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Europäer vor der Bavaria: Schauspieler John Friedmann (l.) und Politologe Georg Fichtner.

Pro-Eu-Bewegung „Pulse of Europe“

Europa hat Herzklopfen: In München soll es noch stärker werden

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In immer mehr Städten treffen sich Menschen, die ein vereintes Europa für eine ziemlich gute Idee halten. In München hoffen sie an diesem Sonntag auf einen neuen Teilnehmerrekord. Wie lange kann ein solches Gefühl eine Bewegung tragen?

München – Vergangenen Sommer macht ein Video im Internet die Runde. Darin versucht ein britischer Nationalist, die Europaflagge anzuzünden. Doch der blaue Stoff fängt nur kurz Feuer, das Material brennt nicht vernünftig. Zunächst heißt es, das liege an einer EU-Verordnung über die Entflammbarkeit von Flaggen. Sagenhafte Pointe, klar. Europa, für viele ein Bürokratiemonster, lässt sich nicht anzünden. Vor allem Gegner des Brexits sehen darin die ganz große Metapher.

Aber ein paar Wochen später ist der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union trotzdem Wirklichkeit. Das politische Europa brennt. In Brüssel, Paris, Berlin stehen Ende Juni viele Politiker ratlos vor TV-Kameras. Nein, der Brexit sei nicht der Anfang vom Ende Europas, sagt Jean-Claude Juncker. Der Chef der EU-Kommission hätte auch sagen können: „Der TSV 1860 München gewinnt in diesem Jahr die Champions League.“

Und jetzt das. Plötzlich, inmitten ihrer vermeintlich schwersten Krise und der Furcht vor weiteren Austritten, ist da auch wieder zehntausendfache Begeisterung für die europäische Idee.

Ein Café am feinen Beethovenplatz in München, draußen grauer Aprilregen. Drinnen erzählen Schauspieler John Friedmann und sein Mitstreiter Georg Fichtner von der jungen Bewegung „Pulse of Europe“. Die beiden machen mit bei der Organisation der sonntäglichen Kundgebungen am Max-Joseph-Platz. Zuletzt kamen über 3000 Menschen, Tendenz steigend.

Eine positive Erzählung für Europa

„Wir glauben, dass die bisher schweigende Mehrheit der Leute hinter Europa steht“, sagt Fichtner, Politikberater und früher auch mal Mitarbeiter der FDP-Fraktion im bayerischen Landtag. Und Friedmann, der vor vielen Jahren den Erkan in „Erkan und Stefan“ gegeben hat, ergänzt: „Europa wurde viel zu lange reduziert auf Banalitäten wie die Vorgaben zur Gurkenkrümmung. Aber das europäische Projekt ist viel mehr als das. 70 Jahre Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit und vor allem Frieden.“

Den düsteren Szenarien der EU-Gegner will „Pulse of Europe“ eine positive Erzählung entgegen halten. Die Bewegung trifft einen Nerv, inzwischen gibt es europaweit Kundgebungen. Aber mit dem schnellen Erfolg wächst auch die Kritik. Inhaltsarm komme das Ganze daher, meint etwa die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Ohne klare Forderungen breche jede Bewegung bald zusammen.

Tatsächlich passen die Kernpunkte der Bewegung auf einen Flyer. Reformen seien notwendig, Misstrauen müsse man ernst nehmen, Europa dürfe nicht scheitern, der Frieden stehe auf dem Spiel. Die Details müssen erst noch verhandelt werden. Was etwa bedeutet „ein offenes Europa“? Offen nur innerhalb der EU-Staaten oder auch an den Außengrenzen? Was ist mit hässlichen Bildern abgewiesener Menschen? „Europas Aufnahmekapazitäten dürfen nicht überfordert werden, natürlich muss eine gemeinsame EU-Außengrenze auch gesichert werden“, sagt Fichtner. „In der heutigen Welt kann und darf man sich aber auch nicht komplett abschotten“, entgegnet Friedmann.

