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"Rainer war die Dampfmaschine"

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München - Der Regisseur, Autor und Schauspieler wurde zu einem der bedeutendsten Protagonisten des Neuen Deutschen Films. Seine Arbeiten, die teilweise kontrovers diskutiert wurden, prägten das Kino. Fassbinders Weggefährte Harry Baer und Regisseur Werner Herzog erinnern sich.

Die New York Times nannte ihn einst den "faszinierendsten, begabtesten, fruchtbarsten, originellsten jungen Filmemacher in Westeuropa". Am Sonntag jährt sich der Tod des kreativen wie unberechenbaren Regisseurs und Autors Rainer Werner Fassbinder zum 25. Mal.

Zwischen halb zwei und halb drei Uhr in der Nacht auf den 10. Juni 1982 klingelte in der Wohnung im Haus an der Clemensstraße 76 das Telefon. Fassbinder nahm ab, am anderen Ende der Leitung war Harry Baer, seit 1969 Schauspieler in zahlreichen Filmen des Regisseurs und künstlerischer Mitarbeiter bei dessen Produktionen. Baer war in jener Nacht auf Motivsuche für "Ich bin das Glück dieser Erde". Man habe herausfinden wollen, erinnert er sich, ob man nach all den großen Produktionen wie "Lili Marleen", "Lola" oder "Die Sehnsucht der Veronika Voss" überhaupt noch einen "kleinen, schmutzigen Film" zustande bringe. Baer war damals unweit des Max-Weber-Platzes auf ein kleines Jazz-Lokal mit Galerie gestoßen. "Das hat wunderbar für den Film gepasst. Das habe ich ihm am Telefon erzählt", sagt er und fügt nach einer Pause hinzu: "Rainer war okay."

Kurz nach diesem Telefonat, gegen vier Uhr in der Früh, ist Fassbinder in seiner Wohnung vor laufendem Fernseher gestorben. Er wurde 37 Jahre alt.

Mit seinem Tod endete eine 14 Jahre währende Schaffensphase, in der er unter anderem 44 Filme drehte, in 40 Filmen als Darsteller mitwirkte, 14 Theaterstücke schrieb, 25 Stücke inszenierte, vier Hörspiele und 37 Drehbücher verfasste. "Ein normaler Mensch hätte das so nicht auf die Reihe gekriegt", sagt Baer. "Einige seiner Filme haben Filmgeschichte geschrieben." Und Regisseur Werner Herzog ("Sein Tod war ein ziemlicher Schlag, weil wir uns in ganz vorsichtiger Weise gerne mochten.") erinnert sich, dass er zu Fassbinder einmal gesagt habe: "Gut, dass Du da so wütest wie eine Wildsau. Das brauchen wir." Doch diese wütende Produktivität bedeutete auch (Selbst-)Zerstörung. Denn Fassbinder schonte weder sich noch seine Mitarbeiter. "So wie wir könnte man heute nicht mehr arbeiten", ist sich Baer sicher. "Wir haben teilweise Filme in einer Woche gemacht. Ich weiß nicht, ob wir da überhaupt geschlafen haben - auch ohne Rauschgift übrigens", wie er mit Blick auf Fassbinders Alkohol- und Drogenkonsum hinzufügt.

Ihm komme es so vor, erzählt Herzog, als jähre sich der Tod heuer nicht zum 25. Mal, sondern liege erst drei Jahre zurück. Gut erinnert er sich an seine erste Begegnung mit Fassbinder: "Er kam als 18- oder 19-Jähriger zu mir ins Büro, ich hatte damals schon eine Filmproduktion, und brachte mir seine allerersten drei Kurzfilme und sagte: ,Schau Dir die Filme an. Jetzt!’ Er war ein pickliger, dicklicher Junge und ich sagte: ,Rainer Werner, hören Sie, ich habe alle drei Filme gesehen. Ja, das wird was.’" Vor lauter Freude wollte Fassbinder, dass Herzog seinen ersten Spielfilm produziert. Der wollte jedoch nicht: "Ich habe ihm gesagt, dass er den Mut haben muss, seine eigene Produktionsstruktur aufzubauen - was er dann auch gemacht hat. Er war mir irgendwie immer ganz dankbar, dass ich ihn abgelehnt habe."

