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Ramsauer: Minister 03 zwischen den Welten

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„Es sind nach wie vor zwei Welten“: Bundesbau- und Verkehrsminister Peter Ramsauer, CSU. © dpa

München - Es gibt Politik jenseits von Pkw-Maut und Nummernschilder-Klamauk des Verkehrsministers. Der Bauminister zum Beispiel ist durchaus respektiert im Land. Dabei heißt auch er Ramsauer.

Er lässt es ja gern mal krachen, aber doch bitte nicht jetzt. Peter Ramsauer gibt die große deutsche Eröffnungs-Pressekonferenz zur Biennale in Venedig, vor sich gut 100 internationale Journalisten auf Plastik-stühlen – da knirscht etwas, ächzt und splittert. Unter mehreren Besuchern bersten die Stühle, die Gäste kullern mitten in seiner Rede über den Boden.

Na bravo: Welch Zeugnis deutscher Baukunst bei einem der wichtigsten Architektur-Gipfel der Welt. Man kann sich nun prima manch tobende Minister vorstellen, wie sie brüllen, Verantwortliche feuern. Ramsauer erkundigt sich sanftmütig nach etwaigen Verletzungen, tätschelt Arme und verspricht den Ankauf stabileren Geräts. Beifall – Szene und Ehre gerettet.

Auch das ist Ramsauer. Man vermutet dieses Talent gar nicht hinter dem CSU-Mann, Spitzname „Ramses“. Was daran liegen dürfte, dass es einen Ramsauer gar nicht gibt. Es sind mindestens drei. Da wäre 01, der Verkehrsminister, der seine neuesten Vorschläge am liebsten via „Bild“ in die Welt trompetet. Er bekämpft Anglizismen im Ministerium, verlangt die Wiederaufnahme der Verkehrssendung „Siebter Sinn“. Sein siebter Sinn ist alles, was dicke Schlagzeilen macht. Jüngster Vorstoß: Lokale Nummernschilder für jedes Kuhdorf. „Klamaukpolitik“, ätzt die Polizeigewerkschaft. Wobei man fairerweise sagen muss: Es war nicht seine Idee.

Ramsauer 02 ist viel verschwiegener, eine Art Nichtverkehrsminister. Er sagt nahezu nix zu Großprojekten wie Stuttgart 21, Berliner Chaos-Flughafen oder Münchner S-Bahn-Tunnel.

Ramsauer 03 hingegen ist Bauminister. Das gehört zu seinem Ressort, deshalb die Dienstreise zur Biennale. Und, ganz ohne Spott, hier bekommt er ein gutes Zeugnis. Venedig erlebt einen gebildeten, lebhaften Herrn, der – Anglizismen? – perfekt auf Englisch durch Konferenzen führt. Anders als öffentlich wahrgenommen, kann der Müllermeister aus Oberbayern durchaus ein Feingeist sein. Konzertpianist wollte er in jungen Jahren mal werden. Er hätte das Zeug dazu gehabt.

Grundkenntnisse der Architektur holte er sich als Stadtrat in Traunreut, einem aus dem Nichts gestampften Ort, eine Lehre „im kommunalen Mikrokosmos“. Viel las er sich an. Jetzt streitet er für ein liberaleres Baurecht, hat den Entwurf gerade durchs Kabinett gebracht. Mehr Flexibilität im Außenbereich soll es zum Beispiel geben. Ramsauer bastelte die Städtebauförderung um, wiederbelebte den Architekturpreis. Und legt sich im Streit um Energie-Sanierungen nötigenfalls an mit den „lebensfremden Fundis im Unweltministerium“.

In der nicht gerade einfach zufriedenzustellenden Branche ist der 58-Jährige damit zumindest respektiert. „Pragmatisch, bodenverhaftet“, lobt Sigurd Trommer, Präsident der Bundesarchitektenkammer. Da sei ein Diskurs möglich. Funktionäre berichten, er interessiere sich ehrlich und heuchle nicht, sei ansprechbar und verschwiegen. Der radikale Wechsel an vielen Führungsposten im Ministerium (die Opposition rügt das als Parteiklüngelei) habe sich ausgezahlt. In Venedig fremdelt Ramsauer nicht mal, wenn ihm Architekten Bandwurmsätze rund um Materialität und Düsternis des Exponates im Großen und Ganzen ans Ohr binden.

„Es sind nach wie vor zwei Welten, zwei Philosophien“, sagt er über die Doppelfunktion Verkehr/Bau. Ein bisserl mehr Ramsauer 03, das würden auch manche in der Koalition gern sehen. „Er ist gefühlt zu 90 Prozent Verkehrsminister“, klagt der FDP-Baupolitiker Sebastian Körber, kein sehr enger Freund. Wichtige Themen wie der Neubaubedarf von bezahlbarem Wohnraum in Ballungsräumen vernachlässige er. „10 Prozent reichen für einen Bauminister nicht aus.“

Ramsauer glaubt nicht an die 10. Er sieht 50/50, aber bei verzerrter Wahrnehmung: Ihn nervt, dass er oft auf den einen Teil reduziert wird. „Du kannst als Bauminister machen, was Du willst“, stöhnt er in Venedig, „genannt wird immer der Verkehrsminister."

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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