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Kriseneinsatz am Hauptbahnhof: Christoph Hillenbrand im Gespräch mit Journalisten.

Der Beamte und sein Orkan

Regierungspräsident Hillenbrand: Sein Posten in der Flüchtlingskrise

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München - Bezirksregierungen galten mal als Mittelebene des Mittelmaßes, geführt von Präsidenten als Frühstücksdirektoren. Jetzt ist aber ausgerechnet ein Regierungspräsident der wichtigste Asyl-Krisenmanager. Er polarisiert.

Die italienischen Kameraleute ziehen wieder vom Hauptbahnhof ab, ihr Dolmetscher wird auf dem Band Worte finden, die ihn an den Rand seiner Kenntnis führen. Von „Unzuträglichkeit“ und „Quartierbeschaffungen“ hat Christoph Hillenbrand gesprochen, von „Helferschaften“ und „Besucherströmen“. Die Italiener dachten wohl, von den Herren in Bayern kämen richtig krachende Sätze. Hillenbrand hat jede Frage geduldig beantwortet, höflich, aber in mausgrauem Beamtendeutsch.

Die Wortungetüme sind eine Art unsichtbare Barriere um ihn herum. Kein Politiker würde so reden. Hillenbrand macht damit klar: Ich bin auch keiner. Präsident der Regierung von Oberbayern, das klingt zwar politisch, aber er ist Leiter einer dienenden Behörde. Er erhält dafür Besoldungsstufe B8. Und einen Platz im Mittelpunkt eines Orkans: Hillenbrands Regierung ist dafür verantwortlich, dass Oberbayern mit dem Zustrom irgendwie fertig wird, dass jeder Flüchtling versorgt wird und einen Schlafplatz hat.

Derzeit ist das der schwierigste Job, den ein bayerischer Beamter haben kann. Risiko: Zermahlen zu werden zwischen den Politikern „oben“ und den Bürgermeistern, zwischen den Emotionen der Bevölkerung und den Dramen der Flüchtlinge. Rücktritt: ausgeschlossen. Sich wie der Chef des Migrations-Bundesamts vom Acker machen, „persönliche Gründe“ murmeln, Pension einstreichen – das geht rechtlich nicht bei bayerischen Beamten.

Eine Krisenaufgabe, Ärger garantiert. Unlängst wurde Hillenbrand attackiert, weil in Dornach in einer Riesen-Unterkunft einiges aus dem Ruder lief. Seine Beamten reagierten offenkundig nicht auf Hilferufe. Erst nach einem halbseitigen Zeitungsartikel kam das Amt in Bewegung und der Präsident nach Dornach. Abgeordnete tobten. Noch heute sagt Ernst Weidenbusch (CSU), über Hillenbrands Arbeit finde er „leider keine Worte, die mit meiner Erziehung vereinbar wären“.

Besser als in Dornach läuft es, wenn Hillenbrand früher da ist. Am Münchner Hauptbahnhof oder in der Bayernkaserne sieht man den 58- Jährigen fast täglich. Helfer loben ihn begeistert, er sei immer ansprechbar. „Da kommt kein Blabla“, sagt einer aus den internen Krisenrunden. Hillenbrand moderiert, vermittelt, fuhr einmal sogar einen syrischen Flüchtling persönlich ins Krankenhaus. „Man muss sich kratzen, bevor’s juckt“, sagt er. „Klingt komisch für so eine Lage. Das ist aber die gemeinsame Überzeugung aller hier.“ Heißt: Vor Ort sein, am besten schon, bevor es Probleme gibt.

Konsens ist, dass Hillenbrand extrem viel arbeitet. Intern kommuniziert er klar. Nach außen ist es oft heikler. In der Staatsregierung wird geklagt, er habe zu früh über ein zweites Drehkreuz zu Münchens Entlastung geredet und die Pläne verzögert. Andere sähen ihn überhaupt gern seltener im TV.

Für Hillenbrand ist das in der Tat schwierig. Er soll der Öffentlichkeit Fragen beantworten, ohne sich in den Mittelpunkt zu drängen. Er darf als Beamter auch nicht die Politik kritisieren oder die Personalausstattung seiner Behörde. Sein Rezept: Politischen Fragen weitgehend ausweichen und den privaten immer. Es gehe nicht um ihn, sagt er dann, Hände in den Taschen des nicht gerade maßgeschneiderten Anzugs, und lenkt wieder mit Wortgebilden über die „Helferschaften“ ab. Er beherrscht diese Ungetüme übrigens auch fließend auf Englisch und Französisch.

Hillenbrand hilft, dass er die Mechanismen von Politik und Medien genau kennt. 15 Jahre, eine Ewigkeit für Beamte, war er Pressesprecher des Innenministeriums. Das ist kein Aktendeckelstaub-Posten, sondern dicht dran an der Tagespolitik. Er war damit auch engster Ratgeber des Ministers Günther Beckstein, CSU. Übrigens ohne je Parteimitglied gewesen zu sein. „Er hat einem nicht nach dem Mund geredet“, sagt Beckstein heute noch euphorisch. „Ein glänzender Jurist und glänzender Organisator“. Im Umgang „korrekt, keine Kameraderie“. Und: Hillenbrand sei „durchaus uneitel“.

Zu nah hat der Präsident ja auch seit Amtsantritt 2005 mitgekriegt, dass es schlecht laufen kann. Die Bezirksregierungen galten als verzichtbar, eine sich selbst verwaltende Bürokraten-Mittelebene. Ein hoher CSU-Politiker tobte, als erstes müsse man all diese Regierungsvizepräsidenten feuern. Auch Hillenbrand selbst geriet in die Kritik: Unter seiner Führung rutschte der Tourismusverband Oberbayern in die Pleite, ein Desaster unter bundesweitem Hohngelächter. Mitarbeiter hatten Fördergelder falsch verwendet. Er wirkte angeschlagen in dieser Zeit.

Die Wahrnehmung hat sich gebessert. Man könnte zugespitzt sagen: Die Parias von gestern dürfen heute als Retter herhalten. Hillenbrand hat das sehr genau registriert – aber dazu schweigt er. Er weiß ja, wie schnell sich der Wind wieder drehen kann.

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