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Prominenter Platz: Eine Stenografin sitzt im Plenum vor Horst Seehofer (am Rednerpult) und schreibt mit.

Bayerischer Landtag

Die Protokollführer der Macht

München - Sie sind die Meister der Mitschrift: Im Landtag zeichnen noch immer Stenografen per Hand auf, was Abgeordnete zu sagen haben. Das ist ein Hochleistungssport – den nicht einmal Computer beherrschen.

Da oben, unterm Dach, da sitzt es, das Gedächtnis des bayerischen Landtags. Es trägt ein braunes Sakko, eine blaue Krawatte und eine Brille. Sein Name ist Gerald Petrzik. Er ist Chef der Landtagsstenografen. Seit 35 Jahren schreibt er mit, was andere sagen, redigiert, was andere schreiben. Exakt, sauber, und ohne Fehler. In den allermeisten Fällen. Petrzik, 65, ist dort oben aber nicht allein. Alle elf Landtagsstenografen haben ihre Büros im vierten Stock des Maximilianeums.

Petrziks großer Schreibtisch ist blitzblank poliert. Keine Zettel, keine Brösel, kein Staubkörnchen. Zwei Duden stehen auf einem Regal, an der Wand hängen zwei Uhren. Beide gehen fünf Minuten vor. „Damit man einen gewissen Spielraum hat.“ Pünktlichkeit ist ein ungeschriebenes Gesetz der Stenografen. Alle zehn Minuten wechseln sie sich bei Parlamentsdebatten ab. Es ist ein bisschen wie bei einem Staffellauf. Einer sitzt vor dem Rednerpult am Schreibtisch. Auf einem Stuhl ohne Lehne und Armstützen. Er schreibt alles mit, was er hört. Reden, Zwischenrufe, Einwürfe der Landtagspräsidentin. Dann kommt der zweite Stenograf und beginnt auch zu schreiben. Ein paar Augenblicke später wechseln sie sich ab. Zurück im vierten Stock spricht er sein Stenogramm dann auf Band und gibt das einer, wie Petrzik liebevoll sagt, Schreibdame. Ein Wort, das ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Wie die Stenografie selbst.

Seit Jahren schon wird das Kurzschreibsystem nicht mehr in den Schulen unterrichtet – ein Problem für die Landtagsstenografen. Sie haben Schwierigkeiten, gute Schreiber zu finden. Auch wenn die Gehälter bei 3600 Euro anfangen. Die Anforderungen an einen Landtagsstenografen sind hoch. Ein Hochschulstudium ist Grundbedingung. Petrzik zum Beispiel ist Jurist. Und: Das Image ist mies. An der Stenografie haftet der Staub von Jahrzehnten kaufmännischer Ausbildung. Viele denken bei Stenografie an verrauchte Konferenzräume in den 70er-Jahren, in denen Damen mit Hochsteckfrisuren einsam in einer Ecke sitzen und Protokolle führen. Klischees, und sie sind längst überholt.

Im Landtag haben sie jetzt eine 25-jährige Nachwuchs-Stenografin, Dorothee Dormann. Sie studiert neben ihrer Ausbildung Germanistik. Vor zwei Jahren hat sie einen Steno-Kurs gemacht – und Blut geleckt. Petrzik ist froh, sie an Bord zu haben. Er braucht junge Leute. Petrzik hat viele Leih-Schreiber, einer von ihnen wird bald 80. Ohne sie geht nichts. „Wir haben Gaststenografen von Kiel bis Wien“, sagt Petrzik. Aber egal ob Kiel, Wien oder München – für Petrzik bleibt die Arbeit gleich.

An seinem Schreibtisch werden die abgetippten Protokolle zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Er und eine Kollegin sind „Revisoren“, die die Texte auf korrekten Satzbau und Rechtschreibung überprüfen, bevor sie ins Archiv kommen. Und auf den Sinn. Denn nicht jeder gute Politiker ist automatisch auch ein guter Redner.

Jetzt geht in Petrziks Büro die Tür auf, Volker Springwald kommt herein, 42, grauer Pulli, schwarze Hose. Er ist ebenfalls Stenograf. In der Hand hält er seine Mitschrift aus einem Ausschuss. Darin steht das Zitat einer Abgeordneten. Springwald liest vor: „Zum Verwaltungsaufwand habe ich gesagt: Es gibt jetzt ein Online-System, das es vielleicht, wenn ich es in meinen Computer einpflege, dass ich die Dinge anders auf die Reihe kriege.“

Springwald wusste nicht, was das bedeuten soll. Eigentlich wusste keiner so recht, was das bedeuten soll. Dann haben Petrzik und Springwald gemeinsam gegrübelt. Im Protokoll wurde aus dem Zitat: „Der Verwaltungsaufwand könne durch ein aktuelles Online-System einfacher bewältigt werden.“

Hin und wieder werden die Stenografen gefragt, warum man sie in Zeiten von Computern, Videokameras und Aufnahmegeräten überhaupt noch braucht. Petrzik lehnt sich zurück in seinen Stuhl. Er ist entspannt, vor solchen Fragen hat er keine Angst. „Nehmen Sie zum Beispiel die Ausschüsse“, sagt er. Da sitzen die Stenografen oft stundenlang und schreiben analytische Protokolle, das heißt, sie fassen die wichtigsten Dinge bereits auf dem Papier zusammen. „Kein Computer kann das.“ Und: Bei einer mehrstündigen Tonaufnahme brauchte man ewig, um die richtige Stelle zu finden. So können Abgeordnete oder Journalisten einfach nachblättern.

