Der Prediger aus Mannheim

- München - Die höchsten Weihen hat Xavier Naidoo, der in Deutschland Millionen von Tonträgern verkauft, eigentlich erst im vergangenen August erhalten: An der Fakultät für Evangelische Theologie der Uni Frankfurt am Main wurde da eine Diplomarbeit abgegeben, mit dem Titel: "Die Interpretation der Johannesapokalypse in den Liedtexten Xavier Naidoos".

Naidoo, der es gerne hat, wenn man seinen Vornamen wie das englische "Saviour" (Heiland) ausspricht, dürfte das wissenschaftliche Interesse gefallen haben - wenn er's überhaupt mitbekommen hat. Für evangelische Theologie interessiert er sich nicht so.

Kritiker bezeichnen Naidoo als Fundamentalisten mit Engelszunge

Wer sich die halsbrecherische Grammatik in den Liedern des 34-jährigen Mannheimer Superstars bewusst zu Gemüte führt, dürfte letztlich zu dem Schluss kommen, dass in Frankfurt mit akademischen Kanonen auf arg magere Spatzen geschossen wurde. Eines aber lässt sich nicht von der Hand weisen: Naidoo begeistert Millionen von Fans nicht nur mit dem samtenen Soul seiner Stimme, sondern besonders mit dem Seelenheil, das er predigt.

Am Anfang tat er dies streng: Als der Sänger 1997 auf der Bildfläche erschien, war der Weltuntergang stets greifbar nahe. Die Texte seiner Band "Die Söhne Mannheims" in puncto Jüngster Tag eine Mischung aus Kinderbibel und Hollywood-Action: "Die Bombe könnt ihr nicht entschärfen/ Armageddon kommt prompt und zerfetzt euch die Nerven/(...) Erst guckt ihr voll apathisch, und dann liegt ihr fett im Dreck." Mit Zeilen wie diesen löste Naidoo bei Kritikern Heulen und Zähneknirschen aus und heimste sich den Ruf eines Fundamentalisten mit Engelszunge und schlichtem Weltbild ein.

Mittlerweile haben sich die Töne geändert. Kein Pech und Schwefel mehr, dafür Liebe und Erlösung. "Bist du am Leben interessiert?", fragt er auf seiner neuen CD "Telegramm für X". Missionarischer Eifer und religiöse Bilder finden sich noch in ausgesprochenen Liebesliedern wie den Hits "Sie sieht mich nicht" oder "Ich kenne nichts". Die Kirchen hätten es in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, die Jugendlichen für sich zu begeistern, bestätigt Naidoo in einem "Spiegel"-Interview: "Wer heute an etwas glaubt, gilt doch als uncool. Egal, ob es sich um Politik oder um die Kirche oder Gott handelt."

Sogar Religionslehrer verwenden Naidoos Texte im Unterricht

Mit seiner Religiosität steht Naidoo durchaus in einer langen Tradition. Amerikanische Soul-Legenden wie Marvin Gaye, Solomon Burke, Al Green oder Aretha Franklin hatten wohl einen ähnlichen Zugang zur Musik und zu Gott wie der Sohn südafrikanischer Gastarbeiter: Die Mutter sang dem kleinen Xavier den Gospel "Amazing Grace" vor, später tat er selbiges im Kirchenchor. Sein eigentliches Pfingsterlebnis will Naidoo jedoch an einem Silvesterabend zu Beginn der 90er-Jahre gehabt haben. Kurz zuvor war sein Vater gestorben, und er nahm dessen Bibel zur Hand, um darin zu blättern: "Am Tag danach fühlte ich mich, als hätte ich ein Ufo gesehen."

Man kann dem Sänger kaum vorwerfen, er würde nicht praktizieren, was er predigt. Naidoo engagiert sich unter anderem in verschiedenen Projekten gegen Rassismus (als Sechsjähriger musste er während seiner ersten Reise in die südafrikanische Heimat seiner Eltern bei Burger-King in einem gesonderten Raum für Farbige essen). Wasser in den Messwein gießt nur Sänger Claus Eisenmann, den Naidoo kürzlich bei den "Söhnen Mannheims" feuerte: "Er führt die Band wie ein Diktator", revanchierte sich der Rausgeworfene.

Solche Misstöne finden sich auf Naidoos Homepage freilich keine: Dort berichten Fans wiederholt, dass der Prophet ihnen das Leben gerettet oder ihnen den Glauben wiedergeschenkt habe. Sogar Religionslehrer beziehen seine Texte in ihren Unterricht mit ein. Die Reaktionen in der Kirche sind darauf freilich gespalten, und in der Tat fühlt man sich bei Naidoo oft wie beim Opium-Dealer fürs Volk: "Hüte deinen Wortschatz, verliere keinen Ton/ Aus heiterem Himmel erntest du den Lohn,/ denn voraus gehen meist Jahre voller Schmerzen aller Art./Sieh es als Prüfung und ernte deine Saat."

Fakt ist, dass diese Texte so vage gehalten sind, dass sie zu Deutungen aller Art einladen. Mag sein, dass sie in unübersichtlichen Zeiten spirituelle Nestwärme bieten. Wie Naidoo sie singt, kommen sie jedenfalls süß und sahnig rüber. Ob das alles nun wirklich tief empfundene Menschenfischerei ist oder doch nur eine verkaufsfördernde Maßnahme in eigener Sache, bleibt eine Frage des Glaubens. Vermutlich ist es beides.

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