Aschermittwoch der CSU

Der heisere Horst: So war Seehofer

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Heiser krächzt sich Horst Seehofer durch seine Kundgebung. Mal wieder. Dass Passau 2017 für die CSU nicht als Flop endet, liegt an einer cleveren Rede und an einem recht milden Publikum.

Passau – Das gefährliche Wort fällt erst vier Stunden nach Saalöffnung. „Merkel“, sagt Horst Seehofer erstmals, und dann lauschen alle gespannt. Zwei gellende Pfiffe, mehr nicht. „Deutschland ging es noch nie so gut wie heute“, schiebt Seehofer schnell nach, dann Beifall. Das ist glimpflich abgegangen. In Passau, wo CSU-intern ein Auflauf der härtesten Merkel-Gegner zu erwarten war, wird die neue Linie der Annäherung einigermaßen mitgetragen. Später folgen noch ein paar Buhs, aber nur vereinzelt.

Es ist ja der erste politische Aschermittwoch seit der Flüchtlingskrise, in der CSU gärt es noch, ob man die CDU-Kanzlerin wirklich als alte neue Heldin akzeptieren will. Seehofer schafft es mit einer geschickten Rede, nicht in einen Wutsturm seines Passauer Stammtisches zu laufen. Er redet über Menschlichkeit, dann über die Bringschuld Integration, betont seine harte Linie zur Zuwanderung. Und kommt dann vor allem in der Außenpolitik auf Merkel zu sprechen. Nur sie könne das Land, den Kontinent, führen, sagt er.

Der Saal akzeptiert das. Auch, weil die Passauer CSU-Ultras spüren, wie sich Seehofer da oben abmüht. Wie immer um diese Jahreszeit ist er heiser, krächzt, hustet. Nach wenigen Minuten versagt seine Stimme, trotz Halsbonbon und (angeblich) Tee im Krug. Er beugt sich tief übers Pult, damit ihn der Saal noch hört. Es ist kein Beleg der Stärke, aber immerhin der Leidenschaft.

Inhaltlich hat er gar nicht so viel Neues, variiert frühere Auftritte. Kern ist die „Bayern-zuerst“-Dauerthese der CSU. „Das Land, auf das ich einen Eid geleistet habe“, sagt Seehofer mit Pathos. Seine Partei stimmt er auf Kampf ein. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Das kann man jetzt als Wink an Merkel deuten, zügig in den Wahlkampf-Modus zu kommen. Hauptsächlich arbeitet sich die CSU in Passau aber lieber am Feindbild Rot-Rot-Grün ab, am „Kandidaten Schulz“.

Seehofer hat sich dafür – auch aus Einsicht in seine mäßige Passau-Tauglichkeit – ein halbes Dutzend Vor- und Nachredner geholt. Das Konzept schlägt nicht voll durch. Nur Parteivize Manfred Weber kommt gut an, überraschenderweise mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Europa – was für ihn üblich, aber für eine Passauhalle im Fischsemmelmief nicht das klassische Thema ist. Trotzdem gehen die 4000 voll mit. „Wir brauchen ein starkes Europa“, sagt Weber unter Jubel. „Das alte Lied der Nationalisten hat so viel Leid über Europa gebracht.“ Über den SPD-Kanzlerkandidaten sagt Weber: „Wer Martin Schulz wählt, der holt die Türkei in die EU – und das ist falsch.“

Weniger Glück hat Alexander Dobrindt, er redet gegen einen steigenden Geräuschpegel an. Ab und zu zünden seine Pointen. „Claudia Roth als Verteidigungsministerin? Wenigstens ein klares Mittel der Abschreckung.“ Mitunter mühsam gräbt er sich durch die bundespolitischen Themen. Der höfliche Applaus reicht nur, bis der Minister wieder das Treppchen der halbrunden Bühne (ist wohl modern) runtergestiegen ist.

So läuft es auch bei Joachim Herrmann. Er redet über Sicherheit, für seine Verhältnisse energisch, aber die Stimmung kocht nicht. Erst als der Innenminister härtere Strafen gegen Einbrecher fordert, brandet Jubel auf. Vermutlich wurde einigen im Saal schon die Wohnung ausgeräumt. Als Herrmann sich setzt, nimmt er die Brille runter und tupft sich den Schweiß ab. Sein Publikum ist weniger verausgabt.

Weil die Halle am Ende feiert, weil Seehofer nach seiner Rede beidfäustig in die Menge jubeln darf und ihm sogar ein Fan seinen Bierkrug mopst (der Inhalt wird deshalb ewig ein Geheimnis bleiben), gibt es ein versöhnliches Ende. Es ist schon auch ein Zeichen der CSU-Basis an Seehofer, ihn noch ein Weilchen als Chef zu akzeptieren, ob krächzend oder nicht. Vereinzelt gibt es neben den üblichen „Edmund“-Chören (für Stoiber, der nicht spricht, nur winkt) auch „Horsti“-Rufe.

So viel Zuneigung gibt’s nicht immer, das zeigt ein bizarrer Nebenkriegsschauplatz: Seehofer gegen Markus Söder. Der Finanzminister wird in der Halle kaltgestellt, so gut es geht. Er darf nicht reden, kommt auch in den Talkrunden zwischen den Auftritten nie dran. Kein CSU-Redner erwähnt ihn. Keines der von der Parteileitung genehmigten und gedruckten Transparente an der Hallenwand befasst sich mit Söder. „Aufhorstung“ steht da.

Es ist eine beiderseitige Abneigung, abgrundtief. Als Söder in letzter Minute seinen Platz am Nebentisch findet, mit Schildchen markiert, setzt er sich um, lieber mit dem Rücken zu Seehofer. Was Söder von diesem reformierten Spektakel hält, hatte er vorab schon durchblicken lassen. „Wird bestimmt … (lange Pause) toll“, sagte er zu Journalisten spöttisch.

In Passau fällt das manchen auf. Ganz links hinten in der Ecke, wo rein zufällig die Gäste aus Nürnberg platziert wurden, steht Hans Haag aus Fürth mit selbstgebasteltem Plakat samt Strauß-Aufkleber. Er stellt sich tapfer hinter Merkel und Seehofer. Aber: „Ich hoffe trotzdem, dass Markus Söder der Nachfolger von Seehofer wird.“

Hier können Sie den Politschen Aschermittwoch im Ticker nachlesen

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