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Der „Silowiki“: Putins Machtzirkel im Kreml könnte seinen Nachfolger hervorbringen

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Von: Felix Durach

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Der „Silowiki“ ist der innerste Machtzirkel von Wladimir Putin im Kreml. Der Kreis besteht aus engen Vertrauten und alten Weggefährten des Präsidenten.

Moskau – Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist die nächste Eskalationsstufe einer zunehmend aggressiver werdenden russischen Außenpolitik. Spätestens seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Wladimir Putin macht Russland keinen Hehl mehr aus seinen radikalen außenpolitischen Bestrebungen. Die völkerrechtswidrige Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim im Jahr 2014 unterstrich den außenpolitischen Kurs Russlands, der in der jüngsten Eskalation des Ukraine-Konflikts gegipfelt ist.

Experten führen die Entwicklung auch auf die politische Ausrichtung von Putins innerstem Machtzirkel im Kreml zurück. Die als „Silowiki“ bezeichneten Vertreter von Geheimdienst und Militärs im Dunstkreis des russischen Autokraten zählen zu den einflussreichsten Vertrauten Putins. Die Vorstellungen des „Silowikis“ nach repressiver Innen- und aggressiver Außenpolitik Russlands könnten einen Einfluss auf den Präsidenten genommen haben. Putin scheint in seinem politischen Streben den Kurs seines Machtzirkels als den richtigen anerkannt zu haben.

„Silowiki“: Die engsten Vertrauten um Putin – „Der Kreml ist wie ein Solarsystem“

„Der Kreml ist wie ein Solarsystem, mit Putin als Sonne und allen Planeten mit verschiedenen Orbits um ihn herum“, beschrieb Vladimir Gelman, Professor für russische Politik an der Universität von Helsinki, gegenüber dem Guardian das Machtgefüge in Moskau. Der Bergriff „Silowiki“ leitet sich in diesem Zusammenhang vom russischen Wort für Kraft und Stärke ab und bezeichnet eben jene „Planeten“, die enge Kreise um den russischen Präsidenten ziehen.

Russlands Präsident Wladimir Putin sitzt mit seinen Vertrauten an einem Besprechungstisch im Moskauer Kreml.
Russlands Präsident Wladimir Putin mit den Angehörigen seines „Silowiki“ genannten Machtzirkels im Kreml. (Archivbild) © Mikhail Klimentyev/imago-images

Bei der Wahl seiner Vertrauten setzt Putin vor allem auf Loyalität. Der russische Präsident wurde in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren und machte Karriere beim russischen Geheimdienst KGB. Deswegen verwundert es nicht, dass auch der „Silowiki“ gleich eine Reihe ehemaliger KGB-Mitarbeiter mit Verbindungen nach St. Petersburg enthält.

Putins Falke Nikolai Patruschew: Politischer Hardliner wird als Putins Nachfolger gehandelt

Einer davon ist Nikolai Patruschew, der Sekretär des russischen Sicherheitsrates. Der 70-Jährige kommt wie Putin aus Leningrad und löste den Präsidenten 1999 auch als Chef der KGB-Nachfolgeorganisation FSB ab. Aufgrund der langen gemeinsamen Geschichte wird Patruschew auch zu den engsten Vertrauten Putins gezählt. Mit seiner politischen Ausrichtung dürfte der ehemalige KGB-Mann also auch einen gewissen Einfluss auf den Präsidenten haben – zumindest im kleinen Rahmen.

Politisch gesehen gilt Patruschew als Hardliner, der Russlands Position gegenüber dem Westen stärken will. „Patruschew ist der Falke, weil er glaubt, der Westen sei seit Jahren darauf aus, Russland zu schnappen“, erklärte Ben Noble vom University College London gegenüber der BBC. Wenige Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges sprach der 70-Jähriger in einer im Live-Fernsehen übertragenen Sitzung des Sicherheitsrates davon, dass die Zerschlagung Russlands das „konkrete Ziel“ der USA sei.

