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Quarantäne-Regeln lockern: Was entscheidet die Ampel? Sogar Experten sind uneins

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Von: Cindy Boden

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Zieht Deutschland nach? Andere Länder haben ihre Quarantäne-Regeln schon angepasst. Vor dem Corona-Gipfel prallen Für und Wider aufeinander.

Berlin - Steigen mit Omikron die Corona-Fallzahlen, drohen viele Quarantäne-Anordnungen. Deshalb ist die politische Debatte in vollem Gange: Quarantänezeit verkürzen oder nicht?

Am Freitag, 7. Januar, wenn Bund und Länder das erste Mal im neuen Jahr für einen Corona-Gipfel zusammenkommen, wird genau das Thema werden. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) rechnet mit einer schnellen Entscheidung. Es werde wegen der drohenden Omikron-Welle „auf jeden Fall neue Beschlüsse geben“, kündigte er am Sonntagabend in einem Interview mit RTL und ntv an. Ob Lauterbach nur eine Verkürzung der Quarantänefristen für Kontaktpersonen oder sogar kürzere Isolationszeiten für Infizierte erwägt, blieb offen.

Omikron: Neue Quarantäne-Regeln in Deutschland? Noch liegt kein Entwurf vor

Einen Verordnungsentwurf hatte die Bundesregierung am Montagmittag noch nicht fertig. Auf die Frage, ob das Bundesinnenministerium bereits an einer geänderten Musterquarantäneverordnung für die Länder arbeite, antwortete Ministeriumssprecher Steve Alter: „Wir diskutieren diesen Vorschlag aus dem Bundesgesundheitsministerium innerhalb der Bundesregierung, und wir stehen in engem Kontakt zu einer etwaigen Umsetzung.“ (Ampel vor großen Aufgaben - was SPD, Grüne und FDP planen, erfahren Sie  in unserem Politik-Newsletter.)

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (Archivbild)
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach: Kommen schon bald neue Quarantäne-Regeln? (Archivbild) © Reiner Zensen/Imago

Im Fokus der Debatte stehen Personen, die bereits geboostert wurden. Vor allem um neue Quarantäne-Regeln für Bereiche der „kritischen Infrastruktur“ wird gerungen - etwa bei Polizei, Feuerwehr, Pflegepersonal oder Energieversorgung. Für sie könnte es eine Änderung der Fristen geben. Anders als bei anderen Corona-Varianten ist aus Sicht des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine Quarantäne bei Vorliegen von Omikron immer empfohlen - und zwar „auch für vollständig geimpfte und genesene Kontaktpersonen“. In Deutschland sieht diese Empfehlung derzeit noch vor, dass sich Infizierte und ihre Kontaktpersonen für 14 Tage isolieren sollen.

„Omikron ist anders als frühere Varianten“: Politik diskutiert neue Quarantäne-Regeln

Unter anderem Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hatte eine Befreiung von der Quarantäne für geboosterte Kontaktpersonen ins Gespräch gebracht. Auch ein Unions-Kollege pflichtet ihm bei. „Omikron ist anders als frühere Varianten“, sagte Tino Sorge (CDU) - doch legt er diese Veränderung anders als das RKI aus: „Darum müssen auch die Quarantäne-Regeln angepasst werden“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Union der Welt.

„Wir erwarten eine neue Dynamik mit sehr vielen, aber eben auch vielen milden Corona-Infektionen“, führte der CDU-Politiker aus. In einer solchen Situation müsse verhindert werden, dass massive Personalausfälle die Wirtschaft und die kritischen Infrastrukturen lahmlegen. „Darum wäre es sinnvoll, die Quarantäne für bestimmte Kontaktpersonen zu verkürzen“, sagte Sorge. Dies könne durch engmaschige Tests flankiert werden.

Quarantänezeiten verkürzen? Für und Wider: Kritische Infrastruktur aufrechterhalten, vor Krankheit schützen

Auch aus der SPD kommen solche Stimmen, wenn auch vorsichtiger. „Omikron könnte eine Art Game Changer werden“, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt der Welt. „Zumindest in die Quarantäne-Dauer könnte Bewegung kommen.“ Dabei gibt es innerhalb der Partei jedoch noch unterschiedliche Standpunkte. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hält es trotz der zunehmenden Omikron-Fälle derzeit nicht für nötig, die Quarantäne-Zeit zu verkürzen. Die kritische Infrastruktur sei noch nicht außer Gefecht gesetzt, sagte sie dem Deutschlandfunk. Erst wenn absehbar sei, dass Polizei oder Feuerwehr nicht mehr arbeitsfähig seien, müsse eine solche Maßnahme beschlossen werden.

