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Günther Beckstein mit einem Implantat

Prothese lässt Beckstein wieder hören

München - Schwerhörigkeit ist für viele ein Tabuthema. Sie ziehen sich lieber zurück, als zum Arzt zu gehen. Nicht so Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein: Er spricht offen über seinen Hörschaden – und über das Implantat, das ihn wieder hören lässt.

Hinter dem linken Ohr klemmt ein kleines graues Kästchen. Über ein Kabel ist es mit einer Art Knopf verbunden, der eng auf der Kopfhaut anliegt: Das seltsame Gerät, das Günther Beckstein seit Juli trägt, ist nicht zu übersehen – zumal bei seinem schütteren Haar. Doch das stört Bayerns ehemaligen Ministerpräsidenten nicht. Denn das Cochlea-Implantat, zu dem die auffällige Vorrichtung gehört, hat ihm sein Gehör zurückgegeben.

Er fühle sich wie „ein neuer Mensch“, sagte Beckstein kürzlich im Gespräch mit der tz. Denn der 66-Jährige hat einen langen Leidensweg hinter sich. Seit Jahren quält ihn ein Tinnitus. Besonders in der knappen Freizeit raubte ihm das ständige Summen im Ohr die Ruhe. Nach einem Hörsturz büßte er zudem einen Teil des Hörvermögens ein. Beckstein musste ein Hörgerät tragen. Doch auch dieses reichte irgendwann nicht mehr aus. Um endlich wieder richtig hören zu können, entschied sich Beckstein schließlich für ein Cochlea-Implantat, das er sich an der Uniklinik in Erlangen einsetzen ließ.

Eingesetzt wird die elektronische Hörhilfe bei einer Operation. Denn die sichtbare Vorrichtung hinter Becksteins Ohr ist nur ein Teil des komplizierten Hörsystems. Der wichtigste Teil liegt verborgen unter der Kopfhaut: Eine Spule, die mit zwei Elektroden verbunden ist, die in die Cochlea reichen.

Dieses Organ, das die Form eines Schneckenhauses hat, liegt tief im Inneren des Ohrs. Es ist mit Flüssigkeit gefüllt, die von Schallwellen in Bewegung gebracht wird. Dies registrieren winzige Sinneshärchen, die im Inneren der Hörschnecke sitzen – zumindest beim gesunden Ohr.

Denn die feinen Härchen sind empfindlich. Lärm und viele andere Einflüsse können sie zerstören. Reparieren lassen sie sich nicht – aber ersetzen. Im Cochlea-Implantat übernimmt ein Sprachprozessor, ein winziger Computer, ihre Funktion. Zusammen mit einem Mikrofon, das Geräusche aufnimmt, sitzt er außen am Ohr. Das Gerät, das sich abnehmen lässt und das ein Magnet auf der Kopfhaut hält, erkennt Wörter und wandelt sie in die Sprache des Gehirns um: elektrische Signale. Diese werden an die implantierte Spule gesendet, die unter der Haut liegt. Elektroden leiten sie in die Hörschnecke weiter – und stellen so die Verbindung zum Hörnerv her, der das Signal ins Gehirn leitet.

„Das Cochlea-Implantat ist die erste und bislang einzige Sinnesprothese“, sagt Dr. John Martin Hempel. Er ist Oberarzt an der Hals-Nasen-Ohrenklinik am Klinikum Großhadern in München. Für ihn ist der Eingriff Routine. Pro Jahr werden in Großhadern etwa 70 Cochlea-Implantate eingesetzt. Komplikationen seien selten.

Auch wenn die Sinnesprothese die letzte Option bei einem Hörschaden ist: Eingesetzt wird sie nicht nur bei gehörlosen Menschen. Wer bei einer Unterhaltung in normaler Lautstärke weniger als 40 Prozent der gesprochenen Wörter versteht, für den könne so ein Implantat bereits sinnvoll sein, sagt Dr. Hempel – vorausgesetzt der Hörnerv ist intakt. Denn nur dann funktioniert die Hörprothese.

Andrea Eppner

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