: Polizei nimmt dritten Verdächtigen fest
Die britische Polizei hat nach dem Londoner U-Bahn-Anschlag mit 30 Verletzten einen dritten Verdächtigen festgenommen. Das teilte Scotland Yard am Dienstagabend mit.
Londoner U-Bahn-Anschlag: Polizei nimmt dritten Verdächtigen fest
„Schurkenstaaten“: Trump attackiert bei UN Nordkorea und Iran
US-Präsident Donald Trump hat am Dienstag seine mit Spannung erwartete erste Rede bei der Generaldebatte der Vereinten Nationen gehalten. Dabei schickte er harte Worte …
„Schurkenstaaten“: Trump attackiert bei UN Nordkorea und Iran
Steinmeier verurteilt Aggression im Wahlkampf
In wenigen Tagen wird gewählt. Der Bundespräsident verurteilt Übergriffe und Randale rechter Gruppen. Der Zustand der Gesellschaft macht ihm Sorgen. Die AfD erwähnt er …
Steinmeier verurteilt Aggression im Wahlkampf

Kommentare