Die Bildkombo zeigt den US-Präsidenten Donald Trump und Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten.
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Die Umfragen für die Präsidentschaftswahl 2020 sehen den demokratischen Kandidaten Joe Biden vor Donald Trump. Allerdings kann dies täuschen.

Die Welt des Electoral College

Präsidentschaftswahlen in den USA: So wird das Staatsoberhaupt gewählt

Bei der Präsidentschaftswahl gehen die Stimmen der Bevölkerung nicht direkt an die Kandidaten. Gewählt werden diese von den sogenannten Wahlmännern des Electoral College.

  • Die Präsidentschaftswahlen der USA sind indirekte Wahlen.
  • Die eigentliche Wahl erfolgt durch die Wahlmänner in jedem Bundesstaat.
  • Die Wahlen finden alle vier Jahre Anfang November statt.

Washington – In den meisten Ländern stimmt die Bevölkerung direkt für ihren Wunschkandidaten für das Amt des Regierungschefs ab, doch die Präsidentschaftswahlen der USA folgen einem anderen Wahlverfahren. Sie werden darum als indirekte Wahlen bezeichnet, deren Ergebnisse nicht immer zu 100 Prozent dem Wählerwillen entsprechen. Kandidaten, die bei Umfragen noch führten, unterlagen schließlich dem Gegner, der mehr Wahlmänner auf sich vereinen konnte. Daher sind Umfragen, die die Wahlmänner der Bundesstaaten berücksichtigen, repräsentativer als reine Beliebtheitswerte bei der Bevölkerung.

Die Präsidentschaftswahlen der USA und die Wahlmänner

Entscheidend für den Ausgang der Präsidentenwahlen sind letztendlich nicht die Stimmen der Bevölkerung, sondern die der Wahlmänner des Electoral College (Wahlkollegium). Dieses setzt sich aktuell aus 538 Electors (Wahlmännern und -frauen) zusammen. Jeder Bundesstaat der USA verfügt über eine bestimmte Anzahl an Wahlleuten, die den Vertretern des Staates im Kongress (Repräsentantenhaus und Senat) entsprechen:

  • Jeder Bundesstaat stellt 2 Senatoren. Dies entspricht 100 Wahlmännern.
  • Im Repräsentantenhaus sitzen 435 Abgeordnete (= 435 Wahlmänner), wobei Staaten mit hoher Bevölkerungszahl mehr Abgeordnete stellen. Sieben Staaten stellen derzeit nur einen Repräsentanten.
  • Der Bundesdistrikt (District of Columbia) entsendet zusätzlich 3 Wahlmänner (die den beiden Senatoren der Staaten und dem einen Repräsentanten der bevölkerungsärmsten Staaten entsprechen).

Die Tradition der Wahlmänner führt dazu, dass Stimmen unterschiedlich gewichtet sind. Im bevölkerungsreichen Kalifornien, das 55 Abgeordnete stellt, repräsentiert ein einziger Wahlmann die Stimmen von 677.000 Bürgern, im dünn besiedelten Wyoming nur 187.000 Bürger.

Dies war durchaus Absicht der amerikanischen Gründerväter, die sich dieses Wahlverfahren Ende des 18. Jahrhunderts ausdachten. Sie befürchteten, dass kleine Bundesstaaten wie New Hampshire ansonsten übersehen werden könnten.

The Winner Takes It All

Bei der Präsidentschaftswahl stimmt die Bevölkerung nur auf dem Wahlzettel (Ticket) für ihren Wunschkandidaten für die Ämter des Präsidenten und des Vizepräsidenten.

Tatsächlich stimmen sie jedoch für die Wahlmänner des Staates ab, die wiederum von den beiden Parteien gestellt werden. Die Partei, deren Kandidat die Stimmenmehrheit erreicht, bekommt die Stimmen aller Wahlmänner, auch die der Gegnerpartei.

