Regimekritiker in Belarus: Roman Protasewitsch(Mi.), hier bei einem Protest 2017.
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Regimekritiker in Belarus: Roman Protasewitsch(Mi.), hier bei einem Protest 2017.

„In Niere und Leber getreten“

Roman Protasewitsch: Schon als Teenager legte er sich mit Alexander Lukaschenko an

  • Patrick Mayer
    VonPatrick Mayer
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Roman Protasewitsch bringt das Belarus-Regime gegen sich auf. Doch, wer ist der junge Blogger, der Machthaber Alexander Lukaschenko derart unter Druck setzt? Eine Spurensuche.

München/Minsk - Ihn will der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko ganz offensichtlich einschüchtern: Roman Protasewitsch, Blogger und Regimekritiker der Regierung in Weißrussland. Der junge Mann ist, Jahrgang 1995, rund 40 Jahre jünger als der autokratische Regierungschef (Jahrgang 1954) in Minsk. Und doch verunsichert er diesen gehörig. Ganz offensichtlich.

Schon als Teenager zog er durch seine kritischen Ansätze im Internet den Argwohn des Regimes auf sich. Seine Texte richteten sich insbesondere gegen Alexander Lukaschenko direkt, der international wegen seines autokratischen Regierungsstils und der angeblich systematischen Verfolgung von Oppositionellen gewaltig unter Druck steht. Und dann ist da noch dieser Aktivist und Blogger, der ihn einfach nicht in Ruhe lassen will: Protasewitsch, wahlweise auch Pratassewitsch oder Protassewitsch geschrieben.

Roman Protasewitsch: Von Belarus-Machthaber Alexander Lukaschenko gefürchtet und verfolgt

Mit 17 Jahren betrieb der damalige Nachwuchsjournalist im russischen Online-Netzwerk Vkontakte zwei Lukaschenko-kritische Gruppen und wurde deshalb in Belarus für mehrere Stunden festgenommen und eigenen Angaben nach misshandelt. „Sie haben mir in Niere und Leber getreten“, berichtete er damals. „Ich hatte danach drei Tage lang Blut im Urin. Sie haben mir gedroht, mir ungelöste Mordfälle zur Last zu legen.“

  • Roman Protasewitsch
  • Geboren am 5. Mai 1995 in Minsk (Weißrussland).
  • Sein Name wird auch Pratassewtisch oder Protassewitsch geschrieben.
  • Regimekritiker und Oppositioneller gegen die autokratische Regierung von Alexander Lukaschenko.
  • Blogger, Mitbegründer und zeitweise Chefredakteur des regierungskritischen Online-Nachrichtendienstes Nexta.
  • Am 23. Mai 2021 beim zur Notlandung gezwungenen Ryanair-Flug 4978 von Athen nach Vilnius von Belarus in Minsk festgenommen und inhaftiert.

Während der Verhöre verlangten die Beamten des belarussischen Geheimdienstes, der wie zu Sowjetzeiten auch heute noch KGB heißt, die Passwörter zu den Online-Gruppen. Eine dieser Gruppen hieß: „Wir haben diesen Lukaschenko satt“. Er kennt nur diesen Präsidenten - denn Lukaschenko ist seit 1994 in Belarus an der Macht, ein Jahr bevor Protasewitsch geboren wurde.

Der junge Oppositionelle blieb vorerst in seiner Heimat, arbeitete als Fotograf für belarussische Medien und erhielt 2017-2018 ein Stipendium für aufstrebende unabhängige Journalisten. 2019 ging er nach Polen und Litauen ins Exil, kurz nachdem er angefangen hatte für den einflussreichen oppositionellen Telegram-Kanal Nexta zu arbeiten. Dort wurde er zwischenzeitlich auch Chefredakteur.

Roman Protasewitsch: Aus Furcht vor Alexander Lukaschenko aus Belarus ins Exil nach Polen geflohen

Für Nexta berichtete der 26-Jährige über die Präsidentschaftswahl im vergangenen August, bei der die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja Lukaschenko herausforderte. Als sich der Amtsinhaber nach dem von Betrugsvorwürfen überschatteten Urnengang zum Sieger erklärte, kam es zu beispiellosen Massenprotesten. Dem Kanal Nexta, der derzeit mehr als 1,2 Millionen Leser hat, kam dabei eine wichtige Rolle zu: Er versorgte seine Abonnenten mit Terminen und Uhrzeiten der Proteste.

Nexta

Dabei handelt es sich um einen weit verbreiteten russischsprachigen Telegram-Kanal zur politischen Situation in Belarus. Das autokratische Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko wird in den Beiträgen deutlich kritisiert und angegangen. Zeitweise hatte der Telegram-Dienst laut Bild mehr als 2,1 Millionen Leser - und damit entsprechend Einfluss. Roman Protasewitsch begründete den Online-Nachrichtendienst mit und war zeitweise dessen Chefredakteur.

Immer mehr rückte er in den Fokus des autokratischen Regimes: Lukaschenko ließ im November einen Haftbefehl gegen Protasewitsch ausstellen. Durch seine Arbeit für Nexta sei er in eine „terroristische Aktivität verwickelt“, lautete die Begründung. Protasewitsch, der inzwischen Redakteur beim Kanal BGM mit 260.000 Abonnenten ist, beschreibt sich auf seinem Twitter-Profil scherzhaft als „erster Terror-Journalist der Geschichte“. Aber: Terrorvorwürfe können in Belarus die Todesstrafe nach sich ziehen - und die wird in dem osteuropäischen Land tatsächlich noch immer vollstreckt.

Roman Protasewitsch: Alexander Lukaschenko ließ Regimekritiker bei Ryanair-Vorfall festnehmen

Bis Pfingsten 2021: In einer international Aufsehen erregenden Aktion ließ Lukaschenko auf persönlichen Befehl eine Ryanair-Maschine durch einen Kampfjet nach Minsk umleiten, die ursprünglich von Griechenland nach Litauen unterwegs war. An Bord: Regimekritiker Roman Protasewitsch und seine russische Freundin Sofia Sapega. Beide wurden nach der erzwungenen Notlandung in Minsk festgenommen.

Staatschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderten von Lukaschenko seine sofortige Freilassung, die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja befürchtete gar, dass Protasewtisch gefoltert wird. Ausgang ungewiss. (pm)

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