Nikolai Patruschew, der Chef des russischen Sicherheitsrats, während einer Sitzung in Moskau.
Gilt als politischer Hardliner und enger Vertrauter des Präsidenten: Nikolai Patruschew, der Chef des Sicherheitsrats. © Yelena Afonina/imago-images

Die Leningrad-Connection: Putin schart ehemalige KGB-Männer um sich

Patruschew wird darüber hinaus auch als potenzieller Vertreter und Nachfolger von Putin gehandelt, falls sich die Berichte über eine Erkrankung des Präsidenten bewahrheiten sollten. Neben dem Sekretär des Sicherheitsrates vervollständigen Alexander Bortnikow und Sergej Naryschkin das „Leningrader Trio“ in der „Silowiki“. Bortnikow leitet den Inlandsgeheimdienst FSB, während Naryschkin den russischen Auslandsgeheimdienst SWR anführt. Beide haben wie Putin und Patruschew eine Vergangenheit beim KGB.

Bortnikow zählt aufgrund seiner Position ebenfalls zu den einflussreichsten Vertrauten und Beratern des Kreml-Chefs. In Berichten des ukrainischen Geheimdienstes wurde der 70-Jährige sogar als potenzieller Nachfolger für Wladimir Putin genannt, falls das russische Militär als Konsequenz aus dem Ukraine-Krieg einen Sturz von Putin anstreben sollten.

Die Beziehung zwischen Wladimir Putin und Sergej Naryschkin wiederum scheint auf dem absteigenden Ast zu sein. In einer Sitzung des Sicherheitsrates im Februar versprach sich der 67-Jähriger bei einer Frage nach den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk und geriet ins Stottern. Putin wies den SWR-Chef daraufhin scharf zurecht und strafte ihn in der Öffentlichkeit ab. Beobachter werteten das Verhalten als Zeichen für das schlechter werdenden Verhältnis zwischen Putin und Naryschkin.

Verteidigungsminister Sergei Schoigu als Teil der „Silowiki“ – in Putins Gunst abgefallen?

Auch ein weiteres Mitglied der „Silowiki“ dürfte in der jüngeren Vergangenheit in Putins Gunst abgefallen sein: Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Der 67-Jährige verkehrte in der Vergangenheit auch privat mit Präsident Putin und begleitete ihn auf Jagdreisen nach Sibirien. Pluspunkte beim Autokraten konnte Schoigu durch die von ihm durchgeführte Annexion der Krim im Jahr 2014 sammeln, die quasi ohne russische Verluste erfolgte.

Verteidigungsminister Sergei Schoigu neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auf einer Parade im Mai 2022.
Vertrauter an Putins Seite: Verteidigungsminister Sergei Schoigu neben dem russischen Präsidenten auf einer Parade im Mai 2022. © Evgeny Biyatov/imago-images

Durch die ausbleibenden Erfolge gerät der Verteidigungsminister jedoch vermehrt unter Druck. Die zahlreichen vermuteten Verluste im Ukraine-Krieg und die gescheiterte Eroberung der ukrainischen Hauptstadt Kiew nagen an der Stellung des 67-Jährigen. Normalerweise hat Putin bei derartigen Misserfolgen nur wenig Toleranz. Schoigu scheint sich jedoch trotzdem in seiner Position halten zu können. Die Politikwissenschaftlerin Tatjana Stanowaja sagte dem Guardian, dass Putin seinen Verteidigungsminister sehr wohl für die Fehler verantwortlich mache. Dem Präsidenten seien jedoch die Qualitäten von Schoigu weiterhin bewusst.

Igor Setschin: Putins „rechte Hand“ als möglicher Nachfolger?

Ein wichtiger Angehöriger der „Silowiki“ abseits der Politik ist Igor Setschin. Wie ein Großteil von Putins innerem Machtzirkel hat auch der 61-Jährige eine KGB-Vergangenheit. Mittlerweile führt Setschin nun den staatlichen Ölkonzern Rosneft an und steht damit an der Spitze von Putins wichtigstem geopolitischen Instrument. In dieser Position hatte Setschin auch mit Altkanzler Gerhard Schröder zu tun, der als Vorsitzender des Aufsichtsrats bei Rosneft aktiv war.

Setschin wurde in der Vergangenheit auch als rechte Hand Putins bezeichnet und wird ebenfalls als ein möglicher Nachfolger des Präsidenten an der Spitze des Kremls gehandelt. Allein aufgrund ihrer Macht, ihres Einflusses und ihren Beziehungen zu Putin, kommen die Mitglieder der „Silowiki“ als neue Staatsoberhäupter der Russischen Föderation infrage. Welche Auswirkungen Putins Machtzirkel auf den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs haben wird, kann jedoch nur die Zukunft zeigen. (fd)

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