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Markus Lanz hatte am Dienstagabend unter anderem den Philosophen Richard David Precht zu Gast. 

Zukunfts-Talk im ZDF 

Bei Lanz: Philosoph Precht poltert über SPD - und erhält dann unerwartetes Angebot

Deutschlands medienwirksamster Philosoph Richard David Precht zeichnete bei Lanz ein düsteres Bild der Welt. Eine Mitschuld gab insbesondere der SPD. Dann erhielt er ein unerwartetes Angebot. 

Berlin - Eigentlich saß Richard David Precht am Dienstagabend bei Markus Lanz im Studio, um sein neues Buch mit dem Titel „Hirten, Jäger, Kritiker“ vorzustellen. Doch das Gespräch kreiste alsbald um die großen Fragen der Zukunft, die nach Prechts Einschätzung Anlass zu Hoffnung und Sorge geben. Eine Grundsatzdiskussion entwickelte sich, die in dieser tiefschürfenden Form so gut wie nie in politischen Debatten vorkommt. Das kreidete Richard David Precht auch der SPD an, von der die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann ebenfalls im Studio war. 

Die SPD mache seit 20 Jahren Wahlkampf mit der „alleinerziehenden Krankenschwester, die sich die Miete nicht leisten kann“, spottete Precht. Nur habe die Partei in diesen 20 Jahren nichts für diese Krankenschwester getan. Prechts Vorschlag: Ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1500,- Euro. Von diesem Geld und ihrem Gehalt könne die Krankenschwester dann sehr wohl ihre Miete bezahlen. 

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Christine Bergmann widersprach nicht. Im Gegenteil: Man müsse Digitalisierung als mehr begreifen als Breitband-Ausbau, pflichtete sie bei. „Ich bin Ihnen dankbar, dass sie das mit Ihrem Buch auch deutlich machen“, versicherte sie Precht. „Wir haben ja noch nicht mal ein richtiges Ministerium dafür. Der eine macht hier bisschen was, der andere macht da ein bisschen was und dann gibt es noch eine Staatsministerin“, klagte Bergmann und spielte damit auf Dorothee Bär (CSU) und die unklar verteilten Digital-Kompetenzen in der Bundesregierung an. Die SPD-Politikerin freute sich sichtlich über Prechts Eifer, sodass sie schließlich vorschlug: „Kommen Sie in die SPD!“. Sie könne ihm gerne einen Aufnahmeantrag geben. 

Stimmte oft mit Precht überein: SPD-Politikerin Christine Bergmann.

Millionen Jobs bedroht? 

Angefeuert von so viel Zustimmung (und reichlich Applaus aus dem Publikum) kam Precht im Laufe des Abends immer mehr in Fahrt. Die Algorithmisierung der Wirtschaft werde Millionen Arbeitsplätze in Deutschland vernichten, prophezeite er. Als Gastgeber Lanz einwandte, Digitalisierung schaffe auch neue Jobs, insistierte der Philosoph trotzdem: „Die Tatsache, dass bei uns Leute gesucht werden, die Tatsache, dass bei uns Jobs entstehen, verhindert überhaupt nicht, dass wir Millionen Arbeitslose haben werden.“ Heutige Busfahrer seien nicht die Big Data Analysten der Zukunft.

Als Lösung für das Problem schlug Precht nicht nur ein bedingungsloses Grundeinkommen vor, sondern auch eine Reform des Bildungswesens, sodass Kindern endlich beigebracht werde, wie man als Mensch seine Zeit sinnvoll verbringen kann, ohne sich über Erwerbsarbeit zu definieren. In Deutschland sei genau das Gegenteil der Fall. Hier spielte er auf den Inhalt seines Buches an, in dem es um die Befreiung des Menschen von „entfremdeter Arbeit“ geht.

Das sei zwar alles schön und gut, meinte Lanz und wollte den Philosophen auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Aber wie soll so ein Grundeinkommen bezahlt werden? Mit der Frage hatte Precht offensichtlich gerechnet. Eine höhere Einkommensteuer sei eine schlechte Idee, eine Maschinensteuer sei unmöglich zu berechnen. Also plädierte er für eine Finanztransaktionssteuer zur Finanzierung des Grundeinkommens. Eine Maßnahme, über die man in Deutschland schon einmal gesprochen habe, die aber - nach Prechts Meinung - aus mangelndem Mut wieder fallen gelassen worden sei.

Geizte nicht mit Hiobsbotschaften: Philosoph Richard David Precht.

Precht kritisierte mutlose Politik

Unzureichende Politik und schlafende oder feige Politiker waren ohnehin der rote Faden von Prechts Ausführungen. „Bislang höre ich von der Politik immer nur, wir sollen uns keine Sorgen machen“, beschwerte er sich. Die einzige Antwort der Politik sei, die Leute nach Silicon Valley zu schicken, um sich dort die Wirtschaft von morgen anzuschauen. Das sei nicht zielführend.

Denn mit dem Epizentrum der digitalen Technologien hat Precht ohnehin seine Probleme. Dort gehe es nämlich nicht nur um Geschäftsmodelle, sondern auch um Ideologie. Anders als in Europa herrsche dort nicht das Menschenbild der Aufklärung vor, sondern das der Kybernetik. „Das Silicon Valley sieht den Menschen als eine Art Ratte im Labor, einen Reiz-Reflex-Mechanismus“, behauptete Precht. Durch wachsende und immer bessere Datenmengen und Analysemöglichkeiten könne man den Menschen am Ende regelrecht steuern. 

Wenn also die einschlägigen Digital-Riesen wie Google und Facebook weiterhin Daten und Macht anhäufen können, so warnte der Philosoph, „dann leben wir bald nicht mehr in einer freiheitlichen Demokratie.“

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