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Martin Schulz verzichtete am Freitag überraschend auf den Außenminister-Posten.

„Hoch gepokert und völlig verzockt“

„Oje, SPD“ und „Sündenbock Schulz“: Das vernichtende Presseecho im Überblick 

Am Freitag hat SPD-Chef Martin Schulz erklärt, freiwillig auf das Amt des Außenministers zu verzichten - der innerparteiliche Druck war zu groß. So reagierte die Presse.

„La Repubblica“ (Italien)

„Martin Schulz war nur für 36 Stunden Außenminister. (...) Er ist der Ziggy Stardust der deutschen Politik. Der Alien, der vor einem Jahr von Brüssel nach Berlin katapultiert wurde und wie ein Gott einer führungslosen Partei gefeiert wurde. Er wurde in tausend Stücke gerissen. (...) Er ist in diesen Monaten der perfekte Sündenbock einer Partei geworden, die seit zehn Jahren in einer Identitätskrise steckt und die zu vergessen versucht, dass sie ihn vor einem Jahr gerufen hat.“

„Huffington Post“ 

„Die Sozialdemokraten sind trotz der für sie überraschenden Ämterausbeute völlig ins Chaos gestürzt. Erst ätzte der im Posten-Karussell leer ausgegangene Sigmar Gabriel gegen die Parteispitze, dann meuterte die gesamte Sozialdemokraten-Führung gegen Martin Schulz. Um ein bei den Sozialdemokraten so beliebtes Fußballbild zu bemühen: Das war ein Nachtreten mit anschließender Rudelbildung. Jetzt ist nicht nur Gabriel seinen Job los, sondern auch Schulz. (...) Wie die Roten die Parteibasis noch von dieser GroKo überzeugen sollen, an der sogar die Schwarz-Rot-Freunde in der Partei zerbrechen, ist ein Rätsel. Anfang März droht für sie ein Debakel mit Ansage.“

 „Süddeutsche Zeitung"

„Einige Parteifreunde sollen Schulz in den vergangenen Tagen an Scharpings Satz erinnert haben. Vielleicht hat ihn das von seinem Vorhaben abgebracht, nach dem Job des Außenministers in einer möglichen neuen großen Koalition zu greifen, obwohl er doch versprochen hatte, niemals in ein Kabinett unter Kanzlerin Merkel einzutreten. Vielleicht war es der Sturm der Entrüstung, der öffentlich über Martin Schulz hinwegbrauste. Und sicher hat eine Rolle gespielt, dass ihm nun, was längst überfällig war, andere Spitzengenossen die Gefolgschaft aufgekündigt haben."

„Die Welt“ 

„Martin Schulz hat hoch gepokert und sich vollkommen verzockt - in mehrfacher Hinsicht. Die SPD ertrug das mit Selbstverleugnung und Schmerzfreiheit. Ein kollektives Führungsversagen, wie es dies selten in der SPD gegeben hat. Nicht zufällig erwies sich die Fraktion als immer einen Schritt dem Parteivorstand voraus. Die Abgeordneten kannten offenbar besser als Schulz die Stimmung in der Bevölkerung. Einst hatte Schulz über Gabriel gesagt, der reiße mit dem Hintern alles wieder ein, was er zuvor aufgebaut habe. Bei Schulz, dem erfolgreichen früheren EU-Parlamentspräsidenten, fällt einem eigentlich gar nichts ein, was er seit seiner Ausrufung zum Parteichef und Kanzlerkandidaten im Januar 2017 aufgebaut haben soll. Eingerissen hat er umso mehr.“

„Badische Zeitung“ 

„Oje, SPD! Weit weg von der Intensivstation ist die alte Tante nicht mehr. Im Innersten zerrissen und nach außen konfus erscheint sie in diesem Zustand allenfalls bedingt regierungsfähig. Martin Schulz jedenfalls, dessen Kurzzeit-Ära nun ein jähes Ende fand, hat der SPD nicht gut getan. Der Hype um ihn entpuppte sich als Verblendung, der folgende Absturz als große Ernüchterung. Beides ist nicht nur seine Schuld. Doch das ändert nichts daran, dass der Blick auf diese Partei einen geradezu beelendet.“

