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Stopplig und smart: FDP-Chef Christian Lindner in Dingolfing.

Politischer Aschermittwoch

Wider die „Verschulzung“ der Politik

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Sie nennen es das politische Wiederauferstehungsprojekt 2017 – Beginn: ab sofort. Der politische Aschermittwoch der FDP ist ein einziges Motivationstraining für die Bundestagswahl. Denn die Liberalen wissen: Es steht alles auf dem Spiel.

Dingolfing – Ist das jetzt eigentlich schon Größenwahn? Als der stoppelbärtige Christian Lindner, 38, von links hinten in den Saal flitzt, ertönt leise eine bekannte Melodie. Je näher er der Bühne kommt, desto lauter wird sie. Gut, man muss genau hinhören, die Stadtkapelle ist kein Filmorchester – aber man erkennt es, das Star-Wars-Thema. Oha, greift die lange geprügelte FDP jetzt nach dem Imperium?

In jedem Fall muss sich die Partei erst mal mit dem Stadthallen-Imperium in Dingolfing begnügen. Im Saal sind 500 Gäste – die SPD hat drüben in Vilshofen zehn Mal so viele, aber wer will sich denn mit denen vergleichen? Außerdem ist der Raum „bumsvoll“ (Bayerns Generalsekretär Daniel Föst), kein Vergleich zum traurigen Aschermittwoch 2015. Damals war die FDP im Umbruch. Jetzt atmen sie hier den Aufbruch.

Bundeschef Christian Lindner ist der Hoffnungsträger. Und Hoffnung können die Liberalen gut gebrauchen. Denn nach vier Jahren Abstinenz ist die Rückkehr in den Bundestag Pflicht. Daniel Föst spricht gestern vom „Schicksalsjahr“. An ein Scheitern möchte lieber niemand denken.

In Dingolfing machen sie sich Mut. Föst darf zuerst ran, krittelt am G8/G9-Ewigkeitsprojekt der Staatsregierung herum und schießt sich dann auf Martin Schulz ein. Manche, sagt er, nennen ihn schon Sankt Martin. „Aber der hat seinen eigenen Mantel geteilt, Schulz will unser Geld verteilen.“ Anstandsapplaus. Außerdem sei der SPD-Mann ein Meister alternativer Fakten. „Wir lassen eine Verschulzung der Politik nicht zu.“

Einige im Saal sägen derweil an ihren Weißwürsten – bis endlich die Hoffnung auf Verlindnerung die Bühne betritt. „Grüß Gott“, sagt er, um gleich darauf den Ton für die nächsten Monate zu setzen. Man müsse „aufstehen gegen die Verrohung und Verprollung der politischen Sitten“, ruft Lindner. Seine FDP soll die Partei der gut durchdachten Argumente sein, nicht die der harten Attacken.

Lindner redet frei, über eine Stunde lang. Und er wird auch ohne Dampfhammer deutlich. Schulz wirft er gleich mehrmals „soziale Heuchelei“ vor. Die Forderung nach längerem Bezug von Arbeitslosengeld I sei eine „Stilllegungsprämie“ für arbeitsfähige Leute – unsozial. Das Liebäugeln mit einer Reichensteuer – ebenfalls. Das Gerechtigkeitsproblem sei nicht der deutsche Ingenieur mit Geld. „Es heißt Apple, Amazon und Google, die ihre Gewinne nicht versteuern.“

Das klingt nicht nach einer Annäherung an Schulz’ SPD. Aber auch in die andere Ecke schickt der FDP-Chef keine Koalitions-Bewerbung. Die Grünen schmäht er als Bevormunder, die statt Autofasten lieber auf einen „Schwafelverzicht bis Ostern“ setzen sollten. Als er auf Dobrindts „Rache-Maut“ zu sprechen kommt, knarzt der Bühnen-Boden. „Die kostet mehr, als sie einbringt. Das ist im Grunde wie bei Dobrindt selbst.“

Und dann zeigt Lindner, der ja gerne als Welterklärer unterwegs ist, dass er auch das Land versteht. Die „romantische Wellness-Landwirtschaft“ mit all ihren Vorschriften sei eine Idee realitätsferner Städter, die keine Ahnung von den Produktionsbedingungen vor Ort hätten. Plötzlich Riesenjubel, ein Wahnsinn. Zum ersten Mal kocht der Saal.

Lindner kommt noch auf vieles zu sprechen – die Bedeutung eines geeinten Europas, die Wichtigkeit eines Einwanderungsgesetzes, die Plage des Bürokratismus. Als er die großen Linien gezeichnet und die kleinen Baustellen abgehakt hat, geht er mit einem kurzen Winken von der Bühne. Die 500 im Saal stehen auf und es wabert tatsächlich so etwas wie Zuversicht durch die Luft. Nein, kein Größenwahn. Aber die Geprügelten glauben wieder an sich.

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