Dieses „The Winner Takes It All“-Prinzip war zuletzt immer mehr umstritten. Bei der Präsidentschaftswahl 2000 konnte der demokratische Kandidat Al Gore 50,99 Millionen Wählerstimmen für sich gewinnen, der republikanische Kandidat George W. Bush dagegen nur 47,9 Millionen. Weil große Staaten mit vielen Wahlmännern jedoch für Bush stimmten, erhielt dieser 271 Stimmen der Wahlmänner und Gore nur 266. Bush wurde Präsident. Auch Hillary Clinton lag 2016 bei der Gesamtzahl der Wählerstimmen zwei Prozentpunkte vor Donald Trump.

Ungebundenheit der Wahlmänner

In 26 Bundesstaaten und im Bundesdistrikt sind die Wahlmänner per Gesetz und Gelöbnis dazu verpflichtet, für den Kandidaten zu stimmen, der in ihrem Bundesstaat gewonnen hat. In 24 Bundesstaaten sind sie dagegen ungebunden, das heißt, sie könnten theoretisch auch gegen den Wählerwillen stimmen. Diese „Faithless Electors“ sind jedoch Ausnahmeerscheinungen, die seit 1796 keine Wahl mehr entscheidend beeinflusst haben.

Bei der letzten Präsidentschaftswahl 2016 verweigerten zwei republikanische Wahlmänner Donald Trump ihre Stimme und acht demokratische Wahlmänner Hillary Clinton.

Die Präsidentschaftswahl und die Swing States

Viele Bundesstaaten gelten als feste Bastion einer bestimmten Partei. So stimmen vor allem liberale Bundesstaaten im Nordosten und an der Westküste mehrheitlich demokratisch, konservative Staaten im Süden und im Mittleren Westen republikanisch. Daneben gibt es eine ganze Reihe Swing States, bei denen keine deutliche Mehrheit erkennbar ist.

Diese sogenannten Swing States werden von den Präsidentschaftskandidaten entsprechend stark umworben. Da bevölkerungsreiche Swing States über mehr Wahlmänner verfügen, stehen diese ganz besonders im Mittelpunkt der Umfragen.

Aktuell sind folgende Swing States für die Präsidentschaftswahl 2020 von Interesse:

StaatWahlmännerTrumpBiden
Florida2945,6 %47,8 %
Pennsylvania2044,1 %49,7 %
Ohio1846,6 %47,0 %
Michigan1642,7 %49,8 %
North Carolina1545,5 %46,9 %
Arizona1144,8 %47 %
Wisconsin1043,6 %50,2 %

(Stand Ende September 2020)

Die Präsidentschaftswahl und das Wahlverfahren in den USA

Das Wahlverfahren bei der Präsidentschaftswahl ähnelt dem anderer demokratischer Staaten. Die Teilnahme an der Wahl ist am Wahltag vor Ort in einem Wahlbüro möglich oder vorab per Briefwahl oder persönlich. Diese ermöglicht es, im Ausland lebenden Amerikanern und auf ausländischen Stützpunkten lebenden Soldaten ihre Stimme abzugeben.

Obwohl theoretisch auch andere Parteien und parteilose Kandidaten zugelassen sind, laufen die Präsidentschaftswahlen in den USA auf einen Zweikampf zwischen den Demokraten und den Republikanern hinaus. Die Kandidaten wurden durch die Bevölkerung bei Vorwahlen (Primaries) bestimmt.

Noch in der Nacht nach den Wahlen werden die Wählerstimmen ausgezählt. Damit wird bekanntgegeben, welche Bundesstaaten für welche Wahlmänner gestimmt haben. In einigen Fällen kann die Auszählung der Stimmen auch länger dauern. Bei der Präsidentschaftswahl 2000 stand das exakte Wahlergebnis im hart umkämpften Swing State Florida erst mehr als einen Monat nach der Wahl fest. Floridas 25 Wahlmänner sicherten George W. Bush einen mit 271 von 270 erforderlichen Stimmen denkbar knappen Einzug in das Weiße Haus.

Der weitere Ablauf

Nach der eigentlichen Wahl dauert es noch zwei Monate bis zur tatsächlichen Bekanntmachung und Vereidigung des Präsidenten.

