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Flüchtlinge und Sicherheitsmitarbeiter stehen am 30.11.2016 in Berlin vor dem "Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten" (LAF) an der Bundesallee.

Von Fehlern und Problemen

„Problem Nr. 1“ in Berlin: Lagerkoller bei Flüchtlingen

Flüchtlingskrise ausgestanden? Von wegen. In Berlin türmen sich die Probleme. Weil Wohnraum fehlt, müssen viele Zuwanderer zum Beispiel in Turnhallen ausharren. Was langfristig Folgen haben könnte.

Negassi Simon lächelt. Viele, viele Monate schon hat der junge Eritreer in einem mächtigen Hangar des früheren Flughafens Berlin-Tempelhof zugebracht, der vielleicht bekanntesten Notunterkunft für Flüchtlinge in Deutschland. Nun kann er umziehen in ein Wohnheim, bekommt ein eigenes Zimmer. „Ich freue mich“, sagt er in gebrochenem Deutsch.

Ob Simon das deutsche Wort „Glückspilz“ schon kennt? Ein Jahr nach der großen Flüchtlingskrise harren in Berlin 20 000 Zuwanderer in „NUKs“ aus, wie die Notunterkünfte im Bürokratendeutsch heißen. Und die Situation in vielen dieser Provisorien, etwa in den 38 Turnhallen, die noch mit Flüchtlingen belegt sind, wird immer dramatischer.

Denn während sich in den meisten Bundesländern die Lage halbwegs normalisiert hat und Zuwanderer in dezentralen, vernünftig ausgestatteten Unterkünften leben, ist die Hauptstadt davon weit entfernt. Bis zu 3000 Flüchtlinge stehen vor dem zweiten Weihnachtsfest in der Turnhalle. Auch in anderen Not- und Massenunterkünften wie eben Tempelhof haben viele Bewohner keinerlei Umzugsperspektive - und begehren zunehmend gegen die Zustände auf.

In manchen Hallen brennt das Licht die ganze Nacht

Diese sind auf Dauer eine Zumutung. „Hier ist keine Art von selbstbestimmtem Leben möglich“, schildert Maria Kipp vom privaten Dienstleister Tamaja, der zwei Notunterkünfte betreibt. Privatsphäre gibt es in großen Hallen praktisch nicht. Hier haben die Menschen nicht viel mehr als ein Bett für sich, die Bereiche sind bestenfalls mit Zwischenwänden voneinander abgetrennt. Essen kochen, Wäsche waschen, in Ruhe lernen, ein Buch lesen, mal die Tür zu machen: Alles nicht möglich. In manchen Hallen brennt das Licht die ganze Nacht.

Das macht viele Betroffene aggressiv, wie auch das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) einräumt. „Depressionen, Traumata, Alkoholmissbrauch“, zählt LAF-Sprecher Sascha Langenbach Auswirkungen des Lagerkollers auf. „Auch mit dem Thema Drogen werden wir uns beschäftigen müssen.“

Noch drastischer klingen Schilderungen, die eine LAF-Betriebsgruppe der Gewerkschaft Verdi jüngst in einer Art Brandbrief niederschrieb: Von schlechten hygienische Bedingungen, sexuellen Übergriffen auf Frauen, Kinder oder Minderheiten durch Bewohner und Wachschützer, von einem „besorgniserregenden Aggressionspotenzial“ ist dort die Rede. Das schlage sich nieder in Verbalangriffen auch auf die Mitarbeiter. Die adäquate Unterbringung bleibe das „absolute Problem Nr. 1“.

Rückblick: Die Situation am Lageso

Die Ursachen für die Misere dürften in einer Mischung aus Unvermögen, Behörden-Wirrwarr, menschlichen Fehlern und fehlendem Personal liegen. Diese Mischung ist in Berlin nicht neu, viele erinnern sich noch an die katastrophalen Zustände am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), vor dem Flüchtlinge bei Wind und Wetter stunden- wenn nicht tagelang ausharren mussten. Das war vor einem Jahr.

Mit Hilfe einer übergreifenden Koordinierungsstelle und eines neuen Flüchtlingsamtes sollte vieles besser werden. Und wurde es - das muss man fairerweise sagen - in manchen Bereichen auch. Doch bei der Kernfrage, der Schaffung neuer, menschenwürdiger Unterkünfte etwa in Container- oder Modulbauweise, gab es immer wieder Rückschläge.

Wohnprojekte wurden nicht fertig oder waren mangelhaft

Zuletzt musste der Senat sein Versprechen, die noch mit Flüchtlingen belegten Turnhallen bis Jahresende freizuziehen, kassieren. Zum einen wurden neue Wohnprojekte nicht rechtzeitig fertig oder hatten Mängel. Zum anderen müssen bei der Suche nach einem Betreiber viele Ausschreibungen wiederholt werden, weil sie nicht gerichtsfest waren.

Viel zu tun für die neue rot-rot-grüne Koalition, die - so Parteitage beziehungsweise Parteimitglieder zustimmen - kommende Woche loslegt. Der bisher zuständige Sozialsenator Mario Czaja (CDU), zuletzt viel gescholten, gibt sein Amt dann an die Linke Elke Breitenbach ab.

„Wir haben diese Notsituation bewältigt, nicht immer zur Zufriedenheit, zu meiner Zufriedenheit schon gar nicht“, bilanziert Czaja mit Blick auf die Flüchtlingskrise, in deren Zuge im Vorjahr knapp 80 000 Menschen nach Berlin kamen. „Dabei sind eine Fülle von Fehlern passiert, (...) für die ich in vielen Teilen zumindest die politische Verantwortung trage.“

dpa

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