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Papst Franziskus will über die Priesterweihe verheirateter Männer nachdenken.

Priesterweihe von verheirateten Männern

Papst Franziskus öffnet ein Fensterchen zur Freiheit

Papst Franziskus will über die Priesterweihe verheirateter Männer nachdenken – und setzt mit seiner Äußerung in Deutschland eine Diskussion in Gang. Auch hier bereitet der Priestermangel der katholischen Kirche große Probleme.

Rom/München – Am kommenden Montag ist Papst Franziskus vier Jahre im Amt. Während die Leitung der katholischen Kirche durch Jorge Bergoglio vor allem im Klerus kontrovers diskutiert wird, taugt der inzwischen 80 Jahre alte Argentinier immer noch zum Popstar.

In einem ersten deutschen Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ versucht Franziskus den Kult um seine Person zu bremsen. Er sehe sich nicht als etwas Besonderes, sagt Franziskus. „Ich bin Sünder und bin fehlbar.“ Man dürfe nicht vergessen, dass die Idealisierung eines Menschen auch eine „unterschwellige Art der Aggression ist“. Wenn er idealisiert werde, fühle er sich angegriffen, sagte der Papst. Franziskus sieht sich selbst als „ganz normaler Mensch, der tut, was er kann“.

Der Papst wird von einigen Katholiken heftig kritisiert

Die Kritik am Papst wegen seiner angeblich liberalen und unorthodoxen Sichtweisen etwa im Bereich der Ehelehre hatte zuletzt ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Besonders konservative Katholiken kritisieren Franziskus, weil er streng katholische Positionen nicht mit der nötigen Vehemenz verteidige oder gar zu ihrer Auflösung beitrage. Über seine internen Kritiker sagte der Papst: „Ich kann verstehen, wenn meine Art, die Dinge anzugehen, manchen nicht gefällt, das ist völlig in Ordnung.“ Ironisierende Plakate, die in Rom zirkulierten und den Papst für seine Härte gegen Andersdenkende in der Kirche kritisierten, bezeichnete Franziskus als sogar „großartig“.

„Der freiwillige Zölibat ist keine Lösung“

In dem Interview deutet sich aber auch an, über welches Problem die katholische Kirche in Zukunft streiten wird, nämlich den Priestermangel. „Die Berufung von Priestern stellt ein Problem dar, ein enormes Problem“, sagt Franziskus und kündigte an, dass über dieses Thema bei der kommenden Synode zum Thema Jugend im Herbst 2018 diskutiert werden müsse. Der von liberalen Katholiken erhofften Abschaffung des Pflichtzölibats erteilt der Papst aber eine Absage: „Der freiwillige Zölibat ist keine Lösung“, sagt Franziskus.

Stattdessen deutet der Papst eine Öffnung bei der Weihe Ständiger Diakone zu Priestern an. „Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Möglichkeit sind“, stellt Franziskus fest. „Viri probati“ sind von der Kirche als vorbildlich angesehene verheiratete Männer, die kirchliche Aufgaben übernehmen. Bereits in der Vergangenheit hatte Franziskus einzelne Bischöfe zu „mutigen Lösungen“ ermuntert, etwa am brasilianischen Amazonas, wo Gemeinden wegen des Priestermangels nur einmal im Jahr die Messe feiern können.

Kritiker erkennen in der Weihe Ständiger Diakone zu Priestern den Anfang vom Ende des Zölibats. Über seine Reformen in der Kirche sagte Franziskus: „Ängste schließen Türen. Die Freiheit öffnet sie. Und wenn die Freiheit klein ist, öffnet sie immerhin ein Fensterchen.“

