Mord an Detlev Carsten Rohwedder
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Detlev Karsten Rohwedder, aufgenommen im Juni 1990.

Letztes RAF-Attentat

Rohwedder-Mord seit 30 Jahren ungeklärt

30 Jahre nach dem Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder ist das letzte RAF-Attentat weiter ungeklärt. Ein Haar deutet auf den RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Doch wer war noch am Tatort?

Düsseldorf (dpa) - Detlev Karsten Rohwedder sitzt am 1. April 1991 nachts im Pyjama am Schreibtisch seiner Villa am Rhein in Düsseldorf und arbeitet.

Als Treuhandchef ist der einst als Jobretter gefeierte Topmanager zum «Buhmann der Nation» geworden. Er muss die marode DDR-Wirtschaft privatisieren, oder, wo das nicht geht, abwickeln. Das bringt ihn ins «Fadenkreuz der Frustrierten», wie er selbst sagt.

Als er aufsteht, fällt ein Schuss. Rohwedder wird am Ostermontag 1991 in den Rücken getroffen - er stirbt eine halbe Stunde vor Mitternacht. Eine zweite Kugel verletzt seine Frau am Arm. Eine Dritte bleibt im Bücherregal stecken.

Terroristen haben den 58-jährigen Rohwedder aus einem Schrebergarten ins Visier genommen. Der Mörder, das ergibt später eine Laser-Rekonstruktion, lauerte 63 Meter entfernt. Dort findet sich ein Bekennerschreiben der RAF (Rote Armee Fraktion), das die Ermittler schnell als authentisch einstufen. Das Gewehr, aus dem die Kugeln abgefeuert wurden, war kurz zuvor schon beim RAF-Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn benutzt worden.

Dennoch macht die Theorie von einem Scharfschützen der Stasi rasch die Runde. Andere wittern einen Komplott der westdeutschen Wirtschaft gegen die neue Konkurrenz im Osten.

Am Ostermontag 1991, eine halbe Stunde vor Mitternacht, stirbt Rohwedder - einst Manager des Jahres, Sanierer, Staatssekretär, SPD-Mitglied. 30 Jahre später wird das Ermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltschaft unter dem Aktenzeichen 2 BJs 62/91-2 noch immer «gegen Unbekannt» geführt. Der Fall ist seit Jahren ein «Cold Case».

Dass es gefährdet war, war dem Ehepaar bewusst. Wenige Tage vor dem Anschlag bat Rohwedders Frau Hergard die Polizei um mehr Schutz - vergeblich. Nachts hatte das Telefon geklingelt, ohne dass sich der Anrufer meldete. Unbekannte klingelten an der Haustür und ließen sich nicht blicken.

Hergard Rohwedder, die bei dem Anschlag beinahe ihren Arm verlor, starb vor knapp zwei Jahren. In einem Interview ein Jahr vor ihrem Tod machte die Richterin sich Vorwürfe, die Vorhänge im Arbeitszimmer nicht zugezogen zu haben und nicht reagiert zu haben, als am Tattag ein Auto mit einem verdächtigen jungen Paar auf dem Nachbargrundstück parkte.

Aber auch an den Ermittlungen und Schutzmaßnahmen ließ sie deutliche Kritik erkennen. Der Staatsakt für Rohwedder sollte auf keinen Fall in Düsseldorf stattfinden, wo man ihn im Stich ließ, habe die Familie damals verlangt.

«Es war staatlicher Unwille, der Rohwedder an jenem Tag in seiner Wohnung das Leben gekostet hat», sagte Rainer Hofmeyer, Ex-Chef der Terrorismusabteilung im Bundeskriminalamt (BKA), vor wenigen Tagen dem «Spiegel». Warnungen des BKA seien ignoriert worden. «Das ist ein Versagen des Föderalismus, das in mir auch heute noch große Wut auslöst.»

Rohwedder zählt damals zu den meistgefährdeten Personen Deutschlands. Er ist Blitzableiter und Sündenbock. Dennoch sind nur die Fenster im Erdgeschoss seiner Villa gepanzert, nicht das des Arbeitszimmers im ersten Stock. Die RAF hatte die Sicherheitslücke wohl erkannt.

Das Killer-Kommando entkommt trotz Großalarm und Ringfahndung. Es ist das letzte Attentat der linksterroristischen RAF, die ein Jahr später Mordanschlägen abschwört und sich 1998 schließlich auflöst.

Einer von Rohwedders Mördern könnte Wolfgang Grams gewesen sein. Ein Haar von ihm klebte an einem Frottee-Handtuch, das am Tatort zurückgelassen worden war. Zehn Jahre nach der Tat gelingt es - dank wissenschaftlichem Fortschritt - die DNA des Terroristen zu identifizieren, der 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen starb.

Drei Ex-Terroristen der sogenannten dritten RAF-Generation sind nach wie vor untergetaucht. Sie finanzieren sich ihren Lebensunterhalt Spuren zufolge durch Überfälle auf Geldtransporter. Aber wissen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette, wer am Rohwedder-Attentat beteiligt war? «Die werden nichts sagen. Alle haben bislang geschwiegen, keiner hat den anderen verraten», sagt ein Ermittler.

Mit Grams rückte im Fall Rohwedder dessen damalige Freundin Birgit Hogefeld in den Blick. Beide sollen eine Reihe von Straftaten gemeinsam begangen haben. Hogefeld hat wegen anderer Taten 18 Jahre Haft verbüßt und ist seit zehn Jahren auf freiem Fuß. Dass die RAF das Attentat beging, bestritt sie in einem «Spiegel»-Interview 1997 nicht, erklärte sogar, warum Rohwedder ausgewählt wurde und sagte deutlich: «Der Stasi-Verdacht war natürlich Quatsch.»

Im Kleingarten, aus dem der Mörder feuerte, finden die Ermittler 1991 nicht nur einen Plastikstuhl, einen Feldstecher, drei Patronenhülsen, das Handtuch und den Bekennerbrief. Einige Meter entfernt liegen drei Zigarettenkippen. Sie wurden von einem Menschen mit der Blutgruppe A geraucht, ergab die Analyse der Speichelreste - und damit nicht von Wolfgang Grams.

Heutzutage hätten die Kippen schnell die DNA des Rauchers und damit eines weiteren mutmaßlichen Täters geliefert, aber nicht vor 30 Jahren. Und für neue Analysen gibt es kein Material mehr - es wurde bei den damaligen Untersuchungen aufgebraucht.

Könnte Hogefeld die Raucherin mit Blutgruppe A gewesen sein? Selbst wenn, wäre das nur ein schwaches Indiz, heißt es aus Ermittlerkreisen. Blutgruppe A haben 43 Prozent der Bevölkerung.

© dpa-infocom, dpa:210329-99-08803/2

Interview mit Hergard Rohwedder

Interview mit Birgit Hogefeld

Fahndung nach "RAF-Rentnern"

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