Katastrophen-Schutz

Regierung will größere Sicherheitszonen um AKW

Berlin - Die Bundesregierung will die Sicherheitszonen im Umfeld deutscher Atomkraftwerke ausweiten. Umweltministerin Hendricks will dafür sogar einheitliche Regel auf EU-Ebene.

Drei Jahre nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima befürwortet die Bundesregierung eine deutliche Ausweitung der Sicherheitszonen im Umfeld deutscher Atomkraftwerke. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) erklärte am Montag in Berlin, sie unterstütze die entsprechenden Empfehlungen der Strahlenschutzkommission und werde diese an die Innenministerkonferenz weiterleiten. Ihr Ziel sei zudem eine Harmonisierung der Katastrophenschutz-Regeln auf EU-Ebene.

Den Kommissionsempfehlungen von Mitte Februar zufolge, die das Ministerium am Montag veröffentlichte, sollen im Fall eines schweren Atomunfalls alle Anwohner im Umkreis von fünf Kilometern um ein Akw schnellstmöglich, spätestens aber innerhalb von sechs Stunden in Sicherheit gebracht werden. Bislang umfasste diese sogenannte Zentralzone nur zwei Kilometer. Die daran anschließende Mittelzone soll demnach von zehn auf 20 Kilometer Entfernung vom Akw erweitert werden.

"Die Evakuierung ist so zu planen, dass sie in der Mittelzone 24 Stunden nach der Alarmierung der zuständigen Behörden abgeschlossen werden kann", heißt es in den Empfehlungen der Kommission. Die sogenannte Außenzone, in der im Notfall die Bevölkerung zum Schutz vor Radioaktivität mit Jodtabletten versorgt werden soll, würde demnach von 50 auf 100 Kilometer erweitert.

Einbezogen wären damit auch die Millionenstädte Hamburg und München. Jodtabletten sollen in den betroffenen Gebieten an alle Menschen bis zum Alter von 45 Jahren ausgegeben werden. Für Jugendliche sowie für Schwangere ist laut Umweltministerium im Katastrophenfall sogar eine Ausgabe im Umkreis von 200 Kilometern um ein Akw vorgesehen. Die Einnahme von unbelastetem Jod verhindert die Aufnahme von radioaktivem Jod durch die Schilddrüse.

"Die aktuellen Empfehlungen der Strahlenschutzkommission sind ein geeigneter Ansatz für Notfallplanungen bei Unfällen in Kernkraftwerken", erklärte Hendricks. Eine Lehre aus Fukushima sei, "dass Katastrophenschutzplanungen unabhängig von kerntechnischen Eintrittswahrscheinlichkeiten stattfinden müssen".

Die Ministerin wies darauf hin, dass die neuen Empfehlungen auch "äußerst unwahrscheinliche schwere Unfälle" in Atomkraftwerken berücksichtigten. Dazu zähle auch ein Versagen der sogenannten Containment-Systeme, die auch bei einer Kernschmelze das Austreten von Radioaktivität verhindern oder zumindest stark verzögern sollen. Ihre Forderung nach europaweit abgestimmten Regeln begründete Hendricks mit Gefahren durch grenznahe Atomkraftwerke in Nachbarländern, wie zum Beispiel in Frankreich.

Die Zuständigkeit für den Katastrophenschutz liegt in Deutschland nicht beim Bund, sondern bei den Ländern. Deren Zustimmung zu den Empfehlungen gilt jedoch als wahrscheinlich. Kürzlich hatte auch die Katastrophenschutz-Kommission des Bundesinnenministeriums eine bessere Vorsorge gegen Atomunfälle gefordert. Das Bundesumweltministerium will den Ländern nach eigenen Angaben die Umsetzung der Koalitionsempfehlungen nahelegen.

Atomkraftgegner und Umweltverbände haben mit Blick auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima erneut auf eine Beschleunigung des in Deutschland bis 2022 geplanten Atomausstiegs gedrängt. An zahlreichen Orten fanden am Montag Mahnwachen statt.

In Fukushima war am 11. März 2011 durch ein Erdbeben und einen Tsunami das Atomkraftwerk so schwer beschädigt worden, dass die Kühlanlagen ausfielen. In mehreren Reaktoren kam es zur Kernschmelze. Große Mengen Radioaktivität traten aus; zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

AFP

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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