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Polit-Folklore: Szene vom Aschermittwoch 2014 in Passau, am Pult Horst Seehofer.

Aschermittwoch

Diplomatie im Bierdunst

Passau - Ein Auftritt zwischen Gerumpel und Diplomatie: CSU-Chef Seehofer will auf dem Aschermittwoch in Passau die Kanzlerin angreifen, aber nicht die Personaldebatte anheizen. Kommen die schrilleren Töne dieses Jahr von der AfD?

Nach üblichen Maßstäben könnte CSU-Chef Horst Seehofer vor dem Aschermittwoch ein höchst zufriedener Mann sein. Seit Monaten setzt die CSU in der Asylpolitik serienweise Forderungen durch. Was Seehofer vorhersagte, trat fast alles ein: verschärftes Recht, gekürzte Leistungen, gesonderte Aufnahmezentren. Dass er in einem weiteren Punkt recht behielt, dämpft die Laune allerdings empfindlich: Die Union ist im Sinkflug, und am rechten Flügel freut sich die AfD über mittlerweile zweistellige Umfragewerte.

Den richtigen Ton in der biergetränkten Passauer Dreiländerhalle zu treffen, wird für Seehofer deshalb nicht leicht. Die 3000 in der Halle wollen Attacken, am liebsten auf die Kanzlerin. Warum auch auf die SPD, die in Teilen der Asylpolitik der CSU näher ist als der CDU? Gleichzeitig muss der CSU-Chef achten, dass die Stimmung nicht ins Dumpfe abgleitet, dass er bei aller Schärfe eine Wortwahl findet, die dem alles überragenden, aber sensiblen Flüchtlingsthema noch gerecht wird. Und dass er das richtige Maß hält bei der Kritik an Angela Merkel. Seehofer spielt zwar ab und zu mit Sticheleien über die Zukunft der Kanzlerin. In der CSU-Vorstandssitzung vor zwei Wochen äußerte er sogar „Verständnis“ für Rücktrittsforderungen an Merkel. An einer unkontrollierbaren Personaldebatte hat er aber auch kein Interesse.

Der Grundton für Seehofers Rede ist intern schon festgelegt: die CSU als Anwalt der kleinen Leute, eine Partei, die Lösungen erzwinge. „Wir stehen für Recht und Gesetz – notfalls sind wir die letzten Preußen in Deutschland.“ Seehofers mäßig netter Gruß an die CDU: Er wisse, dass ganz Deutschland Hoffnungen in die CSU setze.

Seehofer ist alleine Hauptredner, anders als in Vorjahren, als er sich mit Edmund Stoiber und Peter Gauweiler Co-Redner auf die Bühne holte. Die CSU muss deshalb darauf hoffen, dass seine Stimme hält, was bei Seehofer in der Erkältungs-Saison ungewiss ist. Mehrfach machte er in Passau einen angeschlagenen Eindruck. Auch darauf wird genau geachtet werden.

Die Hauptbühne des Spektakels steht somit in Passau. Merkel tritt erst am Nachmittag in Mecklenburg-Vorpommern auf, um Seehofer nicht die Schau zu stehlen. SPD-Chef Sigmar Gabriel macht um Bayern einen Bogen und hilft lieber in Mainz der vom Amtsverlust bedrohten rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Dennoch teilt sich für die CSU die Aufmerksamkeit auf: Rund 750 Zuhörer und 70 Journalisten haben sich für den Auftritt von AfD-Chefin Frauke Petry im niederbayerischen Osterhofen angemeldet. Nach ihrem „Schusswaffen“- Interview wird jedes Wort genau beachtet werden. Auf andere Parteien rhetorisch Rücksicht nehmen muss die AfD nicht. Man hoffe auf ein bisschen „Oktoberfest-Stimmung“, sagt ein Sprecher.

Die weiteren Kundgebungen in Niederbayern: Bei der SPD in Vilshofen spricht Parteivize Olaf Scholz, die Grünen bieten in Landshut Claudia Roth auf, die Freien Wähler in Deggendorf Hubert Aiwanger. An Bord eines Schiffes in Passau spricht für die Linke Bundeschef Bernd Riexinger, die FDP holt sich nach Dingolfing den EU-Parlaments-Vize Alexander Graf Lambsdorff. Zur ÖDP nach Landshut kommt Attac-Mitbegründer Christian Felber.

Hier können Sie den politischen Aschermittwoch 2017 im Live-Ticker verfolgen.

Christian Deutschländer und Carsten Höfer

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