Teilnehmer stehen nach der Demonstration der Stuttgarter Initiative „Querdenken“ umgeben von Einsatzfahrzeugen der Polizei am Hauptbahnhof.
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„Querdenker“-Demos in Berlin und Leipzig verschlimmerten die Infektionslage in Deutschland

„Superspreader-Events“

Studie zeigt: „Querdenker“-Demos haben massiven Effekt auf Corona-Infektionszahlen

  • vonJosef Forster
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In einer gemeinsamen Studie des ZEW Mannheim und der Humboldt-Universität zu Berlin machen die Forscher:innen „Querdenken“-Demos für bis zu 21.000 Corona-Infektionen verantwortlich.

  • Im November 2020 fanden in Berlin und Leipzig große „Querdenken“-Demonstrationen statt. Viele Teilnehmer:innen ignorierten Abstandsregeln und Maskenpflicht.
  • Eine Studie belegt, dass bis zu 21.000 Corona-Neuinfektionen auf die Demos zurückführen sind.
  • Landkreise, aus denen viele Teilnehmer:innen kommen, verzeichnen einen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz um 40.

Berlin - Es waren verstörende Bilder, die im vergangenen November aus Leipzig und Berlin für Schlagzeilen sorgten. Tausende Menschen missachteten die Abstands- und Maskenregelungen, drängten sich dicht an dicht, um gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu demonstrieren. Die Befürchtung, dass diese „Querdenker“-Proteste das Infektionsgeschehen in Deutschland verschlimmern könnten, bestätigt nun eine Studie des ZEW Mannheim in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin. Die „Querdenker“-Demonstrationen waren demnach für 16.000 bis 21.000 Covid-19-Infektionen in Deutschland verantwortlich.

„Querdenker“-Proteste waren laut Studie „Superspreader-Events“

„Eine mobile Minderheit, die sich nicht an geltende Hygieneregeln hält, kann so ein erhebliches Risiko für andere Personen darstellen“, erläutert ZEW-Wissenschaftler und Koautor der Studie Dr. Martin Lange. Die Forscher:innen des ZEW Mannheim und der Humboldt Universität zu Berlin untersuchten für die Studie das Infektionsgeschehen in Landkreisen, aus denen viele Teilnehmer:innen der Proteste stammen. Die Kreise lokalisierten die Wissenschaftler:innen mithilfe der Informationen über das Angebot von Busunternehmen, die dem „Querdenker“-Umfeld nahestehen. Wie der Tagesspiegel berichtet, steigt die Inzidenz in Landkreisen, die eine Haltestelle des „Honk for Hope“-Netzwerks sind. Das Netzwerk organisiert Busfahrten zu Corona-Demonstrationen.

Neben der Bushaltestelle des „Honk for Hope“-Netzwerks lokalisieren die Wissenschaftler:innen laut Tagesspiegel die betreffenden Landkreise anhand zwei weiterer Faktoren: Einerseits berücksichtigen die Forscher:innen den Anteil der AfD-Wähler:innen in den Landkreisen, da die Partei die Gefahr des Virus wiederholt leugnet. Darüber hinaus berücksichtigt das Forscher:innen-Team die Masern-Impfbereitschaft in den Kreisen. Anhand dieser drei Faktoren finden die Wissenschaftler:innen die Landkreise, die sie für die Untersuchung heranziehen.

Corona-Proteste: Steigende Infektionszahlen sind anhand von Busreisen erklärbar

In den betreffenden Gebieten stieg der Sieben-Tage-Inzidenz-Wert bis Weihnachten um 40. Wie Studienautor Martin Lange gegenüber dem Tagesspiegel bestätigt, liegt ein Zusammenhang zwischen der Bushaltestationen und der Inzidenz vor: „Wir sehen in unseren Daten, dass zehn bis zwölf Tage nach den Demos die Inzidenz in den Bushaltestellen-Landkreisen stark ansteigen“.

Es bleibt abzuwarten, wie politische Entscheidungsträger:innen und die Gerichte auf die Studie des ZEW Mannheim und der Humboldt-Universität zu Berlin reagieren. Wie das Forschungsteam in der Mitteilung betont „quantifiziert [die Studie] erstmals den Zielkonflikt zwischen der Einschränkung von Freiheitsrechten und gesundheitspolitischen Maßnahmen zum Infektionsschutz“. Die Wissenschaftler:innen kommen auf Grundlage ihrer Ergebnisse jedenfalls zu dem Schluss, dass „das individuelle Verhalten [..] große Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben kann“. (jjf) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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