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Durchschnittsrente nur 909 Euro: Ist der deutsche Rentner im Vergleich zu dem österreichischen schlechter dran?

Vergleich zu Deutschland

Renten-Paradies Österreich? Der Faktencheck

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14 Monatsrenten, höhere Auszahlungen und eine Mindestrente: Österreich gilt vielen als leuchtendes Beispiel, was die Versorgung seiner Ruheständler angeht. Taugt der kleine Nachbar zum großen Vorbild?

Berlin - Für Sahra Wagenknecht ist die Sache eindeutig. „Brauchen Rente wie in Österreich, wo Durchschnittsrentner 800 Euro mehr im Monat erhält als in Deutschland“, fordert die Linke-Fraktionschefin in feinstem Twitter-Deutsch auf ebendiesem Internet-Portal. Und Wagenknecht steht damit nicht alleine. Auch eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kam zu dem Schluss, dass Deutschland in Sachen Rentensystem durchaus vom kleinen Nachbarn lernen könne. Tu felix Austria, du glückliches Österreich – gilt das also auch am Lebensabend?

Für die derzeitigen Rentner in der Alpenrepublik auf jeden Fall. „An der Grundaussage – in Österreich werden höhere Renten gezahlt – ist was dran“, sagt Reinhold Thiede von der Deutschen Rentenversicherung, Geschäftsbereich Forschung und Entwicklung. Die Zahlen sind eindeutig: Bei 1231 Euro liegt die monatliche Durchschnittsrente in der Alpenrepublik. Rechnet man ein, dass sie zudem 14 Mal ausbezahlt wird, kommt man sogar auf 1436 Euro. Dem gegenüber stehen in Deutschland nur 909 Euro. Zudem gibt es – anders als in Deutschland – eine Mindestrente.

Ein Grund, dass die Zahlen so weit auseinanderliegen, ist allerdings die unterschiedliche Mindestwartezeit, die in die Rentenkasse einbezahlt werden muss, bevor man Leistungen beziehen kann. In Deutschland beträgt sie fünf, in Österreich 15 Jahre. Das kann nicht nur im Einzelfall sehr hart für die Betroffenen sein, die diesen Wert nicht erreichen, das hat auch Einfluss auf die Durchschnittsrente. Denn: „Ein Teil der niedrigen Renten, die in Deutschland gezahlt werden, wird in Österreich gar nicht erst fällig“, sagt Thiede. Trotzdem: Berücksichtigt man auch dieses statistische Problem, steigt die deutsche Durchschnittsrente zwar um 100 Euro, die österreichische fällt dann aber noch immer 43 Prozent höher aus.

Drei Hauptgründe macht Thiede aus, warum die Renten in Österreich höher sind.

Erstens: Die Österreicher zahlen mehr ein. Der Beitragssatz liegt mit 22,8 Prozent deutlich über dem in Deutschland (18,7). Würde man allerdings die vier Prozent dazuzählen, die beispielsweise für einen möglichen Riestervertrag anfallen, wäre die Belastung nahezu gleich. In jedem Fall aber ist sie anders verteilt: Während sich den Beitrag hierzulande Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte teilen, trägt der Arbeitgeber (12,55 Prozent) in Österreich einen höheren Anteil als der Arbeitnehmer (10,25).

Zweitens: Dadurch, dass auch die Selbstständigen Pflichtbeiträge zahlen, ist der Anteil der Beitragszahler im Erwerbsalter in Österreich (71 Prozent) höher als in Deutschland (64 Prozent).

Und drittens: „Die Österreicher haben eine deutlich bessere demografische Struktur.“ Auf einen Menschen im Rentenalter kommen im Nachbarland 3,4 Personen im Erwerbs-
alter, in Deutschland sind es 2,9. Ein Grund dafür: „Österreich hat seit langer Zeit eine höhere Zuwanderungsrate als Deutschland.“ Auch deshalb müssten laut Thiede die deutschen Beiträge noch über die österreichischen hinaus ansteigen, um hierzulande dieselben Auszahlungen finanzieren zu können.

Ein weiterer großer Unterschied: Während Beamte in Deutschland andere Bedingungen genießen als Angestellte, wurden sie in Österreich zwar nicht in die Rentenversicherung einbezogen, die Leistungsstrukturen aber schrittweise angepasst. „Es schafft Motivation und Akzeptanz, wenn die Beamten dasselbe leisten müssen“, glaubt Thiede.

Nachteile für Versicherte: Keine Pflegeversicherung

Klare Sache, könnte man also denken – die Österreicher haben die Nase vorn. Doch Thiede bremst ein. „Die Systeme sind sehr unterschiedlich, nicht nur die Leistungen.“ Das österreichische Modell hat nämlich auch klare Nachteile für die Versicherten, besonders wenn man über die Rentenversicherung hinausblickt. Es gibt keine Pflegeversicherung. „Das kann später vieles wieder relativieren, was zunächst auf dem Papier steht“, sagt Thiede. Dazu kommt: In Österreich werden die Renten voll besteuert, in Deutschland nur zu 74 Prozent. Und: Wer in Österreich vorzeitig in Rente geht, muss höhere Abschläge hinnehmen, wer länger arbeitet, erhält geringere Zuschläge als in Deutschland.

Fazit: Alles besser in Österreich?

Ist nun in Österreich alles besser oder nicht? „Die Frage kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten“ sagt Thiede. „Es ist einfach vieles anders.“ Manches könne man sich aber durchaus vom Nachbarn abschauen. „Ich glaube, dass man über die Einbeziehung der Selbstständigen wirklich nachdenken muss.“ Umstritten ist übrigens, ob das österreichische Modell überhaupt nachhaltig finanzierbar ist. Denn die zugewanderten Beitragszahler stellen schließlich eines Tages auch selbst Ansprüche.

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