Für Kinder setzte sich Renate Schmidt schon als Bundesfamilienministerin ein. Unser Bild zeigt einen Besuch im Jahr 2005 in einer Kindertagesstätte in München.

Ex-Familienministerin im Interview

Schmidt: „Ich will, dass Kinder wählen dürfen“

München - Renate Schmidt (SPD) will es noch einmal wissen: In einem neuen Buch „Lasst unsere Kinder wählen“ fordert die ehemalige Familienministerin ein Wahlrecht für Kinder. Warum, erklärt sie im Interview:

„Jede einzelne Seite habe ich mit der Hand geschrieben, weil ich noch der vorsintflutlichen Methode anhänge“, sagt die 69-Jährige. „Mit einem Füller oder einem Stift, der flüssig geht, weil bei mir geht die Denke so richtig in die Hand.“ Was sie sich gedacht hat, verrät Renate Schmidt im Interview.

Frau Schmidt, glauben Sie, dass Kinder und Jugendliche sich ärgern, weil sie nicht wählen dürfen?

Als ich jung war, war das Wahlalter ja noch bei 21 Jahren. Ich habe sehr jung geheiratet, mit 18 Jahren. Mein Mann musste mit 20 für volljährig erklärt werden, sonst hätten wir gar nicht heiraten dürfen. Er durfte wählen und ich stand mit meinen 18 Jahren quasi unter seiner Vormundschaft und durfte nicht wählen. Das hat mich damals schon fürchterlich geärgert.

In Ihrem Buch forden Sie nun ein Wahlrecht von Geburt an. Warum das?

In einer Gesellschaft, in der die Älteren, also meine Generation, zunehmend die Mehrheit der Wahlbevölkerung stellt, müssen wir dafür sorgen, dass die Interessen der Kinder zum Tragen kommen. In einer Demokratie funktioniert das über die Stimme.

Sind die Alten egoistisch und denken nicht an die Jungen?

Ich unterstelle niemandem meiner Generation, dass er generell nicht an die Zukunft denkt. Aber es ist so, dass einem die eigenen Interessen näher sind. Ich würde den Satz „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“ sofort unterschreiben. Trotzdem bin ich höchstpersönlich ziemlich genervt, wenn ich diesem Kinderlärm dann direkt ausgesetzt bin (lacht). Ich unterdrücke das natürlich, weil ich mir meiner Verantwortung als Großmutter von vier Enkel- und zwei Stiefenkelkindern und ehemalige Familienministerin bewusst bin.

Wie soll das Kinderwahlrecht funktionieren?

Kleinstkinder werden es natürlich nicht selber ausüben können. Irgendwann, vielleicht mit 12 oder 14, kann der Jugendliche sich ins Wählerverzeichnis eintragen lassen. Bis es so weit ist, wählen die Eltern stellvertretend. Eltern vertreten ihre Kinder in nahezu sämtlichen Rechtsgeschäften, bevor sie volljährig sind, zum Beispiel bei Vermögensfragen. Warum sollten sie es beim Wahlrecht nicht tun?

Also fordern Sie faktisch ein Doppelwahlrecht für Eltern?

Nein. Ich will, dass Kinder wählen dürfen. Ich würde das so machen: Ich würde Briefwahl beantragen und dann mit den Kindern diskutieren. Und wenn das Kind sagt, dass ihm die Umwelt wichtiger ist als Steuersenkungen, dann machen die Eltern das Kreuz eben nicht bei der FDP, sondern bei den Grünen.

Und wenn die Eltern nicht auf die Kinder hören?

Eltern setzen sich auch heute schon manchmal über die Wünsche ihrer Kinder hinweg, zum Beispiel was die Schule betrifft, in die sie gehen sollen. Manchmal ist es so, dass nicht die Kinder das Sagen haben, sondern die Eltern.

Wahlen sollen allgemein sein, aber auch geheim. Den letzten Punkt erfüllt ihr Vorschlag nicht.

Niemand nimmt Anstoß daran, dass es schon heute Wähler gibt, die das politische Geschehen nicht mehr durchblicken. Die leben zum Beispiel in einem Altenheim und werden dort gepflegt – und ihre Kinder, oder diejenigen, die sie pflegen, wählen dann auch für sie. Wie durch ein Wunder gibt es also in Heimen, die die Arbeiterwohlfahrt trägt, eine ziemlich erdrückende SPD-Mehrheit und in einem Caritas-Heim gibt es eine ziemlich erdrückende CSU-Mehrheit. Da spricht kein Mensch von der Frage der freien und allgemeinen und gleichen Wahl.

Hätten Sie gewollt, dass Ihre Eltern für Sie wählen?

Ich glaube, ich hätte mich wichtig gefühlt, wenn dann so ein Bogen auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet worden wäre. Ich hätte schon ein bisschen was gewusst, meine Eltern hätten mir den Rest erklärt. Ich hätte das gut gefunden.

Ihr Vater hat nach dem Krieg CSU gewählt, ist nach der Wiederbewaffnung nie mehr zur Wahl gegangen. Ihre Mutter hat SPD gewählt. Was ist, wenn Eltern sich nicht einigen können?

Ich will, dass jedes Elternteil eine halbe Stimme bekommt. Dann gibt es auch bei Geschiedenen kein Problem.

Sind Kinder überhaupt reif für die Wahl?

Natürlich werden nicht alle durchblicken und es werden nicht alle wählen gehen. Das ist bei den Erwachsenen doch auch so. Aber fragen Sie doch mal andersrum: Ob ich alle Erwachsenen für reif halte.

Tun Sie nicht?

Wenn Sie heute eine Umfrage über Wahlprogramme machen, oder darüber, wer wofür steht, dann können Sie bei manchen Antworten nur den Kopf schütteln. Ich habe das bei der letzten Bundestagswahl mal im Fernsehen gesehen. Da war dann Westerwelle plötzlich in der SPD.

Würde die Wahlbeteiligung mit dem Kinderwahlrecht steigen?

Ich glaube, dass Politiker ihre Politik besser erklären müssten und sich vielleicht weniger hinter Floskeln verschanzen würden. Jede Berufsgruppe hat ihre Fachsprache, aber diese Sprache dient nicht dazu, dass es der Durchschnittsmensch versteht. Ich glaube, dass durch ein Wahlrecht von Geburt an Politik verständlicher würde, und damit würden sie auch Erwachsene besser verstehen, die heute nicht mehr durchblicken. Dann würde auch die Wahlbeteiligung steigen.

Interview: Simon Pfanzelt

Renate Schmidts Buch

„Lasst die Kinder wählen“ erscheint am 2. September im Kösel-Verlag, 128 Seiten, 12,99 Euro.

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