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Aufmüpfige wie nie zuvor

Generation "Rebellen-Rentner"

Friedrichshafen - Der Protest trägt zunehmend graue Haare: In Deutschland entwickelt sich nach Ansicht von Experten eine neue Generation von „Rebellen-Rentnern“, die sich aktiv wie keine zuvor einmischt.

„In diesen Jahren geht eine Generation in Rente, die sich nicht in Schrebergärten und Seniorenheime zurückzieht oder für die Enkel da ist“, sagte Rainer Böhme von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, Dozent und Co-Autor des Buchs „Die Altersrevolution“ der Nachrichtenagentur dpa. „Die Zeiten sind vorbei.“

Für die jetzigen Rentner spielten andere Werte eine Rolle: „Sie wollen selbstbestimmt leben, sind ausgesprochen selbstbewusst und lassen sich von staatlicher Autorität nicht beeindrucken.“ Zudem seien sie es gewohnt, ihre Rechte und Interessen einzufordern - und gingen dafür auch auf die Straße. „Wenn das, was ihnen an Werten wichtig ist, vermeintlich oder tatsächlich eingeschränkt wird, ihre Autonomie oder Lebensqualität beeinträchtigt werden, dann nehmen sie das nicht mehr hin“, sagte Böhme. „Je näher diese Beeinträchtigung an sie heranrückt, desto vehementer und vitaler wird ihr Protest.“

Dass ausgerechnet ein Rentner - den der Strahl eines Wasserwerfers am Auge verletzte - zur Symbolfigur des Bürgerprotestes gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 wurde, sei kein Zufall. „Das ist nicht die Ausnahme, das ist ein Archetyp der neuen Alten“, sagte Böhme, der unter anderem Journalistik an der Zeppelin-Uni lehrt.

Der Protest sei nicht mehr allein ein Privileg der Jugend: Längst sehe man in den Reihen der Demonstranten zahlreiche Rentner, so Böhme. „Kaum eine Bürger-Initiative - sei es gegen Fluglärm, gegen neue Starkstromtrassen, gegen Windkraftanlagen oder Mobilfunkmasten - kommt ohne sie aus oder wird gar von ihrem Engagement getragen.“

Auch der öffentliche Diskurs in Deutschland werde von Älteren getragen: Worte von Helmut Schmidt, Hans Magnus Enzensberger, Günther Grass oder Papst Benedikt XVI hätten nach wie vor Gewicht und seien gerade in Zeiten von Krisen, Unsicherheit und politischem Vertrauensverlust gefragt, erklärte der Fachmann. Auch auf politischer Ebene spielten viele Senioren eine bedeutende Rolle: „Joachim Gauck war bei Dienstantritt mit 72 Jahren der älteste Bundespräsident, Wolfgang Schäuble ist gerade 70 geworden und denkt nach eigenen Aussagen noch lange nicht ans Aufhören.“

Neben dem Willen, sich aktiv politisch, sozial oder auch kulturell einzubringen, hätten diese „neuen Alten“ auch die notwendige Zeit und vor allem die Mittel dazu. „Das Erbschaftspotenzial, das auf diese Generation übergegangen ist oder noch übergehen wird, beziffern Experten des Statistischen Bundesamtes auf rund eine Billion Euro“, sagte Böhme. „Das entspricht dem Dreifachen des Bruttosozialproduktes der Schweiz oder dem jährlichen Bruttosozialprodukt von Dubai.“

dpa

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