Die AfD schließt sich den Lockerungsrufen an, doch mit einer anderen Bedingung: Die verkürzte Quarantäneregel „darf aber nicht an Impfung oder Booster geknüpft werden“, sagte AfD-Fraktionschef Tino Chrupalla der Welt.

Grünen-Gesundheitsexperte Dahmen sieht Quarantäneverkürzung kritisch: „Sehr vorsichtig sein“

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen ist dem Thema gegenüber deutlich skeptischer eingestellt. „Die Krankenschwester, die dann infiziert den Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten anstecken könnte, durch eine verkürzte Quarantäne zu einem Risiko für die Ausbreitung dieser Omikron-Welle zu machen, das halte ich im Moment noch nicht für einen richtigen Weg“, sagte er in der Sendung „Frühstart“ von RTL und ntv. Überall, wo es viele Kontakte gebe und die Menschen Dritte anstecken könnten, müsse man „sehr vorsichtig“ sein, sagte Dahmen. Nur über wenige Ausnahmen könne man nachdenken: Menschen in der kritischen Infrastruktur. Er nannte Bereiche wie Wasserwerke, in denen es hochspezialisierte Fertigkeiten brauche, aber wenig Kontakte gebe.

Corona-Quarantäne und Omikron: Blick ins Ausland

Befürworter der Verkürzung führen andere Länder gern als Beispiel an. So haben etwa Großbritannien und die USA bereits die Quarantäne-Dauer für Infizierte ohne Symptome verkürzt, um akutem Personalmangel in Bereichen vorzubeugen, die für die Grundversorgung und Sicherheit nötig sind. Spanien und Portugal verkürzten die Zeit für symptomlose Infizierte von zehn auf sieben Tage. Eine Rolle spielen dabei auch Indizien, dass Omikron seltener zu schweren Krankheitsverläufen führen dürfte.

Deutschlands Nachbarland Frankreich hatte am Sonntag eine Lockerung und Vereinheitlichung der Quarantäne-Regeln für Corona-Geimpfte angekündigt. Den Plänen zufolge müssten sich vollständig geimpfte Corona-Infizierte nun unabhängig von der Variante in der Regel für sieben und nicht mehr zehn Tage isolieren und können sich bereits nach fünf Tagen freitesten. Kontaktpersonen, die nicht oder nicht vollständig geimpft sind, müssen weiterhin sieben Tage in Quarantäne. Vollständig geimpfte Kontaktpersonen müssen hingegen nicht mehr in Quarantäne, vorausgesetzt sie testen sich binnen sechs Tagen jeweils jeden zweiten Tag.

Uneinigkeit bei neuen Quarantäne-Regeln - „Es wäre den Mitarbeitern auch schwer zu vermitteln“

Und was halten Ärzte und Pfleger von den Vorschlägen? Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, sprach sich gegen eine allgemeine Verkürzung der Corona-Quarantänezeiten aus. „Ein flächendeckender Einsatz von infizierten symptomlosen Mitarbeitern in der kritischen Infrastruktur ist ein zu hohes Risiko, gerade auch im Gesundheitswesen für die besonders vulnerablen Gruppen“, sagte Gaß den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland kurz vorm Jahreswechsel. Gaß betonte: „Es wäre den Mitarbeitern auch schwer zu vermitteln, mit viel Aufwand Infektionsschutz zu betreiben, während Kollegen infektiös am Krankenbett stehen.“ Verkürzungen der Quarantäneregelung könne es nur nach sorgfältiger Prüfung geben.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hält eine Verkürzung bei symptomlosen Omikron-Infizierten allgemein hingegen für vertretbar. „Das wäre ein pragmatischer Weg, um bei sehr hohen Ansteckungszahlen dafür zu sorgen, dass die kritische Infrastruktur nicht zusammenbricht“, sagte er dem Tagesspiegel vergangenen Freitag. Angesichts der erwartbaren Omikron-Welle sei ein „differenzierter Umgang mit der Situation“ nötig.

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte eine Reduzierung der Quarantäne-Dauer als „Kompromiss“ zwischen der Kontrolle des Infektionsgeschehens und wirtschaftlichen Überlegungen bezeichnet. (cibo/dpa/AFP)

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