+
Star mit schlechtem Gewissen: Robert Habeck erkennt sich auf Twitter nicht wieder.

Proteststürme nach Twitter-Video

Rückzug des Grünen-Chefs bei sozialen Medien: Habeck sagt „Macht’s gut“

  • schließen
  • Mike Schier
    Mike Schier
    schließen

Robert Habeck gehört zu den Stars der Politszene. Doch in den sozialen Netzwerken löste der Grünen-Chef Proteststürme aus. Jetzt zieht er sich von Facebook und Twitter zurück.

München – Der Montagmorgen beginnt mit einem Politikerstatement der anderen Art. „Wie dumm muss man sein, einen Fehler zweimal zu begehen?“, fragt Robert Habeck. Der Grünen-Vorsitzende spricht nicht über politische Gegner, sondern über sich selbst. Tags zuvor war auf Twitter von den Thüringer Grünen ein Video mit Habeck gepostet worden. „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land“, sagt Habeck da. Es klingt, als sei Thüringen bislang weder offen noch frei, liberal oder demokratisch.

Lesen Sie auchGrünen-Chef Habeck ist Talkshow-König

Man kann sich vorstellen, was sich Robert Habeck daraufhin alles anhören musste. Vor allem, weil er schon vor der Bayern-Wahl im Herbst mit einem ähnlichen Statement massiven Unmut provoziert hatte. „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern“, twitterte der Grünen-Chef damals über die Umfragewerte. Noch vor der Wahl folgte die kleinlaute Entschuldigung: „Das war im Wahlkampffieber einer zu viel. Sorry dafür!“

Habeck grübelte eine schlaflose Nacht lang 

Nun also der zweite Vorfall. Habeck gibt sich fassungslos. Über sich selbst. Er habe eine schlaflose Nacht lang gegrübelt, wie das passieren konnte, erklärt er am Montag in einem schriftlichen Statement. Ergebnis: Der Kurznachrichtendienst und der harte Ton dort färbe auf ihn ab. „Twitter ist wie kein anderes digitales Medium aggressiv, und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze.“ Dadurch werde auch er aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter geworden. Damit sei nun Schluss: Er werde sich von Facebook und Twitter zurückziehen. „Macht’s gut. Bye, bye“, schließt Habeck.

Bye, bye? Ist es so einfach? „Man muss die Leute da erreichen, wo sie sind“, sagt Martin Hagen, Fraktionschef der FDP im bayerischen Landtag. Hagen ist derzeit eine Art Gegenmodell zu Habeck im Netz. Sprich: sehr erfolgreich. Sein mit Augenzwinkern versehener Spott über den Langstreckenflug der Grünen-Kollegin Katharina Schulze („Ich gönne ihr den Urlaub wirklich“) erreichte binnen weniger Tage eine halbe Million Menschen. Sein Video der ernst gemeinten Auseinandersetzung mit der AfD wurde noch öfter angesehen. Viel Aufmerksamkeit für die kleinste Oppositionspartei. Aber mit unangenehmen Schattenseiten für die Konkurrenz: Katharina Schulze hat von Kalifornien aus die Kommentarfunktion unter ihren Urlaubsbildern auf Instagram deaktiviert. Zu viel Hass schlug der Flugzeug-Kritikerin entgegen.

Sicher, der Umgangston auf Twitter sei oft rau, manchmal hasserfüllt, gibt Hagen zu. Aber Politiker sollten sich nicht zurückziehen, sondern lieber mithelfen, diesen Ton zu ändern, sagt er. Hagen macht in den sozialen Netzwerken alles selbst, beraten lässt er sich nicht. Für Habecks Rückzug hat er kein Verständnis. „Für jemanden, der sich nicht unter Kontrolle hat, wird es in der Politik schwierig – auf Twitter wie im realen Leben.“

Der Umgang von Politikern mit den Netzwerken ist sehr unterschiedlich. Angela Merkel hat keine Accounts, dafür ihr Regierungssprecher. Auf der Facebookseite von Horst Seehofer postet seine Pressestelle Weihnachts- und Neujahrswünsche oder Statements zum Thema Asyl. Sein – mit vielen Schlagzeilen angekündigter – Twitteraccount kommt bislang auf einen Beitrag: Gratulation an Annegret Kramp-Karrenbauer zur Wahl. Der Innenminister selbst hat mit den Netzwerken wenig am Hut. Tweets von Journalisten schickt ihm die Pressestelle per E-Mail.

Lesen Sie auch:  Robert Habeck nach Twitter-Video entsetzt über sich selbst: „Ich beiß mir in den ...“

Andere sind selbst sehr aktiv. „Das Medium lebt davon, dass es ungefiltert und authentisch ist“, sagt Hagen. „Beiträge, die von fünf Pressesprechern oder PR-Beratern glatt geschliffen wurden, will doch keiner lesen.“ Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach schimpfte am Wochenende über Ribery. Sehr publikumswirksam.

Auch Markus Söder postet auf Twitter, Facebook und Instagram selbst, jeweils 20 000 bis 70 000 Nutzer haben ihn abonniert. Manchmal geht das schief. Wie bei seinem Papst-Besuch, als er unter seinem Bild schrieb: „Heute Besuch des heiligen Vaters im Vatikan.“ Das war grammatikalisch so zweideutig, dass sich mehr als 300 Nutzer über den Heiligen Vater Söder lustig machten. Eine Zeit lang legte der Ministerpräsident wegen des rauen Klimas sogar eine Twitterpause ein. Inzwischen ist er zurück – deutlich vorsichtiger als früher. „Ich denke lieber zweimal über einen Post nach.“

In andere Diskussionsrunden bringt er sich weiter engagiert ein, etwa bei Anne Will zum Thema Wahlen in Brandenburg und Sachsen - und er bleibt beliebtester Kanzlerkandidat. Die SPD rutscht auf eine Stufe mit der AfD. AKK wünschen sich wenige als Kanzlerin.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Skandal um Kanadas Trudeau: Geschmackloses Foto sorgt für Empörung
Skandal um den kanadischen Premierminister Justin Trudeau: Ein Foto ist aufgetaucht, das rassistische Vorwürfe nach sich zieht. Trudeau entschuldigt sich öffentlich.
Skandal um Kanadas Trudeau: Geschmackloses Foto sorgt für Empörung
Polizeigewalt in Deutschland: Deutlich mehr Fälle als vermutet - vor allem bei Demos
In Deutschland kommt es häufiger zu rechtswidriger Polizeigewalt, als angenommen wird. Mehr als die Hälfte der Fälle findet bei Demonstrationen statt.
Polizeigewalt in Deutschland: Deutlich mehr Fälle als vermutet - vor allem bei Demos
Kretschmann-Ankündigung schlägt ein: Grüner Umfragewert bricht alle Rekorde
Winfried Kretschmann von den Grünen will es nochmal wissen und kandidiert erneut als Ministerpräsident Baden-Württembergs. Das zeigt Auswirkungen.
Kretschmann-Ankündigung schlägt ein: Grüner Umfragewert bricht alle Rekorde
Klimastreik am Freitag, 20.9.2019: Vorsicht, das droht Schülern und Arbeitnehmern!
Dritter globaler Klimastreik von „Fridays for Future“ am Freitag, 20.9.2019: Das droht Schülern und Arbeitnehmern bei einer Teilnahme an den Demos!
Klimastreik am Freitag, 20.9.2019: Vorsicht, das droht Schülern und Arbeitnehmern!

Kommentare