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„Gebt uns unsere Söhne zurück“: Ludmila Hohlova, Vorsitzende der in Vereinen organisierten russischen Soldatenmütter, richtet einen verzweifelten Appell an den Kreml, der Soldaten in der Ostukraine einsetzt – und dies vehement bestreitet.

„Ilja ist im Manöver“

Russische Soldatenmütter suchen ihre Söhne

Moskau - Während der Kreml bestreitet, dass russische Soldaten in der Ostukraine im Einsatz sind, wächst dort die Zahl der Gräber getöteter russischer Kämpfer. Verzweifelte Mütter machen sich auf die Suche nach ihren verschwundenen Söhnen.

Es erinnert an den Beginn des Tschetschenienkrieges vor gut 14 Jahren: Die Mütter russischer Soldaten forschen mit Hilfe von Menschenrechtlern nach ihren Söhnen, um sie vor dem Tod zu bewahren. Nur suchen sie diesmal nicht im Kaukasus, sondern in der Ukraine. Denn Meldungen und Merkwürdigkeiten der vergangenen Tage weisen darauf hin, dass russische Soldaten massiv im Nachbarland kämpfen.

Bei Pskow wurden zwei Fallschirmjäger begraben, die angeblich bei einem Unglück gestorben seien. Aber es gibt Hinweise, dass sie bei Kämpfen in der Ostukraine getötet wurden. Als Reporter den Friedhof bei Pskow besuchten, wurden sie von Männern in Kapuzenjacken bedroht und verjagt. Unbekannte entfernten die Truppenbezeichnung auf den Grabkreuzen über Nacht. Die Ukraine präsentierte erstmals gefangene russische Rekruten. Der Krieg, der sich bislang als Kampf der Separatisten gegen die ukrainische Armee in weiter Ferne abspielte, hat Russland erreicht.

Er verängstigt die Eltern der Soldaten, und ihre einzige Hilfe sind die Organisationen der Soldatenmütter. Denn der Staat schweigt meist auf die Anfragen der Eltern. Als Ljubow Maximowa beim Wehrersatzamt, in dem ihr Sohn Ilja sich als Luftlandesoldat verdingt hatte, um Informationen über seinen Verbleib bat, erhielt sie zuerst keine Antwort. Da waren auf ukrainischen Internetseiten längst Dokumente von Ilja, darunter sein Führerschein, aufgetaucht. Seit dem 17. August hatte Ljubow von ihrem Sohn keine Nachricht mehr erhalten.

Die Mutter befürchtete, dass Ilja in der Nähe von Lugansk ins Feuer der ukrainischen Armee geraten sei. Später wurde ihr von einem Offizier der russischen Armee mitgeteilt, ihr Sohn sei „lebendig und gesund“ und befinde sich auf dem Truppenübungsplatz. Auf welchem, erfuhr Maximowa nicht. „Ich glaube, sie lügen“, sagte sie sich und beschloss, mit Hilfe der Soldatenmütter an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf einer Pressekonferenz in Saratow wandte sich die besorgte Mutter an die Ukraine: „Wenn mein Sohn Ilja sich schuldig gemacht hat, so seien Sie so gut und vergeben Sie ihm! Wenn er bei Ihnen ist, verehrte Ukraine, dann bin ich bereit, zu kommen und ihn zu holen.“

Die Vorsitzende der Soldatenmütter in Saratow, Lidija Swiridowa, berichtet von einer Vielzahl von Anrufen und Briefen von Eltern, deren Söhne als Rekruten nach Rostow im Süden Russlands abkommandiert wurden. Manchmal werden sie dort gedrängt, sich als Zeitsoldat zu verpflichten. Denn Wehrdienstleistende dürfen nach interner Bestimmung nicht ins ukrainische Kriegsgebiet geschickt werden.

Am 26. August erhielt Aljona Kossatschenko einen Anruf ihres Sohnes Witalij. Der 19-jährige Soldat erzählte, er sei an die ukrainische Grenze verlegt und vom Kommandanten aufgefordert worden, einen Vertrag als Berufssoldat zu unterzeichnen. „Wenn Ihr das Papier nicht unterschreibt, dann tue ich das für Euch!“, soll der Offizier gesagt haben. Dann mussten alle Soldaten ihre Abzeichen und Erkennungsmarken abgeben – für den Todesfall in der Fremde. Mutter Kossatschenko befürchtet, dass ihr Sohn in die Ukraine geschickt werde. Dank der Hilferufe der Eltern aus verschiedenen Teilen Russlands können die Menschenrechtler Listen der Verschwundenen und möglicherweise Getöteten führen. So haben die Soldatenmütter im südrussischen Stawropol die Namen von 400 getöteten und verwundeten russischen Soldaten erstellt.

Der öffentliche Druck der Mütter zeigt Wirkung. Ein Vertreter des Kommandostabs der Luftlandedivision von Kostroma hat gegenüber den Verwandten mehrerer Soldaten zugegeben, dass sich die Einheiten bei Rostow befänden. Er sprach von Verlusten bei Zusammenstößen mit der ukrainischen Armee. Offiziell weist das Verteidiungsministerium in Moskau noch jeden Einsatz russischer Soldaten in der Ostukraine von sich.

Ljubow Maximowa, die Mutter des Luftlandesoldaten Ilja, konnte nach ihrer Pressekonferenz wieder Mut schöpfen. Nach ihrem Appell erhielt ihr Mann einen kurzen Anruf: Ilja war am Telefon und erzählte, dass er im Manöver bei Rostow sei und nicht wisse, wie das Bild seines Führerscheins ins Internet geraten sei. Dann beendete er das Gespräch. Der Vater erkannte die Stimme seines Sohnes wieder. „Warten wir ab, was weiter passieren wird“, sagte Maximowa, voller Freude und Sorge zugleich.

Johannes Voswinkel

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