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Karl-Theodor zu Guttenberg (39, CSU) beim Redaktionsbesuch am Montagnachmittag.

Guttenberg: Letztes Interview im Münchner Merkur

München - Der Gast sieht nicht aus, als wäre er einer der meistgejagten Politiker der Republik. In aller Ruhe greift sich Karl-Theodor zu Guttenberg beim Redaktionsbesuch die Kanne und serviert den Journalisten Kaffee - Es war wohl sein letztes Interview vor dem Rücktritt.

Milch? Zucker? Bitteschön. Im Gespräch ist er konzentriert, nicht gehetzt. Draußen purzeln gerade alle Anschlusstermine durcheinander, unter anderem ein Gespräch mit dem Parteichef - er bleibt gelassen. Auf dem Hof bittet ein Passant um ein gemeinsames Foto. Guttenberg macht mit, lächelt. Als die Kamera klemmt, hilft er sogar noch beim Reparieren.

Der gefallene Star wirkt gefasst. Er badet nicht im Selbstmitleid auf dem Höhepunkt der selbst verschuldeten Plagiats-Krise um seine plump zusammengeschusterte Doktorarbeit. Er kneift auch nicht - andere hätten das lang vereinbarte Interview mit ein paar Floskeln abgesagt. Aber Politik ist mehr als gute Manieren. Guttenberg muss sich erklären, wie er das verlorene Vertrauen vieler Bürger zurückholen will. Wie er mit dem Vorwurf umgeht, Betrüger, Lügner, Hochstapler zu sein. Wie es sich anfühlt, wenn die Schwesterpartei CDU sich abwendet. Und ob er bei all dem Wirbel überhaupt die Kraft hat, die größte Bundeswehr-Reform durchzuziehen.

Herr zu Guttenberg, hinter Ihnen liegen die turbulentesten Wochen Ihres Lebens. Wessen Rat haben Sie gesucht in diesen Tagen?

Es waren in der Tat einige der härtesten Wochen meines politischen Lebens. Ich kann mich zum Glück auf eine sehr starke Familie verlassen.

Was hat Ihnen Ihr Vater gesagt? „Karl-Theodor, durchhalten“?

Ich hoffe, Sie verstehen, dass das privat ist. Nicht alles muss an die Öffentlichkeit.

Sie kommen gerade aus dem CSU-Vorstand. Steht die politische Familie hinter Ihnen?

Ich habe hier viel Unterstützung erfahren und auch viel Verständnis dafür, dass ich mich letzte Woche öffentlich zu meinen Fehlern bekannt und mich entschuldigt habe.

Ich bin dafür sehr dankbar.

Manche in der CDU gehen aber auf Distanz: Lammert, Schavan, Böhmer - haben Sie Verständnis für das Maß an Enttäuschung, das Ihnen von der Schwester entgegenschlägt?

Ich habe Respekt und Verständnis für jede Meinungsäußerung, auch für kritische.

Andere würden längst hinschmeißen. Wie oft denken Sie an Rücktritt?

Sie sehen mich hier sitzen.

Bis die Umfragen absacken?

In den knapp zehn Jahren, in denen ich im politischen Geschäft sein darf, habe ich mich nie an einem Hypothesen-Wettlauf beteiligt.

Die stärkste Vokabel kommt von einem Professor Ihrer Uni Bayreuth. „Betrüger“ nennt er Sie. Wie stark trifft Sie das?

Ich glaube, es wäre übermenschlich, wenn einen so harte Vorwürfe nicht innerlich beschäftigen würden. Ich habe das zur Kenntnis zu nehmen.

Sie stehen nicht nur wegen der Plagiats-Affäre im Feuer, auch wegen der Bundeswehr. Ein Bericht der Marine kommt zum Ergebnis, der von Ihnen entpflichtete Gorch-Fock-Kapitän sei frei von Schuld. Haben Sie zu früh reagiert?

Es war die richtige Entscheidung - nicht spontan, sondern wohlüberlegt. Jetzt sind drei Verfahren im Gange: Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ein Havariebeauftragter untersucht die Vorgänge - das ist noch nicht abgeschlossen -, und dann haben wir jetzt den Bericht der Marine. Es wird am Ende eine vernünftige Gesamtbetrachtung geben.

Kapitän Schatz...

...ist nicht gefeuert oder geschasst. Er ist an Land kommandiert, daran darf ich noch mal erinnern, nicht nur zu seinem Schutz, sondern auch zu dem der Mannschaft während der laufenden Ermittlungen, die sachgerecht vonstatten gehen müssen. Ich habe immer gesagt, dass es sich um Vorwürfe handelt, nicht um Fakten. Wenn sich die Vorwürfe als haltlos erweisen, wird das dazu führen, dass er wieder das Kommando an Bord übernimmt.

Sie würden die Entscheidung wieder so treffen?

Ich würde sie wieder so treffen, auch auf Empfehlung der militärischen Führung. An dem Tag wurde ja auch seitens der Marineführung wiederholt mit Kapitän Schatz gesprochen.