„Heilbronner Stimme“ 

„Des einen Leid, des anderen Freud? Eigentlich hätte die SPD feiern können. Wahlverlierer, aber Koalitionsgewinner. Und was passiert? Andrea Nahles, Martin Schulz, Olaf Scholz - aber auch Sigmar Gabriel geht es nur um Posten. Ein intransparentes Tauziehen, das nur eines beweist: Erst das Amt, dann der Inhalt. Schulz abgesägt, dafür aber mit dem Amt des Außenministers entschädigt. Andrea Nahles hat damit schon vor ihrer Wahl zur neuen Parteichefin ein Eigentor geschossen.“

„Mitteldeutsche Zeitung“ 

„So amüsant fernstehenden Beobachtern das Gemetzel in der SPD-Spitze erscheinen mag, so ist es doch wahrscheinlich für treue SPD-Wähler, Mitglieder gar, eine zutiefst demoralisierende Erfahrung, wie da ständig unter dem Vorwand, dass natürlich die „persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen“ (Martin Schulz), die SPD seit vielen, vielen Jahren zugrunde gerichtet wird. Dem politisch interessierten Publikum wird derzeit vorgeführt, dass der Wille zur Ohnmacht nicht nur deutlich weiter verbreitet ist als der zur Macht, sondern auch erheblich desaströser wirkt. Es ist nicht zu fassen, wie eine Partei sich selbst entmachtet.“

„Mannheimer Morgen“ 

„Schulz ist nicht nur ein Missverständnis, ein Unfall in der sozialdemokratischen Geschichte, sondern er ist in den letzten Monaten zum Super-Gau der Genossen geworden. Nicht andere haben ihn zu Fall gebracht. Endgültig zu Fall gebracht hat Schulz sich allein. Er ist Opfer des Chaos, das er angerichtet hat in einer Partei, die ohnehin anfällig ist für selbstzerstörerisches Verhalten. Sein Verzicht könnte nun die entscheidenden Stimmen für die Groko bringen. Ob damit aber auch das Chaos in der SPD beendet sein wird, ist nicht sicher. Schließlich muss sich die Partei nun auch selber fragen, wieso sie sich in Martin Schulz so irren konnte.“

„Kölner Stadt-Anzeiger“ 

„Die SPD führt derzeit vor, wie der Wille zur Ohnmacht den Willen zur Macht nicht nur deutlich überwiegt, sondern auch erheblich desaströser wirkt. Es ist nicht zu fassen, wie eine Partei sich ohne Not derart entmachtet. Martin Schulz wird in der Versenkung verschwinden. Nicht einmal die Friedrich-Ebert-Stiftung wird ihm als Austraghaus noch zur Verfügung stehen.“

„Augsburger Allgemeine“ 

„Schulz fing an als einer, der sich nicht verbiegen lassen wollte. Und er endet als einer, dem die absurdesten Verrenkungen nicht zu peinlich waren, um seine eigene Karriere zu retten. Das Scheitern des SPD-Vorsitzenden ist aber auch eine tragische Geschichte. Die Schuld an einem derart historischen Absturz, wie ihn die SPD gerade erlebt, kann unmöglich ein Mann allein tragen. Doch jene Genossen, die Schulz am Anfang noch zu Füßen lagen, traten ihn am Ende mit Füßen. Sein Rückzug war die beste Entscheidung seit Monaten - auch für ihn selbst.“

„Rheinpfalz am Sonntag“

Sigmar Gabriel hat den Parteifreund Schulz vernichtet, weil er Außenminister bleiben wollte. Die CDU hat sich im Koalitionspoker bis aufs Blut erpressen lassen, weil Angela Merkel Kanzlerin bleiben wollte. Merkel, Schulz, Seehofer haben beim Koalitionspoker um ihre Karrieren gerungen, nicht um die Zukunft des Landes: Das ist die Botschaft im Februar 2018. Das Traurige, Desaströse an der Lage der SPD, ja der großen Parteien: Es ist ein Schockzustand erreicht, an dem Inhalte beim Volk kaum mehr Wirkung zeigen werden. Wer erträgt diese Leute noch? Wäre der Koalitionsvertrag der beste der Welt - er würde wohl verpuffen. Hätte die SPD statt drei Schlüsselministerien fünf gekriegt oder alle: Es hätte ihr bei der nächsten Wahl nichts gebracht.

In unserem Ticker lesen Sie alle aktuellen News zur Großen Koalition 2018.

AFP/dpa

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