  • 41 Tage nach dem Wahltag kommen die Wahlmänner in den Hauptstädten der Bundesstaaten zusammen (Meeting of Electors). Dabei geben sie offiziell ihre Stimmen ab.
  • Die Stimmzettel werden versiegelt an den Präsidenten des Senats gesendet.
  • Anfang Januar werden die Stimmzettel ausgezählt. Erst jetzt wird der offizielle Sieger der Präsidentschaftswahl verkündet.
  • Am 20. Januar findet die offizielle Vereidigung des Präsidenten statt (sofern es sich nicht um eine Wiederwahl handelt).

Die langen Pausen im Wahlverfahren sind der Geografie der USA geschuldet. In früheren Zeiten mussten die Wahlmänner zunächst per Kutsche oder hoch zu Ross über längere Distanzen in die Hauptstadt des Bundesstaates reisen. Anschließend wurden die Stimmzettel von einem berittenen Kurier nach Washington gebracht. Auch wenn dies heute wesentlich schneller ginge, wird am Wahlverfahren festgehalten.

Die Präsidentschaftswahl 2020: Aktuelle Umfragen

Die Umfragen für die Präsidentschaftswahl 2020 sehen den demokratischen Kandidaten Joe Biden vorn. Allerdings kann dies täuschen. Auch Hillary Clinton lag bei den letzten Wahlen 2016 in den meisten Umfragen vorne und konnte die Wahl dennoch nicht gewinnen. In den letzten Tagen sanken die Umfragewerte des amtierenden Präsidenten Donald Trump nach dessen Corona-Erkrankung weiter. Doch vor allem in den Swing States ist nach wie vor viel offen.

Die US-Bundesstaaten und ihr voraussichtliches Wahlverhalten

Der Überblick über die verschiedenen US-Bundesstaaten und das voraussichtliche Wahlverhalten (in Klammern die Zahl der Wahlmänner) spiegelt den Stand Ende September 2020 wider.

Fest für die Demokraten:

  • Kalifornien (55)
  • Connecticut (7)
  • Delaware (3)
  • District of Columbia (3)
  • Hawaii (4)
  • Illinois (20)
  • Maine First District* (1)
  • Maryland (10)
  • Massachusetts (11)
  • New Jersey (14)
  • New Mexico (5)
  • New York (29)
  • Oregon (7)
  • Rhode Island (4)
  • Vermont (3)
  • Washington (12)

Vermutlich für die Demokraten:

  • Colorado (9)
  • Maine* (2)
  • Virginia (13)

Fest für die Republikaner:

  • Alabama (9)
  • Arkansas (6)
  • Idaho (4)
  • Kentucky (8)
  • Louisiana (8)
  • Mississippi (6)
  • Nebraska* (4)
  • North Dakota (3)
  • Oklahoma (7)
  • South Dakota (3)
  • Tennessee (11)
  • West Virginia (5)
  • Wyoming (3)

Vermutlich für die Republikaner:

  • Alaska (3)
  • Indiana (11)
  • Kansas (6)
  • Missouri (10)
  • Montana (3)
  • South Carolina (9)
  • Utah (6)

Keine eindeutige Mehrheit:

  • Florida (29)
  • Iowa (6)
  • Ohio (18)
  • Georgia (16)
  • Maine 2nd District* (1)
  • North Carolina (15)
  • Michigan (16)
  • Minnesota (10)
  • Nebraska 2nd District* (1)
  • New Hampshire (4)
  • Pennsylvania (20)
  • Wisconsin (10)
  • Nevada (6)
  • Arizona (11)
  • Texas (38)

*Maine und Nebraska weichen vom „Winner Takes It All“-Prinzip der Wahlen ab.

Mögliche Einflüsse auf das Wahlverhalten

In vielen Bundesstaaten ist es in den letzten Jahren zu gesellschaftlichen Umwälzungen gekommen. So galt Texas einst als konservative Bastion der Republikaner. Doch in den letzten Jahren stieg der Bevölkerungsanteil der Latinos, Schwarzen und Asiaten, die eher zu den Demokraten tendieren. Im konservativen Georgia im tiefen Süden entwickelte sich vor allem rund um die Metropole Atlanta eine jüngere liberale Wählerschicht, die ebenfalls den Demokraten zugeneigt ist.

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