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Der Tod der Queen lässt in Australien die Diskussion um die Monarchie neu entflammen

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Von: Katharina Loesche

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Die Königin ist tot, lang lebe der König. Mit dem Ableben von Queen Elizabeth II. rückt in Australien König Charles III. an die Spitze des Staates. Doch braucht die Regierung in Canberra überhaupt ein royales Staatsoberhaupt?

Brisbane – 21 Kanonenschüsse donnerten am 11. September 2022 über die australische Hauptstadt Canberra. Australien ernannte König Charles III. nach dem Tod von Königin Elizabeth II. offiziell zum neuen Herrscher, schwor ihm „Treue und Gehorsam“. Die Verfassung des Landes besagt, dass ein zuvor anderswo bestätigtes Staatsoberhaupt anzuerkennen ist. Und so folgte jeder Handgriff, jeder Schritt auf dem Vorplatz des Parlamentsgebäudes in Canberra den Traditionen Londons.

Das Gesicht von Queen Elizabeth II. wird als Zeichen der Trauer auf die Segel des ikonischen Opernhauses in Sydney projiziert.
Das Gesicht von Queen Elizabeth II. wird als Zeichen der Trauer auf die Segel des ikonischen Opernhauses in Sydney projiziert. © Robert Wallace/afp

Die Zeremonie heizte eine Debatte im Land an, die älter ist als das Referendum, mit dem sich Australien bereits 1999 von der Krone lossagen wollte. Die Schuld für das Scheitern einer Republik damals wurde der Bewunderung für Königin Elisabeth zugeschrieben. Seitdem war es selbstverständlich, dass es ein Thema non grata war, solange die Königin regierte. Doch nun sitzt Charles auf dem Thron. Und Australien diskutiert darüber, ob dieses Land seine verfassungsmäßigen Bindungen nach Großbritannien kappen sollte.

Tod von Queen Elizabeth II.: Australisches Referendum über Republik

Wie wenig Entscheidungsspielraum die Regierung um den australischen Ministerpräsidenten Anthony Albanese bei der Proklamation von Charles III. hatte, wurde bei den Feierlichkeiten deutlich. Generalgouverneur David Hurley sagte, er habe Albanese angewiesen, die Proklamation zu unterschreiben. „Unterzeichnet von mir als Generalgouverneur und gegengezeichnet auf meinen Befehl vom ehrenwerten Anthony Albanese MP, Premierminister von Australien”, sagte Hurley.

In seiner Funktion als König von Australien wird Charles III. in Australien vom Generalgouverneur vertreten. Mit anderen Worten: Albanese hatte in dieser Angelegenheit nichts zu melden. Auf die Frage von Journalisten nach einer Republik, sagte Albanese, Königin Elisabeth habe zu Lebzeiten „deutlich gemacht, dass Australien sein Schicksal selbst in der Hand hat“. Seine Ansichten über eine Republik seien bekannt, aber jetzt sei „nicht der richtige Zeitpunkt“, um eine neue Debatte über die Verfassungsänderung zu beginnen, erklärte er. Jetzt sei eine Zeit der Trauer.

Commonwealth Australien: Bestrebungen für Republik in Trauerzeit ausgesetzt

„Obwohl wir während der Trauerzeit unsere Kampagne ausgesetzt haben, haben wir noch nie so viele Anmeldungen erlebt“, sagte Sandy Biar, Direktor der überparteilichen Organisation Australian Republic Movement (ARM), die sich für eine Republik Australien einsetzt, Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Nach dem offiziellen Feiertag zum Tod der Königin in dieser Woche werde die Kampagne aber wieder verstärkt anlaufen.

Rückendeckung kommt von der ehemaligen Premierministerin Julia Gillard. „Ich war immer der Auffassung, dass der Tod der Königin Australien auf den Weg zu einer Republik führen wird“, sagte Gillard dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ABC. Zu der überwältigenden Anteilnahme am Tod der Königin sagte Gillard, dass Königin Elisabeth durch ihren langen Dienst für die Krone „eine Art Ruhezone in dieser chaotischen, zerrissenen Welt“ dargestellt habe. Sie räumte jedoch ein, dass gerade in Australien die Monarchie auch kritisch gesehen wird.

