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Sozialarbeiterin Kristina Hoppe spricht in Berlin in einer Flüchtlingsunterkunft mit einem jungem Mann.

Reportage über den Alltag der Integration

Die neue Arbeit mit Flüchtlingen: „Für mich ist es ein Traumjob“

Berlin - Nehmen uns die Flüchtlinge die Jobs weg? Für viele Deutsche ist durch sie auch eine neue Arbeitswelt entstanden - voller Perspektiven und kaum lösbaren Problemen. Fünf Besuche im Alltag der Integration.

Eine junge Frau mit Kopftuch in leuchtendem Türkis und ein Mann mit schulterlangen schwarzen Locken strecken ihre Arme fast bis zur Decke. Die beiden Flüchtlinge können kaum Deutsch. Doch die Frage von Anne Kleiber haben sie verstanden: „Wer will der Funkturm sein? Wer das Brandenburger Tor?“ Jetzt stellen die beiden die Berliner Sehenswürdigkeiten mit ihrem Körper dar. Sie müssen lachen. Es ist eine spezielle Form des Deutschunterrichts. So wie bei der Sprachlehrerin verändert sich für Zehntausende Deutsche der Beruf durch die Flüchtlinge im Land. Fünf Besuche in diesem neuen Arbeitsalltag zeigen eine besondere Mischung aus Hoffnung, Ideen und Ohnmacht:

Die Sprachlehrerin

Anne Kleiber

Für Anne Kleiber sind die Flüchtlinge eine Chance. Seit zwei Jahren ist die 50-Jährige arbeitslos. Als die Flüchtlingskrise noch auf ihrem Höhepunkt war, Ende 2015, ging sie zuhause in Köln kurzerhand zu einer Flüchtlingseinrichtung bei ihr um die Ecke. Ehrenamtlich wollte sie Deutschförderung machen. „Noch ohne den Gedanken, dass daraus ein Beruf werden könnte.“ Anfangs stieß sie schnell an Grenzen, wusste nicht, wie sie ihren teils erwachsenen Schüler etwas beibringen sollte. „Ich hatte auch keine Erfahrung, vor Menschen zu stehen.“

Nun ist sie nach Berlin gekommen, in einen 120 Jahre alten Ziegelbau der Malteser. Sie lässt sich nach einer neuen Methode zur Sprachtrainerin speziell für Flüchtlinge weiterbilden. Die Methode stammt aus Liechtenstein, die Botschaft des Fürstentums organisiert den Kurs. Mit Rollenspielen, Bildern und selbstgemalten Stadtplänen auf braunem Packpaper sollen die Hemmschwellen der Ausländer beim Sprung in die fremde Sprache sinken und Fixpunkte im neuen Land plastisch werden.

„Wenn sie eine Lehre machen wollen, müssen sie erstmal keine Wörter deklinieren können, sie brauchen Alltags- und Fachwörter“, sagt Kleiber. Sie selbst möchte aus dem Ehrenamt jetzt einen richtigen Job machen. „Ein fester Vertrag wäre schön.“ Etwas später, zurück in Köln, hat Kleiber zwar noch keinen entsprechenden Job. Aber im Januar hat sie doch immerhin einen Gesprächstermin mit einem Anbieter von Integrationsstunden - und hofft, mit ihrer neuen Methode regulär arbeiten zu können.

Der Security-Manager

Security-Mitarbeiter Khalil Mabrouki.

Khalil Mabrouki hatte schon Karriere als Fußballprofi und -trainer gemacht, als er in einer Erstaufnahmeeinrichtung in einem alten Bundeswehrwohnheim bei Potsdam anfing. Dort waren Afghanen, Syrer, Albaner, Tschetschenen, Serben. Es gab Spannungen, die Stimmung war nicht immer gut. Der gebürtige Marokkaner teilte Neuankömmlingen Zimmer zu, er verteilte Taschengeld, schlichtete Streit. „Ich redete mit den Leuten, statt ihnen gleich hart zu kommen“, sagt er. „Das hatten sie genug, da wo sie her sind.“ Zu Hilfe kam ihm, dass er außer Deutsch auch Arabisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht. Für den Fußball war er außer in Marokko im Oman, in der Elfenbeinküste und zehn Jahre in Italien. Die deutsche Staatsangehörigkeit hat er seit 1997, wegen Frau und Tochter wollte er nicht weiter durch die Welt ziehen. Mabrouki wechselte den Arbeitgeber, aber nicht die Branche: Heute arbeitet er in einer ehemaligen Nervenklinik in Berlin. 400 Flüchtlinge wohnen hier, davon 150 minderjährig. Gerade hat er Nachtschicht.