Im Landtag gibt es so gut wie niemanden, der sich besser auskennt als Petrzik. Er war in unzähligen Sitzungen und Beratungen mit dabei – auch in geheimen. Dazu musste er sich vom Landesamt für Verfassungsschutz auf seine Verfassungstreue prüfen lassen.

Er weiß, dass es viele Landtagspolitiker gibt, die rhetorische Eigenarten haben. Im vierten Stock haben die Stenografen eine Wand mit den Perlen politischer Redekunst. Da steht zum Beispiel: „Wir müssen die Arbeitslosen halbieren“, oder „Wir haben schon ein Alkoholverkaufsverbot an Jugendliche, und zwar 24 Stunden am Tag und sieben Stunden die Woche.“ Lustig, aber leider anonym. Namen nennt hier keiner. Aus gutem Grund.

Neulich gab es gewaltig Ärger. Ein Bundestags-Stenograf hatte ausgeplaudert, dass sie in Berlin die Reden der Kanzlerin regelmäßig überarbeiten müssen. In Sachen Grammatik. Die Aufregung über den Verrat war groß. Man erzählt sich, dass der Berliner Chef-Stenograf daraufhin vor oberster Stelle Rechenschaft ablegen musste. In München sind sie vorsichtiger. Einen wütenden Ministerpräsidenten will im vierten Stock niemand haben. In der Regel sind die Abgeordneten aber ganz froh, wenn sie verbessert werden.

Manchmal müssen die Stenografen die Politiker auch vor sich selbst schützen. Wenn Begriffe wie „die Kfz-Gedenkstätte Flossenbürg“ fallen – oder wenn sich die Diskussion um drei Promille Celsius dreht.

Petrzik sagt, die Reden der Politiker hätten sich in den letzten Jahren geändert. Vor allem durch die Einführung der Redezeitbeschränkung auf fünf Minuten. Die wurde nötig, als die Freien Wähler und FDP in den Landtag einzogen. Davor waren die Reden „laut und vernehmlich“, sagt Petrzik und raunt, dass es damals zumindest hin und wieder noch rhetorische Pausen gegeben habe. Nun müssen die Abgeordneten ihre Argumente in diese fünf Minuten packen. Um das alles mitzuschreiben, haben die Landtagsstenografen verschiedene Taktiken. Weiche Bleistifte, harte Bleistifte, mittlere Bleistifte, Füller. Es gibt verschiedene Philosophien. Aber alle Stenografen im Landtag müssen mindestens 240 Silben pro Minute schreiben können – das ist die durchschnittliche Sprechgeschwindigkeit eines Menschen.

Es gibt jedoch einen, der ist noch viel schneller. Eine lebende Legende der Stenografen-Szene: Josef Hrycyk. Der Hamburger ist seit Jahrzehnten Weltmeister im Stenografieren. Er ist so was wie der Sepp Maier der Stenografie: Ihm ist noch nie ein Wort durchgerutscht. Hrycyk schafft 520 Silben pro Minute. Fünf Minuten lang. „Und nebenbei“, sagt Petrzik, „gibt er noch jemandem Feuer.“ Der Münchner Chef-Stenograf grinst. Das ist zumindest die Legende, die sie hier erzählen.

Auch Petrzik trainiert. Zwar nicht für den Weltrekord, aber für die tägliche Arbeit. Das müssen sie im vierten Stock alle machen. Auf Petrziks Schreibtisch steht ein großer, grauer Kasten, darauf klebt ein Etikett: „Universalgerät 5000“. Es ist ein uraltes, analoges Tonbandgerät. Zwar haben sie im vierten Stock natürlich längst digitale Aufnahmegeräte. Aber Petrzik hängt an diesem Gerät. Immer wenn er aus dem Urlaub kommt, übt er daran. Eisern. „Stenografieren müssen Sie sich vorstellen wie einen Hochleistungssport“, sagt er. Und wenn man nicht übt, macht man Fehler.

Einmal, am 9. Oktober 1979, ist ihm so einer passiert. Da kam er grad aus dem Urlaub in Österreich. In München-Aubing wurde kurz vorher Giftmüll auf dem Gelände einer alten Fabrik entdeckt. Der Umweltausschuss kam zu einer hitzigen Sitzung zusammen. „Das war mein Waterloo“, sagt Petrzik. Stundenlang ging es damals im Umweltausschuss hin und her, die Abgeordneten warfen mit chemischen Begriffen um sich. Petrzik verlor irgendwann den Überblick. Und das Schlimmste, was einem Stenografen passieren kann, ist, den Überblick zu verlieren. Am Schluss musste er beim Ausschussvorsitzenden noch mal nachfragen. Zähneknirschend. Aber so ist das eben als Gedächtnis des Landtags. Auch die eigenen Fehler werden nicht vergessen.

Patrick Wehner

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