Britisches Staatsoberhaupt – ein Symbol der Kolonialisierung

Für viele australische Ureinwohner war die Queen Aushängeschild der kolonialen Ausbeutung und Brutalität. Die Ankunft der britischen Sträflingskolonie im Jahr 1788 markierte den Beginn von Enteignungen und Versklavungen, die bis heute nachwirken. „Wir können nicht um etwas trauern, das uns seit so vielen Generationen kolonialisiert hat“, sagte die Botschafterin der Aboriginal Tent Embassy in Canberra, Gwenda Stanley, australischen Medien.

Das Vermächtnis der Monarchie bestehe darin, dass sie ein privilegiertes Leben führte, weil sie vom Völkermord an den Ureinwohnern dieses Landes profitiert habe. Es bleibe die Ungerechtigkeit der Völkermorde, die sie mit ins Grab nehme. Der indigene Stammesführer Professor Tom Calma von der Universität Canberra sagte hingegen, er hege „keine Feindseligkeiten“ gegenüber der verstorbenen Monarchin. Sie habe den Thron mehr als anderthalb Jahrhunderte nach der Kolonialisierung durch die Briten bestiegen. „Sie hat das Dilemma geerbt.“

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Monarchie ist Teil des australischen Systems

Gegenwind für die Abkehr von einem britischen Staatsoberhaupt bekommt die Republik-Bewegung unter anderem von Oppositionsführer Peter Dutton. „Wir brauchen einen König genauso wie eine Königin, denn wir haben ein stabiles politisches System, das uns gut gedient hat und ich glaube nicht, dass wir das zunichtemachen sollten“, sagte er dem Sender ABC.

Auch der ehemalige Premierminister John Howard sprach sich gegen eine Änderung aus. „Ich denke, dass die Stärke, Beständigkeit und Flexibilität der konstitutionellen Monarchie von mehr Menschen geschätzt wird, als man sich vorstellen kann.“ Die Debatte werde nie aufhören. „Aber das ist auch gut so, wir sind eine Demokratie und die Menschen dürfen sich für Veränderungen einsetzen.“

Australien: Mehr als 2/3 des Commonwealths haben sich von der Krone losgesagt

In den vergangenen Jahren haben bereits 39 der 54 Commonwealth-Länder beschlossen, ihr eigenes Staatsoberhaupt zu wählen. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Resolve zufolge, sprach sich Anfang des Jahres landesweit eine knappe Mehrheit von 54 Prozent der Australier für eine Republik aus. Fakt ist: Die Monarchie ist – ob man sie mag oder nicht – ein Relikt aristokratischer Privilegien nach dem Erbprinzip. Mit Charles III. wird der Grundstein für die kommenden rund 90 Jahre gelegt, in denen ein weißer, deutsch-englischer, protestantischer Mann das Staatsoberhaupt Australiens und „Verteidiger des Glaubens“ ist.

Auf Charles III. folgt William V. und dann George VIII. Da stellt sich die Frage: Passt das noch zu einem Australien, das sich mit dem neuen Regierungschef Albanese die Aussöhnung mit den indigenen Völkern auf die Fahne geschrieben hat? In der laut der letztjährigen Volkszählung nicht mal zehn Prozent der Bevölkerung dem anglikanischen Glauben anhängen? In der die Regierung anerkennt, dass diese Nation nicht erst 1788 entstanden ist, sondern mindestens 65.000 Jahre alt ist? Vielleicht ist nun mit dem Wechsel auf dem Thron im Buckingham Palace auch der Zeitpunkt gekommen, dass das Land dem Ruf seiner Nationalhymne „Advance Australia Fair” folgt und sich selbst den (Fort-)Schritt in eine eigene Zukunft ermöglicht.

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