Sie haben der Mannschaft versprochen, das Schiff zu besuchen. Wann?

Ich habe gesagt: vor Heimkehr. Das wird keine hübsche Lustreise in die Dominikanische Republik sein, sondern ein Abschnitt der Reise etwa an der europäischen Atlantikküste oder der Nordsee. Auf jeden Fall hat die Mannschaft verdient, dass mit ihr gesprochen wird, und zwar ohne Medienbegleitung.

Denken Sie noch daran, das Schiff aus dem Verkehr zu ziehen?

Das Schiff wird zunächst im Heimathafen liegen...

...auf immer und ewig.

Nein. Bis eine Kommission überprüft hat, wie die Ausbildung auf einem Segelschulschiff auszusehen hat. Und ob es überhaupt sinnvoll ist, ein solches Schiff zu haben. Diese Kommission wird in den nächsten Tagen eingesetzt. Ich würde mich freuen, wenn die Gorch Fock weitersegelt, aber dazu brauchen wir diese Bewertung.

Sie stemmen derzeit eine der größten Reformen der Bundeswehr. Haben Sie dafür überhaupt noch die Kraft?

Selbstverständlich. Darauf liegt die Hauptkraft. Seit eineinhalb Jahren bereiten wir die Reform mit höchster Intensität vor. Wir haben alle angekündigten Daten punktgenau gehalten. Jetzt läuft die Anhörung der Beteiligungsgremien. In den nächsten Tagen stehen dann weitere Grundentscheidungen an.

Die Reform kommt, passiere, was wolle?

Mir ist sehr wichtig, dass man eine gewisse Unumkehrbarkeit der Reform schafft.

Die Sparzusagen haben Sie nicht gehalten! Der Finanzminister musste Ihnen mehr Geld zubilligen.

Ich bin dankbar für ein erstes Entgegenkommen. Aber wir reden weiter. Grundsätzlich gilt: Wenn eine gewisse Zahl von Soldaten und zivilen Mitarbeitern gehalten werden soll, hat das Konsequenzen für den Finanzierungsbedarf. Das ist keine Überraschung, die erst im Januar aufgetreten wäre. Das ist uns und Ihnen allen seit Sommer bekannt.

Die Soldatenzahl ist also eine Variable - je weniger Geld für Sie, desto weniger Soldaten für alle?

Die Soldatenzahl war immer variabel. Wir haben stets von „bis zu“ 185 000 Soldaten gesprochen. Ich weiß, der Wunsch der Parteien ist, dass die 185 000 gehalten werden. Auch ich fände das begrüßenswert. Für mich hat Vorrang, dass wir am Ende des Tages eine gute, schlagkräftige und effiziente Armee haben.

Sind Sie sicher, dass Sie genügend Freiwillige für Ihre Truppe zusammenbekommen?

Es wird eine Anlaufphase geben, ein halbes Jahr, das sicher von Unwägbarkeiten geprägt sein wird. Erste Zahlen lassen mich jedoch nicht in Sack und Asche gehen. Wir haben einen Regenerationsbedarf von 12 000 Freiwillig Wehrdienstleistenden pro Jahr. Jetzt Anfang März haben wir schon 7000, die ihr Interesse bekundet haben.

Rambos, auf zum Bund?

Mitnichten. Da schauen wir sehr genau hin. Auch deshalb gibt es sechs Monate Probezeit. Und für jeden gilt das Prinzip innere Führung und Staatsbürger in Uniform in gleicher Kraft weiter.

Aus dem Kanzleramt dringen immer wieder Vermerke mit Kritik an Ihrer Reform nach draußen. Nerven Sie die Querschüsse?

Das ist kalter Kaffee. Das ist immer wieder der gleiche Vermerk, der schon vor Wochen kursierte.

Unterstützung vom Kanzleramt sähe anders aus.

Ich habe bei der Reform die volle Unterstützung der Bundeskanzlerin.

Bayern hat die meisten Standorte, also bei der Standort-Reform auch die heftigsten Einschnitte. Stimmt die Gleichung so?

Diese Gleichung haben wir bundesweit aufzumachen. Ich kann die Bundeswehr nicht nach Bundesländern aufstellen. Dass es Einschnitte geben wird, ist eine Binsenweisheit und nicht fürchterlich überraschend.

Ministerpräsidenten, allen voran Ihr Freund Seehofer, schlagen Alarm und kämpfen um jede Kaserne. Kommen Sie als Bayer Seehofer entgegen?

Ich bin mit Leib und Seele Bayer. Aber auch mit Leib und Seele verantwortlicher Verteidigungsminister für die ganze Bundesrepublik. Es wird eine vernunftgeleitete Balance geben.

Die CSU will vor allem ländliche Räume schonen und lieber Kasernen in Städten preisgeben. Spielen Sie da mit?

