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Ein Europäer in Niederbayern: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz wird auch von (v.l.) Claudia Tausend, Renate Schmidt und Florian Pronold beklatscht.

Jenseits der Trachtenjanker

So lief der politische Aschermittwoch der SPD

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Vilshofen – Kleiner, leiser, reflektierter: Die bayerische SPD schraubt beim Politischen Aschermittwoch 2014 die Drehzahl deutlich nach unten. In Vilshofen wird offensichtlich, dass die Partei nach Ude eine neue Strategie sucht.

Am Ende singen sie alle die Bayernhymne. Na gut, Martin Schulz steht nur stumm dabei. Das liegt aber nicht daran, dass der Bayern-SPD eben eine Peinlichkeit unterlaufen ist. Ausgerechnet dem Vorsitzenden des EU-Parlaments, der 1980 seine Sucht überwunden hat und seitdem keinen Alkohol mehr anrührt, haben sie als Dank einen Himbeergeist und Bier aus der Region überreicht. Nein, Schulz hat die Panne souverän überspielt. Dass er demonstrativ nicht mitsingt, passt eher zum Ton dieser Veranstaltung: Der Westfale will sich auch im tiefsten Niederbayern nicht anbiedern. Nicht bei diesem Aschermittwoch, an dem sich Bayerns SPD so authentisch gibt wie lange nicht.

Was haben sich die Genossen in den letzten Jahren ins Zeug gelegt! Größer, deftiger, bayerischer wollten sie sein als die Schwarzen ein paar Kilometer weiter in Passau. Vor zwei Jahren, als Ude sich auf Augenhöhe mit Horst Seehofer wähnte, entwickelten die Sozis ungeahnte Testosteronschübe. Kamerateams filmten ungläubig euphorische „Ude, Ude“- Sprechchöre und Fähnchen schwenkende Gemeinderäte aus Unterfranken oder Schwaben. Ein Jahr später pilgerten gar 5000 nach Vilshofen, doch der Enthusiasmus ließ schon nach. Das Ergebnis der Landtagswahl zeichnete sich ab. . .

Zeit also, der SPD nach der großen, erfolglosen Ude-Show den Puls zu fühlen. Ude selbst wäscht diesmal lieber am Marienplatz seinen Geldbeutel. Auch die Euphorie ist zuhause geblieben. Das Zelt ist kleiner, die Bierbänke weniger dicht platziert – trotzdem bleiben hinten etliche leer. Etwas mehr als 2000 bayerische Genossen sind gekommen, auch ein paar Österreicher. Weniger Fahnen, kaum Trachtenjanker, dafür viele rote Hemden oder Poloshirts. Der Schock der 20,6 Prozent scheint überwunden, die Stimmung ist aufgeräumt.

Selten ging es bei einem Aschermittwoch so friedlich zu. Selbst Florian Pronold, jetzt ja Herr Staatssekretär, übt sich in großkoalitionärer Zurückhaltung. Bei Pronold langt das immer noch für genügend Breitseiten auf die CSU. Aber der Landesvorsitzende schießt weniger übers Ziel hinaus als sonst, weshalb es seine bislang beste Rede am Aschermittwoch ist. CSU-General Scheuer nennt er nur „den kleinen Doktor“. Den „lieben Horst Seehofer“ weist er darauf hin, er müsse keine Angst vor Windrädern haben. „Es gibt kein Windrad in Bayern, das sich so schnell drehen kann wie Horst Seehofer selbst.“ Beim Finanzminister wird Pronold deutlicher – „schamlos gelogen“ habe Markus Söder bei den GBW-Wohnungen.

Das war’s dann auch schon mit Deftigkeiten. Pronold ist der einzige im Trachtenjanker, die anderen Redner tragen Zwirn. Und Ulrich Maly redet auch so: Gleich zu Beginn verkündet der Nürnberger Oberbürgermeister selbst, dass er für Bierzeltreden eigentlich der Falsche sei – und redet dann mutwillig 2000 Leute still. Nicht saufen sollen sie, sondern nachdenken! Also zitiert Maly erst Jürgen Habermas und Jean-Jacques Rousseau, um später noch eine längere Passage von Max Weber vorzulesen. „Das funktioniert auch im Bierzelt“, stellt er freudig fest.

Nun ja. Geht so. Aber es passt. Weil es ehrlich ist. Es ist offensichtlich, wie Bayerns SPD wieder einen eigenen Ton sucht. Weniger krachledern, dafür mit Tiefgang präsentiert sie sich. In den nächsten Jahren wird sie einen der drei Jungen – Pronold, Fraktionschef Rinderspacher oder Generalsekretärin Kohnen – zum Kandidaten aufbauen müssen. Oder eben doch Maly. Aber keiner von ihnen wirkt im Bierzelt authentisch. „Der SPD fehlt das Bayern-Gen“, hat Horst Seehofer drüben in Passau gesagt. Vilshofen beweist, dass ihr zumindest das Volkstümliche fehlt.

Aber sie kann diesmal zuschauen, wie man’s macht. Beim ehemaligen Bürgermeister von Würselen bei Aachen. Martin Schulz verbietet sich Bayerntümelei ebenso wie Attacken auf die CSU. Bald will er der EU-Kommission vorsitzen, als „Bürgermeister von Europa“ quasi. Und seine Rede ist eine überzeugende Bewerbung mit Tiefgang, mit nachdenklichen und emotionalen Momenten. „Nehmt nicht alle, die die EU kritisieren, als Antieuropäer“, sagt er. Ob er damit auch die CSU meint? Jedenfalls preist er die europäische Idee, die den Frieden auf den Kontinent gebracht habe. „Wenn wir diese Idee retten wollen, dann müssen wir die Europäische Union reformieren.“ Sozialer müsse sie werden, demokratischer, gerechter – „vom Kopf auf die Füße“ müsse man sie stellen. Bei der CSU würde man das unterschreiben. Doch während in Passau die Kritik im Vordergrund steht, gibt es in Vilshofen ein flammendes Plädoyer für Europa. Auch Schulz, der Europäer, bleibt authentisch. Die Genossen sind begeistert.

Am Ende herrscht Zufriedenheit. Der einzige Schnitzer in Sachen Authentizität unterläuft der SPD auf Twitter – im fernen Berlin. Irgendjemand schickt da im Namen des Bundesvorstands Grüße nach Niederbayern: „Mia o’fangn mid zünftiga Blasmusi. Wa schunkelt mid?“ Das sollte wohl bairisch sein.

Von Mike Schier

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