Im gläsernen Pförtnerhäuschen erzählt er, worauf es bei seinem Job vor allem ankommt: Alle müssen die Hausordnung beachten. Bei regelmäßigen Runden übers Gelände achtet er darauf, dass Kinder nicht aus dem Fenster herausrufen - wegen der Nachtruhe. Und niemand darf in den Gebäuden rauchen - Brandschutz. Mabrouki ist zufrieden. Seine Trainerlizenz hat der 48-Jährige aber noch in der Tasche. Und einen Agenten beim Fußballverband Fifa hat er auch. Wenn seine Tochter erwachsen ist, will er den Schritt zurück zum Fußballtrainer machen.

Die Sozialarbeiterin

Sozialarbeiterin Kristina Hoppe (30).

Die verzweigte Unterkunft, in der Mabrouki arbeitet, ist ein Mikrokosmus zwischen Ankommen und Abwarten. Sie hat neonbeleuchtete Gänge mit Linoleumböden und Gemeinschaftsküchen, in denen die Bewohner das Essen ihrer Heimat zubereiten. Oder Hähnchenteile, wie der Mann, der die gebratenen Stücke gerade auf einem dampfenden Tablett ins Zimmer seiner Familie trägt. Bei manchen Bewohnern scheint der Lebensmut erloschen, sie haben alles verloren, sind lethargisch. Ab und zu kommt es zu nationalistischen Anfeindungen zwischen den Bewohnern. Die meisten aber wollen etwas erreichen und besuchen Integrationskurse. „„Madrasa?“ ist bei Familien die erste Frage“, sagt Kristina Hoppe, arabisch für „Schule?“.

Die 30-Jährige ist Sozialarbeiterin und kümmert sich darum, dass die Kinder Plätze in Schulen und Kitas bekommen, alle möglichen Behördenanträge richtig gestellt werden und keine Konflikte aufbrechen. Das kann schwer sein. Gerade für Migrantenkinder ist ein Kitabesuch wichtig, vor allem wegen der Sprache. Aber es gibt Wartelisten. „Das kann bis zu einem halben Jahr dauern.“ In der Zeit betreuen meist die Mütter ihre Kinder in der Unterkunft. Sie selbst können dann nicht gleichzeitig Deutschkurse besuchen. Wenn Hoppe wieder einen neuen Platz für ein Kind mitorganisiert hat, vergleichen die Eltern oft, ob sie es damit genauso gut getroffen haben wie andere Familien im Heim.

Manchmal aber bringen die Eltern die Kinder nicht zur Schule. Die Erfahrung eines regelmäßigen Schulalltags liegt oft Jahre zurück. „Es gibt Fälle, bei denen wir ratlos sind“, sagt Hoppe. „Meist wirkt es aber, wenn ich erkläre, warum Schule wichtig ist.“ Meist sind die Eltern selbst darum bemüht, dass ihre Kinder in Kita, Schule, in Deutschland ankommen.

„Für mich ist es ein Traumjob“, sagt Hoppe. Kein Tag ist so richtig planbar, oft hat sie das Gefühl, etwas bewegen zu können. Es ist ihre erste Stelle nach dem Studium, sie hat in der Unterkunft begonnen, seit diese im März 2015 eröffnet wurde. Hoppe dürfte nach Lage der Dinge weiter hier gebraucht werden. Wegen des Mangels an bezahlbaren Wohnungen bleiben Flüchtlinge oft lange in den Unterkünften. Noch immer harren rund 3000 Menschen in der Hauptstadt sogar in Turnhallen aus.

Die Erzieherin

Erzieherin Elke Schaeffer in Berlin in einer Kita.

Wenn Kinder es in eine Kita geschafft haben, kommen sie zum Beispiel zu Elke Schaeffer. Die 55-Jährige ist Erzieherin in einer Kita, die auch Flüchtlingskinder aufnimmt. Das machen nicht alle Kitas. „Ich weiß nicht, wovor sie Angst haben“, sagt Schaeffer. Doch es gibt einen Wettbewerb um gute Kita-Plätze. Vorbehalte kommen hoch. Als in der Kita ein Fall von Krätze auftrat, äußerte ein Vater den Verdacht, das komme wohl von einem Flüchtlingskind. Doch es stellte sich heraus, dass ein Praktikant die juckende Hautkrankheit hatte.

