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Unter anderem Norbert Röttgen (CDU, links im Bild) und Gregor Gysi (Linke) stritten sich bei Maybrit Illner über Syrien-Politik und den Fall Skripal. 

„Die Russen bekommt man nicht einfach weg“

Düsterer Syrien-Talk bei „Illner“: Lage schlimmer als im Kalten Krieg?

Bei „Maybrit Illner“ stellt sich am Donnerstagabend heraus: Die Lage ist deutlich unübersichtlicher, als im oft als Vergleich bemühten Kalten Krieg. Und viele sehen Russland diesmal nicht als Verlierer. 

Berlin - Es ist kaum einen Monat her, da haben sich bei Maybrit Illners Kollegin Sandra Maischberger die sogenannten Russland-Experten fast die Köpfe eingeschlagen. Damals bei Maischberger ging es in erster Linie um Putins Wiederwahl. Gestern bei Illner ging es um Gift: Giftgas-Morde des von Russland unterstützten Diktators Bashar al-Assad und einen mutmaßlich von Putin initiierten Giftanschlag in Großbritannien. Doch egal, was der jeweilige Kern der aktuell tobenden Russland-Debatte ist, es geht immer um den Umgang des Westens mit Russland. 

Von „Kaltem Krieg“ ist da schnell die Rede - doch der Westen ist keine Einheitsfront mehr: tiefe Risse zwischen Amerika und Europa sowie innerhalb Europas lassen eine gemeinsame „westliche“ Politik nur noch schwer zu. Dementsprechend hitzig geht es auch beim TV-Talk bei Maybritt Illner am Donnerstagabend zu. Alle sind sich uneins und niemand kann überzeugen - eine Art Spiegel der derzeitigen geopolitischen Lage.

Kalter Krieg: „Da wusste man wenigstens, woran man war.“

Gregor Gysi (Linke) ergreift gerne als erster das Wort: es werde nichts überprüft oder bewiesen, sondern nur Vorurteile gepflegt. Er sei Putin gegenüber zwar auch kritisch, aber man könne sich Russland gegenüber nicht so verhalten. Er erinnert an die Lügen Colin Powells, die die amerikanische Invasion des Iraks 2003 scheinbar legitimierten. Gysi hofft, dass amerikanische Militärs dem US-Präsidenten Trump Vernunft einflößen können. 

Die Stern-Journalistin und ehemalige Moskau-Korrespondentin Katja Gloger meint, die Rede vom „Kalten Krieg“ helfe nicht weiter - die Lage sei sogar schwieriger. Die Welt und das Krisengebiet in Syrien sei durchaus komplizierter als vor 50 Jahren. Der Unsicherheitsfaktor sei größer als zu Zeiten des Kalten Krieges, denn „da wusste man wenigstens, woran man war.“

Auch interessant: Verwirrung bei „Maischberger“: Kriminalität in Deutschland

Obamas rote Linie - Machtvakuum - Eskalation

Trotz der erwähnten Unübersichtlichkeit der internationalen Lage, die alle in der Runde auch Donald Trumps unvorhersehbaren Twitter-Eskapaden anlasten, empfindet CDU-Außen-Experte Norbert Röttgen die USA als „nicht ersetzbar“. Er sieht Europa in der Verantwortung. Man könne - auch aus eigenem Interesse - nicht nur zuschauen, da auch die europäische Flüchtlingskrise mit dem langjährigen Leid in Syrien zu tun habe. Röttgen widerspricht allerdings nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die eine deutsche Beteiligung an Militärschlägen gegen Syrien zuvor ausgeschlossen hatte. 

Die breite Zustimmung der Bevölkerung ist Röttgen bei so einer Haltung sicher. Gloger erinnert allerdings auch an die Folge unterlassener Militärintervention: „Obamas rote Linie“, die keine war. Danach sei Putin - für viele überraschend - in das entstandene politische Machtvakuum gestoßen. Damit müsse man nun umzugehen lernen: Russland sei die Schutzmacht des Assad-Regimes, und es sehe so aus, als gewinne Assad den Krieg. „Eine bittere Erkenntnis“ nennt Gloger das. 

„Regime-Change ist zu Ende“

Jegliches Vertrauen zwischen Russland und dem Westen sei verloren, behauptet Alexander Rahr, Politikwissenschaftler und Putin-Biograf. Der Westen bestehe auf einer werteorientierten Politik, laut der Assad - ein Kinder mordender Verbrecher - wegmüsse. Russland, der Iran und die Türkei hingegen hätten neue Pläne vorgelegt. „Warum arbeiten wir nicht gemeinsam!?“ will Rahr wissen. Immerhin sei die Türkei NATO-Mitglied. Die Russen bekomme man nicht einfach weg. Er will, dass man sich auf Augenhöhe begegnet wie im Kalten Krieg: damals habe man die Soviet-Union als Gegner respektiert. Heute verachte man Russland als Verlierer des Kalten Kriegs.

Putin-Biograf Alexander Rahr wäscht den Assad-Kritikern den Kopf: viele Syrer seien Assad-Unterstützer, weil die Alternative nicht besser sei. 

Dabei seien Russland und Putin nicht die Verlierer, wie einige sich im weiteren Verlauf der Diskussion zähneknirschend einig werden: Krim-Krieg, Cyber-Krieg, Desinformation, Unterwanderung, Brexit, Donald Trump, Zerfall der EU - überall habe Putin seine Finger im Spiel, konstatieren Gloger und die Juristin Sandra Navidi. Damit habe er Erfolg. Gregor Gysi kann damit nichts anfangen: man könne Putin und Russland nicht so einseitig darstellen. Der Westen habe Russland falsch behandelt. Es ist das alte Spiel zwischen Hetzern und Vermittlern, Realisten und Putin-Romantikern.

Zum Thema: Altkanzler Schröder: „Können froh sein, einen Putin zu haben!“

„In diesem Haus ist nur Platz für die Wahrheit“

Und beim alten Spiel bleibt es auch. So differenziert, geduldig und nachvollziehbar die Gäste auf beiden Seiten auch argumentieren mögen, die Einstellung Russland gegenüber bleibt ein moralisches, wenn nicht philosophisches Dilemma. Es geht um Gesinnungsethik und Verantwortungsethik - da hilft es auch nicht, dass der Rest der Sendung dem Fall Skripal gewidmet wird. Die Interpretationen dieses Agententhrillers unterscheiden sich so sehr wie die Rezensionen eines James-Bond-Streifens. 

„In diesem Haus ist nur Platz für die Wahrheit“, sagt Maybritt Illner als Putin-Feinde und Apologeten wieder übereinander herfallen. Was die Wahrheit ist, verrät sie allerdings nicht. 

Lesen Sie auch: Chaos und Geschrei bei „Hart aber fair“

Laurenz Gehrke

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