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Angriffslustig: SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel (links) und der bayerische Landesvorsitzende Florian Pronold teilten in Vilshofen gegen Seehofer und seine CSU aus.

Vilshofen

Aschermittwoch der SPD: Angriffe vom Duzfreund

Vilshofen - Attacken wegen der Energiepolitik, Spitzen gegen Franz Josef Strauß: In Vilshofen stellt Vizekanzler Sigmar Gabriel sein gutes Verhältnis zu CSU-Chef Horst Seehofer auf die Probe. Und noch ein anderer dreht mächtig auf.

Bevor er loslegt, schaut Sigmar Gabriel besorgt zu einem der Biertische nach unten. „Mensch Markus, ich hoffe, du kannst morgen noch ein Wort herausbringen“, sagt er. „Aber deine Frau sagt, besser hier schreien als zu Hause.“ Unten sitzt Markus Rinderspacher, Chef der SPD-Landtagsfraktion, lacht. Gerade hat er zum ersten Mal beim Aschermittwoch geredet. Aber was heißt geredet? Gebrüllt!

Aber dazu später. Denn wer hier im Festzelt in Vilshofen die Hauptrolle spielt, daran gibt es keinen Zweifel: SPD-Chef, Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Gabriel. Das liegt auch am komplizierten Verhältnis zu Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Die beiden sind Koalitionspartner und Duzfreunde. Aber sie haben eine schwierige Phase. Seehofer will Stromtrassen nach Bayern verhindern, dafür aber Gaskraftwerke mit Berliner Hilfe betreiben. Gabriel will die Trassen – aber keine Gaskraftwerke.

Es dauert genau elf Minuten, bis er zum heiklen Punkt kommt. „Meinen Freund Horst kann ich heute nicht vorführen“, behauptet er. Doch dann kommt die volle Breitseite. „Diesen Unsinn müssen wir stoppen – im Interesse Bayerns, aber auch ganz Deutschlands“, ruft er ins Zelt. Über den genauen Verlauf von Leitungen könne man reden. Aber ohne stiegen die Strompreise, Arbeitsplätze seien gefährdet. „Da verschenken wir munter preiswerten Windstrom in Norddeutschland, weil wir ihn nicht nach Süden transportieren können, wo er gebraucht wird“, raunzt Gabriel.

Das hört sich nach verhärteten Fronten an. Ob es tatsächlich so ist, darüber kursieren unterschiedliche Versionen. Es gebe Fortschritte, heißt es in Seehofers Umfeld. Keineswegs, sagen SPD-Leute. Gabriel werde kaum Zugeständnisse machen.

Der Gast aus Berlin teilt munter weiter aus. Er erinnert an die Hakeleien zwischen Seehofer und seinem Finanzminister Markus Söder. „Gegen eine Mitgliedschaft im Kabinett von Horst Seehofer ist eine Folterkammer eine Wärmestube“, lästert er. Bei Attacken auf Söder greife aber der „Täter-Opfer-Ausgleich“. Selbst CSU-Idol Franz Josef Strauß nimmt Gabriel sich vor. Der diesjährige Aschermittwoch in Passau, bei dem die CSU an Strauß’ Geburtstag vor 100 Jahren erinnert, sei ein „Gedenktag mit Veteranen-Reden“. Affären, Freundschaften „mit rechtsradikalen Diktatoren“ – „Der Strauß ist der Letzte, den ich mir für meine Kinder als Vorbild vorstelle“, höhnt Gabriel. Majestätsbeleidigung – aus Sicht der CSU. In Vilshofen johlen die Genossen. Fahnen werden geschwenkt, Bierkrüge nach oben gerissen.

Aber nicht nur mit krachenden Pointen auf Kosten der CSU streichelt Gabriel die Parteiseele. Er wird auch nachdenklich, ruft Friedensappelle ins Zelt. Es geht um den Ukraine-Konflikt. Waffenlieferungen des Westens kämen für ihn nicht infrage, sagt er. Er halte es mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD): „Lieber 100 Stunden verhandeln als eine Minute schießen.“ Rhythmisches Klatschen im Saal.

Und dann ist da noch Rinderspacher. Dass er Aschermittwochsredner ist, hat wohl auch Gerechtigkeitsgründe. Schon jetzt fragt sich mancher, wer die Partei in die nächste Wahl führt. Auch er soll neben Generalsekretärin Natascha Kohnen und Landeschef Florian Pronold seine Bühne bekommen – und er nutzt sie entschlossen. Ein Krug mit Mineralwasser am Pult? Ach was! Rinderspacher verlangt nach Weißbier.

Dann brüllt er sich durch alles, was die bayerische Politik so zu bieten hat. Seehofer und seine Energiepolitik – ein „Standortrisiko“. Und dann die zweifelhaften Geschäfte von CSU-Politikern. Unter Strauß sei es wenigstens noch um Panzer und Starfighter gegangen, heute gehe es nur noch um Spielzeugautos (Haderthauer). So geht es eine halbe Stunde – und die Stimme macht’s mit. Von Heiserkeit ist danach keine Spur.

Til Huber

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