Schaeffer sitzt mit einigen Kindern auf Mini-Stühlen über einem Bilderbuch. In vielen Blautönen berichten die Bilder von einem Fischer, der von seinem Fang aus seinem Boot ins Meer gezogen wird. Schaeffer bringt damit die Kinder zum Erzählen, Deutsche und Ausländer. „Was passiert hier?“, fragt sie. „Da hat ein Krokodil...“, sagt ein Junge und stockt. „Ein Krokodil hat den Mann ins Wasser gezogen - oder ein Fisch?“, fragt Schaeffer.

„Selbst wenn die Kinder mit ihren Eltern ihre Muttersprache sprechen, lernen sie in der Kita schnell Deutsch“, berichtet Schaeffer. Wäre ein arabisch sprechender Erzieher da, würde das die Erfolge der Kleinen eher hemmen, meint sie. Gut fände sie mehr Personal, etwa damit sich ein Erzieher öfter Einzelnen zur Sprachförderung widmen könnte. Es scheint angesichts des Kira-Fachkräftemangels wie ein frommer Wunsch. Und allein in Berlin steigen die Kosten schon für Unterbringung, Versorgung und Integration der Flüchtlinge auf knapp eine Milliarde Euro in diesem Jahr. Geplant waren 600 Millionen.

Die Arbeit mit Flüchtlingskindern ist für Schaeffer nicht anders als mit deutschen. „Manchmal ist man ohnmächtig“, sagt sie aber. Sie erzählt von einem Mädchen aus Bosnien. „Ich weiß nicht, was sie erlebt hat, sie hat sehr viel geweint.“ Wochenlang. Die Eltern redeten nicht über die Erlebnisse. „Es war ganz schlimm auszuhalten, dass man ihr nicht helfen kann.“ Doch nach einem Vierteljahr fing sich das Mädchen. Es begann an Fasching, besser zu werden. Die Kleine lachte mit anderen, die Tränen verebbten.

Der Hauptkommissar

Hauptkommissar Detlef Wagner

Detlef Wagner ist so etwas wie der Captain Kirk eines mitten im Berliner Westen gelandeten Raumschiff Enterprise. An heiklen Missionen mangelt es dem Polizisten ebensowenig wie dem Kommandanten der Fernsehserie. Doch sein Raumschiff sitzt fest, es ist das gigantische Kongressgebäude ICC mit seiner silbergrauen Alu-Fassade. Nach dem wochenlangen Chaos an der Berliner Flüchtlings-Anlaufstelle Lageso, das zum Synonym von Behördenversagen wurde, reaktivierten die Behörden das alte ICC im Mai und machten es unter Wagner zur Zentralstelle.

Mit seiner Frau hatte der 48-jährige Hauptkommissar überlegt, für eine Zeit in ein Krisengebiet zu gehen. Er unterrichtete an der Landespolizeischule, es ging um Rassismus, auch mit Flüchtlingen hatte er zu tun. „Plötzlich war das Krisengebiet vor der Tür.“ Als die Zustände am Lageso 2015 immer schlimmer wurden und sich dort Tausende Flüchtlinge drängelten, ging Wagner hin und half, die Not zu lindern. Dann wandelte er das ICC mit zur Flüchtlingsstation um. Wagner gehört zur mittleren Führungsebene, so ein Riesenhaus zu leiten, erfordert bei der Polizei eigentlich die höhere Ebene. Doch die Zeiten sind nicht normal.

Plötzlich gibt es ein Gerangel an den Eingangstüren. Einige Flüchtlinge aus einer gerade zum Gebäude kommenden Gruppe haben keine Geduld. Sie wirken aggressiv. Wagner dreht sich nur kurz um. Routine. Sicherheitsleute kommen zusammen und weisen die Männer zurecht. Binnen Minuten ist der Tumult vorbei.

Für rund 44.000 Asylbewerber ist das ICC noch zuständig, alle möglichen Anträge werden koordiniert, Leistungen geprüft. Wagner ist stolz: Es funktioniere gut. Er zeigt die robusten Metallschleusen im Foyer, rund ein Meter hohe Gänge mit als Wellenbrecher dienenden Barrieren dazwischen. Mit Technikern zusammen baute Wagner die Gitter auf. Der tägliche Ansturm von Flüchtlingen wird so geordnet. Mit dem Chaos ist es vorbei.

dpa/Basil Wegener (Text), Britta Pedersen (Fotos)

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