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Im März verglich sich Schulz intern noch mit Willy Brandt, es kam dann anders.

Reporter hat SPD-Kanzlerkandidat begleitet

„Die Leute lachen über mich“ - so litt Schulz im Wahlkampf

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Martin Schulz will um sein Amt kämpfen. Und um die Zukunft der SPD erst recht. Nun gibt ein Spiegel-Artikel tiefe Einblicke ins Scheitern seiner Wahlkampagne. Das kann dem Parteichef schaden - oder nützen.

München - Der Mann und das Meer ist immer ein gutes Motiv, besonders wenn der Mann in einer schweren Krise steckt. Und so trifft es sich wohl ganz gut, dass Martin Schulz den Versuch einer Wiederauferstehung am heutigen Mittwochabend in Cuxhaven beginnt. Nördlichstes Niedersachsen. Wattenmeer. SPD-Wahlkampfauftakt.

Denn während sich die Politiker in Berlin nach der Bundestagswahl in die neue Legislatur tasten, naht die letzte wichtige Abstimmung dieses Jahres. Am 15. Oktober stimmen die Menschen in Niedersachsen indirekt auch über das Schicksal von Schulz ab. Verliert SPD-Ministerpräsident Stephan Weil die Wahl, wird es auch für den Parteichef eng. In vier Wochen sei Schulz seinen Posten los, orakelt FDP-Chef Christian Lindner schon gar nicht nett.

Bayerns SPD: Kategorisches Nein zur Großen Koalition

Reporter hat Schulz ein halbes Jahr lang begleitet

Aber Schulz will kämpfen und weitermachen. Seine Partei erneuern. Die 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl zum Wendepunkt machen. Mitten in diesen ambitionierten Versuch platzt nun eine Reportage im Spiegel, die tiefe Einblicke in das politische Leben des SPD-Chefs gibt. Ein halbes Jahr lang, den gesamten Bundestagswahlkampf über, hat ein Reporter Schulz begleitet. Bei Besprechungen, gelungenen Reden, schweren Krisen. Entstanden ist das ungewöhnlich nahe Porträt eines Politikers, der zwischen Aufbruchsstimmung und Depression schwankt.

Der Beginn im März ist vielversprechend. Die Nominierung von Schulz beschert der Partei neue Mitglieder, in den Umfragen geht es aufwärts. Alles erinnere ihn an 1972, an Willy Brandts emotionalen Wahlkampf, sagt Schulz damals dem Artikel zufolge. Deshalb wolle er auch vorerst keine ausgearbeiteten Programme vorlegen. „Da werden die Schwarzen wahnsinnig drüber, dass ich nicht konkret werde“, frohlockt Schulz.

Die Krise als letzte Chance? Die Bayern-SPD sucht eine neue Identität

Drei Niederlagen bei Landtagswahlen

Es kommt dann anders. Die Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und schließlich in Nordrhein-Westfalen enden für die SPD mit teils krachenden Niederlagen. Am Abend der NRW-Wahl sitzt Schulz in seinem Büro und sagt: „Das Leben ist wie eine Hühnerleiter. Beschissen.“ Er hadert mit Beratern und Umfragen, mit Hannelore Kraft und Thorsten Albig, den abgewählten Ministerpräsidenten.

Es sind nicht die einzigen emotionalen Tiefpunkte in Schulz’ Wahlkampf. An vielen Stellen wird deutlich, wie hoch der Druck auf ihm lastet. Einmal beschimpft er beim Fernsehen im eigenen Büro einen Moderator, der über den „völlig verpufften Schulz-Effekt“ spricht („Dieser Drecksack!“). Bei der Probe fürs TV-Duell verliert Schulz die Fassung, als ihm die gut vorbereitete Merkel-Darstellerin gut vorbereitete Merkel-Statements vorhält. Und als die Umfragen konstant unter 25 Prozent verharren, sagt Schulz: „Vielleicht bin ich auch der falsche Kandidat.“ Und ergänzt: „Die Leute sind nett zu mir, aber sie sind es aus Mitleid.“

Tausende neue Mitglieder: Parteien haben wieder mehr Zulauf

„Die Leute finden mich peinlich“

Später folgt eine aufrichtige wie entlarvende Passage. „Ich kann mich auch nicht lächerlich machen“, sagt Schulz Anfang September. „Ich muss da jeden Tag erklären, dass ich Kanzler werden will, und jeder weiß: Der wird niemals Kanzler. Die Leute finden mich peinlich, die lachen doch über mich.“

Die Reaktionen auf den Artikel sind höchst unterschiedlich. Die einen sagen: Der Text demaskiert einen überforderten Kandidaten, der seine Emotionen nicht im Griff hat. Der von zig Seiten beeinflusst wird und sich dabei selbst verliert. Die anderen sagen: Endlich gibt es einen realistischen Einblick in die sonst abgeschlossene Welt der Spitzenpolitiker. Den Beweis, dass man es jenseits von Floskeln und falschem Lächeln mit Menschen zu tun hat.

Schwesig stellt sich nach Wahlniederlage hinter Schulz

Keine Schulz-Putschisten in Sicht

Tatsächlich sieht es derzeit so aus, als könne Schulz Parteichef bleiben. Trotz seiner konfliktreichen und beschädigten Freundschaft mit Vorgänger und Noch-Außenminister Sigmar Gabriel. Trotz murrenden Altvorderen wie Franz Müntefering und Klaus von Dohnanyi. Denn Putschisten sind bisher nicht in Sicht. Manuela Schwesig, Ex-Bundesministerin und derzeit Regierungschefin in Mecklenburg-Vorpommern, will nicht. Andrea Nahles, die andere weibliche Hoffnung, wirkt mit dem Fraktionsvorsitz im Bundestag zufrieden.

Ob das alles noch gilt, wenn die Niedersachsen-Wahl die nächste Pleite bringt? Wenn die Jamaika-Verhandlungen im Bund scheitern und die Option Große Koalition erneut aufpoppt? Martin Schulz meint es jedenfalls ernst mit seinem Versuch. Auf also nach Cuxhaven. Erwartet werden 14 Grad und Dauerregen.

Erste Misstöne beim Neuanfang der SPD

Maximilian Heim

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