Harry Baer, der heute noch als Schauspieler, Produzent und Autor arbeitet, lernte Fassbinder kurze Zeit später, 1969, kennen. Baer, Jahrgang 1947, besuchte damals das Luitpold-Gymnasium und hörte auf den Familiennamen Zöttl. Seinen Künstlernamen hat ihm Fassbinder verpasst - "weil ich wie ein Zottelbär herumlief".

Ein Klassenkamerad war es, der Baer zu Fassbinders "antiteater" brachte, jener Off-Bühne, die sich aus dem "Action-Theater" entwickelte und Fassbinders künstlerisches Katapult werden sollte.

Damals suchte die Truppe einen Schlagzeuger - und Harry Baer überzeugte beim Vorspielen. Von da an war er bei den Auftritten im Hinterzimmer der Kneipe "Witwe Bolte" hinter der Uni dabei. Im selben Jahr drehte Fassbinder seinen ersten Langfilm "Liebe ist kälter als der Tod" mit der "antiteater"-Truppe; beim "Katzelmacher", der zweiten Produktion im Jahr 1969, stand Baer erstmals vor der Kamera. Von Film zu Film habe man aus Fehlern gelernt und sich verbessert, erzählt er, wobei viele Mitarbeiter mehrere Funktionen parallel ausgeübt hätten: "Das war ein bisschen wie eine Familie, nur an den Rändern war Fluktuation. Und Rainer war die Dampfmaschine."

Eine, die auch immer wieder über die Grenzen des gerade noch Erträglichen walzte. Bestes Beispiel: Sein politisch wie ästhetisch eher fragwürdiges Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", in dem Fassbinder auf das antisemitische Klischee vom "reichen Juden" zurückgreift, sorgt bis heute für Diskussionen.

Das Stück greift auf die Sanierungsphase in Frankfurt Anfang der 70er-Jahre zurück. Damals hatte die Stadt das Westend, eine einstmals gute Wohngegend, Spekulanten überlassen, die dort Wohnhäuser abrissen und durch Gewerbeimmobilien ersetzten. Ein großer Teil jener Bauherren war jüdischen Glaubens, darunter auch Ignatz Bubis, der spätere Vorsitzende des Zenralrats der Juden. Fassbinder verteidigte seinen Text: "Die Stadt lässt die vermeintlich notwendige Drecksarbeit von einem, und das ist besonders infam, tabuisierten Juden tun, und die Juden sind seit 1945 in Deutschland tabuisiert, was am Ende zurückschlagen muss, denn Tabus, darüber sind doch wohl alle einig, führen dazu dass der Tabuisierte, Dunkle, Geheimnissvolle Angst macht und endlich Gegner findet."

Dennoch wurde eine 1975 für seine Leitungszeit am Frankfurter Theater am Turm geplante Inszenierung durch den Autor selbst nicht realisiert, weil Fassbinder zwischenzeitlich seinen Direktorenjob hingeworfen hatte. Zehn Jahre später sollte das Stück nochmals in Frankfurt auf die Bühne gebracht werden - der Streit gipfelte in einer Bühnenbesetzung durch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die bundesweit für Aufsehen sorgte.

Diesen Skandal, dem im Jüdischen Museum in Berlin ein eigener Ausstellungsraum gewidmet ist, hat Rainer Werner Fassbinder nicht mehr erlebt. "Zwischen fünf Uhr und halb sechs am Morgen des 10. Juni 1982 hat ständig mein Telefon geklingelt", erzählt Baer. "Irgendwann bin ich ran. Eine Frau sagte: ,Rainer ist tot.’ Ich wollte das nicht glauben und bin in die Deutsche Eiche, das Lokal war damals unser Wohnzimmer. Als ich dort die verheulten Gesichter gesehen habe, wusste ich, dass es stimmt."

Er sei nach Fassbinders Tod immer wieder gefragt worden, ob er denn nicht gemerkt habe, dass er all die Jahre mit einem Genie gearbeitet hätte, sagt Harry Baer. "Nee, nicht eine Sekunde. Der Rainer war ein Spezl. Dass er auch ein Genie war, habe ich erst Jahre später begriffen."

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