Deutsche Katholiken begrüßen Abschaffungsgedanken

Der CSU-Politiker Alois Glück, früherer Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Kaum hat der Papst sein Nachdenken angekündigt, nimmt die Debatte über die Möglichkeit, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, in Deutschland an Fahrt auf. Alois Glück, früherer Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, tritt seit Jahrzehnten für eine Öffnung des Priesteramts für verheiratete Männer ein. Auf Nachfrage begrüßt er die Äußerungen des Papstes. „Es zeigt sich schon, dass vonseiten des Heiligen Vaters ernsthafte Überlegungen da sind. Es gibt wiederholt Formulierungen des Papstes, dass er die nationalen Bischofskonferenzen im Hinblick auf ihre jeweilige pastorale Situation auffordert, Initiativen zu entwickeln.“ Glück kann sich vorstellen, dass zum Beispiel aus Südamerika ein entsprechender Vorschlag an den Papst komme – und dann wäre eine Grundsatzentscheidung notwendig. Oder es könnten wenigstens regional diese Freiheiten gegeben werden. Glück erwartet nicht, dass der Vatikan eine zentrale Regelung für die Weltkirche „sofort und generell trifft“. Dazu gebe es innerhalb der Weltkirche zu unterschiedliche Vorstellungen in den Bischofskonferenzen.

Der 77-jährige CSU-Politiker sieht aber die Notwendigkeit für eine Möglichkeit von „viri probati“ nicht nur in Südamerika – mit Hinweis auf die pastorale Situation müsse auch hierzulande möglichst bald reagiert werden. Nach Glück und seinen Mitstreitern wie den CDU-Politikern Bernhard Vogel, Norbert Lammert und Erwin Teufel geht es um eine Grundsatzfrage: „Was ist wichtiger: Wollen wird den Gläubigen regelmäßig das Sakrament der Eucharistie zugänglich halten oder ist es wichtiger, die jetzigen strikten Regelungen mit dem Pflichtzölibat als Voraussetzung für die Priesterweihe zu erhalten.“ Glück sieht keine Argumente für die Pflichtregelung, die wichtiger wären, als den Menschen den Zugang zu den Sakramenten zu ermöglichen. Unerträglich findet er den Gedanken, dass ein Sterbender die Krankensalbung nicht erhalten kann, weil kein Priester greifbar ist. Daher hält er die Möglichkeit, verheiratete Diakone zu Priestern zu weihen, für einen „klugen Weg“. Auch in weiten Teilen Deutschlands sei die sonntägliche Messe derzeit nur noch durch die Ruhestandsgeistlichen gewährleistet. Deswegen sollte zügig etwas geschehen.

Auch wenn die Aussagen des Papstes vage sind – Christian Weisner von der Bewegung „Wir sind Kirche“ sieht darin schon ein wichtiges Signal: Zum Nachdenken gehöre auch die Erkenntnis, dass sich in der Kirche auch etwas verändert habe. Jetzt müssten die deutschen Bischöfe entsprechende Vorschläge nach Rom schicken – „möglichst gemeinsam“. Der Papst eröffne die Möglichkeiten, darüber zu diskutieren, und das sei schon eine Menge. „Unter Papst Johannes Paul II. durfte man etwa über Frauenordination nicht einmal nachdenken“, erinnert Weisner. Allerdings könne mit den „viri probati“ das Problem allein nicht gelöst werden. Die Zahl der dafür infrage kommenden Personen sei zu gering – von homöopathischen Dosen spricht Weisner. Aber es könne ein erster Schritt sein.

Das Papst-Interview war auch Thema bei den Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz in Bergisch Gladbach. Der Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx hat dabei zur Zurückhaltung gemahnt. Eine Abschaffung des Zölibats wäre ein „gravierender Einschnitt in die Geschichte und Spiritualität der Kirche“. Das dürfe man nicht einfach ausprobieren und den Eindruck erwecken, eine solche Änderung stehe bald bevor. Gleichzeitig wandte er sich gegen jegliche Denkverbote. „Es wird schon jemand den Ball aufnehmen“, ist sich Marx sicher. Aber damit meint er wohl Gebiete mit extremen Priestermangel wie Amazonien oder Sibirien. Die Bischofskonferenz hatte sich zuvor eingehend mit dem drängenden Thema Priestermangel beschäftigt. Zu Ergebnissen kam sie nicht. Aber man nehme die Realitäten genau in den Blick.

von Julius Müller-Meiningen und Claudia Möllers

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