Die Bundeswehr muss in der Fläche präsent bleiben. Davon bin ich überzeugt. Ich halte nichts von Überlegungen, dass man sich auf wenige Großstandorte konzentriert. Die Bundeswehr hat ja subsidiär auch im Inland Aufgaben. Im Katastrophenschutz zum Beispiel wären die weiten Wege gar nicht zumutbar. Noch mal: Es wird allerdings Veränderungen geben.

Welche Kriterien legen Sie dabei an?

Ich sage es andersherum: Die Größe ist kein Kriterium. Es ist nicht so, dass alles, was unter 1000 Dienstposten ist, der Rasur unterworfen wird. Weiterhin wird es kleine und größere Standorte geben. Die Struktur im ländlichen Raum ist ebenfalls kein Kriterium. Die Bundeswehr ist kein Strukturinstrument...

... auch wenn Seehofer das gerne so hätte?

Auch alle anderen Ministerpräsidenten haben ein Interesse, dass die Sicherheitsarchitektur und der Katastrophenschutz funktionieren. Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die Bundeswehr einen sicherheitspolitischen Auftrag hat und es nicht nur um Regionalstrukturen gehen kann.

Seehofer darf also mitreden, aber nicht mitentscheiden?

Natürlich reden wir gut und intensiv miteinander. Ich rede mit allen Ministerpräsidenten. Ich will wissen, wo sie die Schwerpunkte sehen. Über die Bundeswehrstruktur wird am Ende des Tages aber der Bundesverteidigungsminister respektive die Bundesregierung entscheiden.

Sie kriegen ja auch den ganzen Ärger ab.

Den werde erwartbar ich abkriegen. Und an gewissen Stellen wird Ärger unvermeidbar sein.

Die ersten Vorschlagslisten kursieren. Die oberbayerischen Gebirgsjäger werden wohl geschont.

Es gibt kein entscheidungserhebliches Papier. Die Entscheidung fällt Mitte des Jahres.

In der arabischen Welt brennt es. Schließen Sie aus, dass mittelfristig die Bundeswehr auch dort im Einsatz sein wird?

Man wird nie etwas gänzlich ausschließen können. Aber militärisches Eingreifen sollte nicht der erste Reflex sein.

Wäre aber sinnvoll, etwa, um die Bombardements der Demonstranten in Libyen zu unterbinden?

Man muss mit gewisser Sorge auf die Gesamtregion blicken. Es brennt an einigen Stellen lichterloh. Wir müssen nach Möglichkeiten suchen, wie man gegen höchste Menschenrechtsverletzungen vorgehen kann. Da wünsche ich mir von der EU eine intensive Rolle. Die EU muss stark und klar mit einer Stimme auftreten.

Sehen Sie für Gaddafi eine Chance, sich an der Macht zu halten?

Ich wünschte, nein. Er ist immens in die Ecke gedrängt und reagiert mit nicht tolerierbaren Maßnahmen.

Auch die Bundesregierung hat anfangs zurückhaltend auf die Lage in Nordafrika reagiert. Planen Sie selbst eine Reise in die Krisenregion?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich mich in der Region blicken lasse. Es wird aber keinen Reiseaktionismus geben.

Ein Blick noch auf die CSU. Horst Seehofer hat Sie in den letzten Tagen klar unterstützt. Danken Sie’s ihm von Herzen?

Natürlich. Wir sind uns immer wechselseitig für Unterstützung dankbar.

Könnte öfter sein...

Nein. Das ist viel öfter so, als gelegentlich gemutmaßt wird.

Darf er jetzt über 2011 hinaus Parteichef bleiben?

Er ist Parteivorsitzender, und er hat sich sehr klar geäußert, dass er weiterhin gerne will.

Sie werden ihn nicht daran hindern, etwa beim Parteitag im Herbst 2011?

Warum denn? Ich konzentriere mich auf das, was ist.

Man nennt Sie ungestraft Lügner, Hochstapler, Betrüger. Selten musste ein Minister durch so ein Stahlbad. Wird es Ihnen bis Herbst gelingen, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen?

Ich trage politische Verantwortung nicht, um mich von einem Karriereschritt zum nächsten zu retten. Mein Anspruch bleibt, dem Vertrauen gerecht zu werden. Wenn dieser Anspruch in Teilen gelitten hat, muss man daran arbeiten, ihn wieder zu erfüllen.

Schmerzt der Vorwurf, Sie seien wegen Ihrer kometenhaften Karriere hochmütig und abgehoben geworden?

(Lange Pause) Ja. Weil’s nicht stimmt. Und wenn es einmal so war, rede ich offen drüber. Ich habe vergangene Woche vor dem Bundestag gesagt, dass ich bei meiner Selbsteinschätzung bei der Promotion - vor meinem Ministeramt - zu hochmütig gewesen bin. Wenn ich oder wenn andere Fehler an mir feststellen, befasse ich mich damit.

Letzte Frage: Sie stehen im Feuer wie kaum ein Politiker vor Ihnen. Macht Politik noch Freude - oder ist es nur mehr preußische Pflichterfüllung?

Auch erfüllte Pflicht kann Freude machen.

Zusammengefasst von Christian Deutschländer

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