In Bayern sehr links sein, heißt: irritieren

Wahl-Serie: Die Linke - Probleme der Genossen

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München – Die Sache entscheidet sich nicht nur zwischen CSU und SPD. Zur Landtagswahl am 15. September tritt auch eine ganze Reihe kleiner Parteien an. Wir stellen sie in einer Serie vor. Heute: Die Linke.

Anfang 2012 ließ Alexander Dobrindt den Chef-Populisten raushängen. Während Deutschland ernsthaft über den NSU-Terror debattierte, forderte der CSU-Generalsekretär ein Verbotsverfahren gegen Die Linke. Im Fernsehen, bei Günter Jauch. Selbst Parteifreunde fanden das damals zu krawallig. Dass Dobrindt bei seiner Position blieb, sagt viel über den Umgang der Mächtigen mit der linken Konkurrenz. Es sagt aber auch etwas über die Konkurrenz.

In jedem Fall versuchen sie, den Eindruck zu vermeiden. Die 28-jährige Politikwissenschaftlerin Laura Schimmel tritt als Direktkandidatin in München an. Eigentlich kommt sie aus der SPD, hat aber das „Mackertum“ und die „Obrigkeitshörigkeit“ nicht mehr ertragen. Sie ist für Umverteilung und die Frauenquote. Und, ach ja, sie „gendert“. Heißt: Genossen, männliche wie weibliche, werden kurzerhand Genossin genannt. Sie mag das, weil’s irritiert. „Ich bin links und ich lebe das.“

In Bayern sehr links sein, heißt also, zu irritieren. Und es heißt, die Politik gewaltig ändern zu wollen.

Kostenlose Kindertagesstätten, Gesamtschule, mehr sozialer Wohnungsbau. Kleine Auswahl der Themen, die im Wahlprogramm für den Freistaat stehen. Brigitte Wolf (50), Spitzenkandidatin für Oberbayern, will vor allem eine bessere Strukturpolitik gegen die München-Zentriertheit in Bayern fahren. „In München kriegt man keine Wohnungen, wo anders keine Arbeitsplätze“, sagt sie. „Das kann doch nicht sein.“

Ist das nun radikal? Einem Kollegen aus dem Münchner Stadtrat gilt Wolf als „eher moderat“, sachorientiert. Nur was das Geld betrifft, habe sie manchmal extreme Ansichten. Am liebsten alles kostenlos, für alle. An Wahlkampfständen wird Wolf oft gefragt, wie sie das finanzieren wolle. Die Antwort ist in Bund und Land gleich: Durch mehr Steuern, vor allem von denen, die eh genug haben.

Das überrascht nicht wirklich. Es gibt aber auch Momente, in denen die Linken deutlich gegen den Strom schwimmen. Als Münchens OB Ude Ende Juni anordnete, ein Lager von hungerstreikenden Asylbewerbern auf dem Rindermarkt aufzulösen, hielt Linken-Stadträtin Dagmar Henn offensiv dagegen. Alle anderen Stadtratsfraktionen verstanden das als indirekte Aufforderung, den Tod von Hungerstreikenden in Kauf zu nehmen.

Wahl-O-Mat: Welche Partei passt zu Ihnen?

Die Linke sei eben die einzige Oppositionspartei, sagt Laura Schimmel. Gerade bei der Asylpolitik „wären wir im Landtag wichtig gewesen, um die einheitliche Stellung aufzubrechen“.

Es ist nicht leicht, das Anderssein zu verkaufen. Aber Schimmel und ihre „Genossinnen“ wollen nicht locker lassen. An einem Abend verteilen sie Info-Zeitungen bei einem Festival am Münchner Olympiasee. Sie werden alle los. 200 Stück. Manche blättern darin, andere nehmen das Papier als Sitzunterlage und hören weiter dem Heavy-Metal-Geschrammel auf der Bühne zu.

Schimmel ist nicht allein. Ein paar Parteifreunde und Sympathisanten helfen beim Verteilen. Unter ihnen sind solche, für die Hartz IV an einfach allem schuld ist. Und es gibt die, die einfach genug haben von der CSU-Regentschaft. Benni zum Beispiel. Er ist 28 und hat einen privaten politischen Stammtisch gegründet, zehn Leute, ein harter Kern. Linken-Mitglied ist er nicht, weil er an der Uni arbeitet. Und wer in Bayern im öffentlichen Dienst tätig ist, muss unterschreiben, keiner extremistischen Partei anzugehören. Benni hält das für Schikane.

„Ich glaube, die Bayern sind viel sozialer und liberaler, als viele denken.“ Die CSU, sagt Benni, wählen viele nur, „weil sie diesen Bayern-Dünkel haben“.

Den hat die Linkspartei sicher nicht. Die sei keine bayerische, sondern eine Menschenrechtspartei, sagt Schimmel. Heißt: Im Endeffekt haben sie, Die Linke und Schimmel, immer auch größere Zusammenhänge im Blick. Den Kapitalismus will die junge Politikerin durch einen „demokratischen Sozialismus“ ablösen. Für die CSU ist das ein Kampfbegriff, der die Linkspartei verdächtig macht. Dass er auch im Parteiprogramm der SPD auftaucht, wissen wenige.

In Bayern werden sie noch Überzeugungsarbeit leisten müssen. Vielen Bürgern sind sie zu ideologisch. Man könnte auch sagen: zu konsequent gegen alles. Aber es gibt auch Überraschungen. Als sich die Menge am Olympiasee beinahe aufgelöst hat, stürmt eine Mitkandidatin für den Landtag auf Schimmel zu. „Laura“, sagt sie, „eine Frau hat grad gesagt – die sah aus wie CSU – die hat jedenfalls gesagt: ‚Meine Stimme haben Sie sowieso‘.“

Marcus Mäckler

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