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„Fast niemand zufrieden“: Kreml-Quellen schildern wachsende Wut auf Putin – dennoch kein Putsch in Sicht?

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Von: Max Müller

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An einer Wand hängen T-Shirts mit dem Aufdruck „Fuck Putin“.
Die Kritik an Wladimir Putin wächst, auch in den eigenen Reihen. © Nicolas Maeterlinck/dpa

Um Wladimir Putin wird es offenbar immer einsamer. Aus seinem direkten Umfeld werden kritische Stimmen laut - so ist zumindest zu lesen.

Moskau – Drei Monate führt Russland nun bereits Krieg in der Ukraine. Als der Einmarsch am 24. Februar startete, rechneten fast alle Militärexperten mit einem schnellen Vorstoß und massiven Geländegewinnen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der kleine Bruderstaat sich ergeben muss, hieß es allerorten. Davon ist die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj jedoch weit entfernt. Dass es schlecht für Russland aussieht, nimmt man auch in Moskau wahr. Doch von möglicher interner Kritik im Kreml ist wenig nach außen gedrungen – bis jetzt.

Putin im Ukraine-Krieg unter Druck? „Es gibt wahrscheinlich fast niemanden, der zufrieden ist“

Der in Riga beheimateten russischen Exilzeitung Meduza ist es nach eigenen Angaben gelungen, mit einer dem Kreml nahestehenden Person zu sprechen. Es ist nicht klar, um wen es sich handelt.

Die Quelle sparte jedoch nicht mit Kritik. „Es gibt wahrscheinlich fast niemanden, der mit Putin zufrieden ist. Geschäftsleute und viele Kabinettsmitglieder sind unglücklich darüber, dass der Präsident diesen Krieg begonnen hat, ohne das Ausmaß der Sanktionen zu durchdenken. Ein normales Leben ist unter diesen Sanktionen unmöglich“, äußerte sie sich. Weitere Personen aus dem direkten Umfeld von Putin bestätigten diese Analyse, berichtet Meduza.

Der Frust bei den russischen Eliten könnte also wachsen – sowohl bei Gegnern als auch bei Befürwortern des Ukraine-Konflikts. Ihnen stößt besonders sauer auf, dass Präsident Wladimir Putin die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Heimat ignoriert. Die Debatte über einen Öl- und Gas-Boykott des Westens tut Putin als leere Drohung ab.

Ukraine-Krieg: Vertraute von Putin glauben Berichten zufolge nicht mehr an russischen Sieg

Defätismus unter kremlnahen Eliten attestiert auch Christo Grozew, Russland-Experte der Recherchegruppe Bellingcat gedeckt. Er äußerte sich in einem Interview mit dem britischen Nachrichtenportal Metro. Ihm zufolge sind russische Spitzenbeamte bereits der Ansicht: Der Krieg ist verloren.

Grozew warnte vor Hardlinern, die nun Druck machen, chemische und nukleare Waffen einzusetzen. Wenn Putin das beschließt, müsste jeder in der Befehlskette diese Entscheidung mittragen – sonst würde offensichtlich, dass der Kurs des Präsidenten umstritten ist. Für den Recherche-Experten eine gute Nachricht: „Solange er sich also nicht sicher ist, dass sich alle daran halten, wird er diesen Befehl nicht erteilen“, ist sich Grozew sicher.

Putin bremst bei Generalmobilmachung: Russlands letzte Chance, den Ukraine-Krieg zu gewinnen?

Eine weitere Möglichkeit, den Krieg in der Ukraine noch zu einem Erfolg zu führen, wäre eine vollständige Mobilisierung der russischen Bevölkerung. So ordnet jedenfalls die von Meduza zitierte Quelle die Lage ein: „Wir müssen noch härter vorgehen. Dies würde eine breite Mobilisierung von Reservisten und ein ‚Spiel auf Sieg‘ bedeuten, idealerweise durch die Einnahme von Kiew selbst.“

Der Kreml hat bisher allerdings noch keine vollständige Mobilisierung verkündet. Mit großer Spannung war in diesem Zusammenhang die Rede Putins zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai erwartet worden. Der 9. Mai ist ein Feiertag in Russland, an dem traditionell riesige Militärparaden abgehalten werden. Befürchtet wurde, dass Putin dort die Generalmobilmachung verkündet. Doch der Kreml schreckt vor diesem Schritt offenbar noch zurück.

Kreml-Eliten: Nur ein gesundheitliches Problem kann Putin stoppen

Eine gesichtswahrende Lösung scheint für den russischen Präsidenten nach Einschätzung der Informanten praktisch unmöglich. Es gebe kein realistisches Szenario, in dem er den Krieg in der Ukraine beenden und gleichzeitig seine hohen Zustimmungswerte behalten könnte. Einen „würdigen Rückzug“ halten offenbar auch die Personen in Putins Umfeld für wenig realistisch.

Den russischen Eliten ist laut Meduza klar, dass nur ein schweres gesundheitliches Problem den Präsidenten aus dem Amt treiben könnte. „Es ist nicht so, dass sie Putin jetzt stürzen wollen oder dass sie eine Verschwörung planen, aber es gibt den Wunsch, dass er den Staat vielleicht in absehbarer Zeit nicht mehr regieren wird“, zitiert das Medium eine weitere Person.

Ukraine-Ärger im Kreml: Was kommt nach Putin?

Doch was kommt nach Putin? Das ist zum jetzigen Zeitpunkt natürlich reine Spekulation. Als mögliche Nachfolger werden offenbar der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin, der ehemalige Präsident Dmitri Medwedew sowie der Erste Stellvertretende Generalstabschef Sergej Kirijenko gehandelt. Im März war beim Kriegsgegner Ukraine auch über einen Putsch gegen Putin und FSB-Chef Alexander Bortnikow als Nachfolger spekuliert worden.

Anderenfalls wird Putin wohl auf der Suche nach in Russland präsentierbaren Trophäen sein. So hat der Kreml beispielsweise die Idee nicht aufgegeben, Teile der Ukraine zu annektieren, indem er Referenden in den selbsterklärten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk sowie in der Region Cherson, die derzeit von russischen Truppen besetzt ist, durchführt. Wann diese Volksabstimmungen stattfinden können, hängt aber auch von der Lage an den Frontlinien ab. (Max Müller)

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