Kein lange geplantes Projekt

Andererseits ist es auch nicht die Aufgabe einer nicht mal einjährigen Bewegung, die drängenden Fragen der europäischen Politik abschließend zu beantworten. „Pulse of Europe“, das wird auch an diesem Aprilvormittag deutlich, ist kein von langer Hand geplantes Projekt.

Das merkt man schon am Ablauf der Kundgebungen, der an die offene Bühne eines Laientheaters erinnert. Jeder Teilnehmer darf drei Minuten am Mikrofon über seine europäischen Momente erzählen. Ältere Teilnehmer erinnern sich dann an das einstige Misstrauen unter den Nationen. Die ganz Alten berichten von den Grausamkeiten des Krieges. Die Jüngeren schwärmen von Auslandssemestern in Rom oder Stockholm, von Reisen über den Kontinent ohne lästige Ausweiskontrollen.

Auch Friedmann bezeichnet eine Reise als ersten europäischen Moment. Mit dem Interrail-Ticket fährt er im Sommer 1987 mit Freunden los. München, Genua, Nizza, Paris, London. Dann ist die Kohle alle. Und Friedmann das, was man einen „glühenden Europäer“ nennt.

Europafahnen, Herzen und bitte ke ine Politiker am Mikrofon: Teilnehmer von „Pulse of Europe“.

30 Jahre später wird er auch am Sonntag wieder auf dem Max-Joseph-Platz in München stehen und in einem blau-gelben Fahnenmeer mit den anderen die Europahymne singen. Seiner Beobachtung nach trifft sich da seit Wochen ein Querschnitt der Bevölkerung. Die kommenden Monate werden zeigen, ob er Recht behält. Oder ob sich da nur gut versorgte Großstädter ihre Weltoffenheit beweisen wollen.

Wenig überraschend wittern manche im Geraune des Internets die große Verschwörung. Multinationale Konzerne, dunkle Finanzierungskanäle. Wo also kommt das Geld für die kostspieliger werdende Organisation her? Spenden können laut Fichtner nur Privatpersonen, keine Parteien oder Institutionen.

Das mit der Politik ist ohnehin so eine Sache. Pro Sonntag darf nur ein Politiker – wenn überhaupt – ans Mikrofon. Am Sonntag wird in München Alt-OB Hans-Jochen Vogel, 91, sprechen. Parteien dürfen auf den Veranstaltungen nicht für sich werben. Auch wenn mancher verdiente und der EU freundlich gesinnte CSU-Mann die Junge Union Bayerns am liebsten persönlich auf den Max-Joseph-Platz fahren würde, damit der politische Nachwuchs endlich mal mit Herzblut für die europäische Idee kämpft anstatt für einen Kurswechsel in der Rentenpolitik.

Die Skepsis an der Politik und ihren Vertretern hat übrigens auch mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu tun. Fichtner erinnert daran, dass die CSU im Wahlkampf 2014 sehr laut gegen die Europäische Union gewettert hat.

Neue Fragen werden kommen

Draußen fällt weiter Regen auf den Beethovenplatz, drinnen sind von Friedmanns Croissant nur Krümel übrig. Wie geht es weiter mit „Pulse of Europe“, über den Moment und die Euphorie hinaus? Friedmann sagt: „Uns geht es nicht um Mandate, wir wollen nicht in die Parlamente, sondern die Politik den europäischen Puls spüren lassen.“

Aber neue Fragen werden kommen: Braucht ein vereintes Europa die Brüsseler Institutionen? Braucht es in der Außen- und Sicherheitspolitik gar mehr Zusammenarbeit? Oder kann auch ein „Europa der befreundeten Nationalstaaten“ Wohlstand und Frieden sichern?

Zurück in die Wochen vor der Brexit-Abstimmung. Nach ein paar Tagen wird damals bekannt, warum die Europaflagge in dem Video einfach kein Feuer fangen will. Eine Verordnung der vermeintlich regelungswütigen EU? Gibt es gar nicht. Sondern es sind die Briten selbst, die bei Textilien höhere Anforderungen an den Brandschutz stellen.

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