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Neue Putin-Strategie? Insider wertet Cherson-Rückzug als Indiz

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Von: Bettina Menzel

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Russische Truppen ziehen sich aus Cherson zurück und Putin muss damit eine weitere militärische Niederlage einstecken. Doch womöglich hat er bereits eine neue Strategie.

Cherson - Das südukrainische Cherson war die erste größere Stadt, die im Ukraine-Krieg an russische Truppen fiel und blieb als einzige Bezirkshauptstadt monatelang unter der Kontrolle Moskaus. Doch die ukrainischen Truppen schafften es in ihrer Gegenoffensive – auch durch übermächtige Artillerie dank westlicher Waffenlieferungen – die russischen Streitkräfte zurückzudrängen. Am Freitag (11. November) kehrten ukrainische Truppen in die Stadt zurück, die verbliebenen Einwohner hissten Berichten zufolge ukrainische Flaggen und feierten mit Hupkonzerten. Wladimir Putin jedoch schwieg. Doch offenbar verfolgt der Kremlchef nun eine neue Strategie.

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Männer, die während der russischen Teilmobilisierung zum Militärdienst eingezogen wurden, in Sewastopol. Nun nehmen russische Truppen in Cherson offenbar „den Hut“ und ziehen sich zurück (Archivbild). © IMAGO/Konstantin Mihalchevskiy/ SNA

Russische Truppen konnten Cherson nicht halten – und ziehen sich zurück

Die US-amerikanische Sicherheitsexpertin Fiona Hill gilt als Putin-Expertin. Sie griff kürzlich in einem Interview mit dem Magazin Politico die Anekdote auf, die der Kremlchef Putin offenbar gerne selbst über sich erzählt. Es geht um ein Erlebnis, das der russische Präsident als Kind hatte. In dem Wohnhaus in Leningrad, in dem er damals lebte, soll er versucht haben, eine Ratte einzufangen. Als sie in einer Ecke eingekesselt war, sei sie herausgesprungen und habe sich gewehrt, was ihn überraschte. „Er erzählt diese Geschichte, als wäre es eine Geschichte über ihn selbst, dass er sich immer wehren wird, wenn er jemals in die Enge getrieben wird“, schlussfolgerte Hill damals. Ein Markenzeichen Putins sei, dass er von verschiedenen Möglichkeiten immer die extremere wähle.

Noch im September hatte Putin seinen Generälen den Rückzug aus Cherson untersagt und damit zahlreiche Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Doch nun entschied sich der Kremlchef dafür, Cherson aufzugeben. Das zeigt seine Bereitschaft, durchaus auch taktische Zugeständnisse zu machen, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. „Es ist falsch zu sagen, dass Putin niemals zurückweicht oder klein beigibt. Das zeigt einmal mehr, dass Putin pragmatisch sein kann“, sagte die Politologin Tatiana Stanovaya der britischen Zeitung The Guardian. „Diese Entscheidung war eindeutig sehr emotional für ihn, aber er hat sie getroffen. Er kann rational sein.“ Die Cherson-Entscheidung deutet aus Sicht von Experten auch auf eine entscheidende Strategieänderung hin.

Rückzug aus Cherson weist auf neue Strategie Putins hin: „Längerer Konflikt mit dem Westen“

Cherson ist aus strategischen Gründen bedeutsam, die Wasserzufuhr für die Krim kommt von dort, ebenso ist mit dem Verlust der Region für Russland die Landbrücke auf die Krim in Gefahr – abhängig davon, wie weit ukrainische Truppen die Angreifer zurückdrängen. Anfang Oktober hatte Moskau Cherson völkerrechtswidrig zu seinem Staatsgebiet erklärt. Das ukrainische Militär hatte es mit einem indirekten Ansatz geschafft, die russische Armee am rechten Dnipro-Ufer weitgehend von der Versorgung und Nachschub abzuschneiden, die Region war so für die russische Armee unhaltbar.

Informationen eines Insiders gegenüber der britischen Zeitung The Guardian lassen nun jedoch darauf schließen, dass Putin womöglich eine neue Strategie verfolgt. Ein ehemaliger hochrangiger Beamter im russischen Verteidigungsministerium wollte aus Angst vor Repressalien anonym bleiben, sagte dem britischen Blatt aber, Putin beabsichtige den Konflikt „einzufrieren“. Gleichzeitig wolle er seine angeschlagene Armee und die große Zahl neu mobilisierter Soldaten neu formieren und ausbilden. „Putin hat keine Eile. Er sieht dies als einen längeren, groß angelegten Konflikt mit dem Westen“, so der ehemalige Beamte weiter. „Er ist von Natur aus ein Opportunist. Seine Strategie ist jetzt, bis zum Ende des Winters zu sehen, wie die Dinge stehen, und dann die Strategie neu zu bewerten.“

Putin holt offenbar auch die Hardliner Kadyrow und Prigoschin mit ins Boot

Auffällig war aus Sicht des Insiders auch die Reaktion von nationalistischen Kräften in Putins Reihen, allen voran Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow und Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin. Denn beide sprachen von einer „schwierigen, aber notwendigen Entscheidung“. Das ist insofern bemerkenswert, als die beiden Hardliner zuvor den Kreml immer wieder kritisiert hatten.

„Dieses Mal hat der Kreml diesen Rückzug eindeutig mit den aggressiven Prowar-Elementen innerhalb der Eliten koordiniert. Putin wollte keine öffentliche Spaltung mehr sehen“, erklärte der Insider aus dem russischen Verteidigungsministerium dazu dem The Guardian. Allerdings gab es auch kritische Stimmen aus Russland. „Cherson hat sich ergeben. Wenn dir das egal ist, dann bist du kein Russe [...]“, sagte der Nationalist Alexander Dugin und forderte, der Krieg müsse „ein Krieg des Volkes im vollen Sinne des Wortes werden.“ Offiziell ist in Russland immer noch von einer „militärischen Spezialoperation“ die Rede.

Putin selbst besichtigte an dem Tag, an dem Russland seinen Rückzug aus Cherson ankündigte, ein neurologisches Krankenhaus in Moskau – ohne die Entscheidung mit einem Wort zu erwähnen. Dafür schickte er den russischen Verteidigungsminister Sergei Schoigu und den Kommandeur der russischen Streitkräfte, General Sergei Surowikin, vor.

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