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Waren zuletzt eher selten einer Meinung: Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump treffen sich beim Nato-Gipfel in Brüssel.

Vor Gipfel in Brüssel

Russland-Experte im Interview: „...dann ist die Nato sofort tot“

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Der Nato-Gipfel in Brüssel verspricht Zündstoff - das könnte Wladimir Putin in die Hände spielen. Ein Russland-Experte skizziert düstere Szenarien.

München - Beim anstehenden Nato-Gipfel in Brüssel wird es mal wieder ums Geld gehen, genauer: die Verteidigungs-Ausgaben der Mitglieder. Streit ist wahrscheinlich, dabei ist Einigkeit so wichtig wie lange nicht, glaubt Mark D. Simakovsky, 37. Er war Russland-Experte in der Obama-Administration und beschäftigt sich heute für die Denkfabrik Atlantic Council in Washington mit der Nato und Russland. Er sagt: Wladimir Putin erkennt die aktuelle Schwäche der Nato. Und er wird sie auf die Probe stellen.

Herr Simakovsky, Donald Trump hat die Nato-Partner vor dem Gipfel in Briefen aufgefordert, mehr für Verteidigung auszugeben. Verliert er die Geduld?

Simakovsky: Schon das Verhalten des Präsidenten beim G7-Gipfel in Kanada war ein klares Zeichen dafür, dass der Frust gegenüber den Verbündeten zu- und die Geduld abnimmt. Er bereitet eine Breitseite vor, vor allem gegen Deutschland. Trump ist unvorhersehbar. Ich glaube, beim Nato-Gipfel wird er viel Frust zeigen, die Europäer als unzuverlässig darstellen und versuchen, Zwietracht unter den Partner zu säen.

Angela Merkel hofft trotzdem auf „positive Ergebnisse“. Ist das naiv?

Simakovsky: Ich hoffe nicht. Die US-Administration und ihre Partner haben ein paar konkrete Ergebnisse vorbereitet, die zeigen, dass man sich der Verteidigungsbereitschaft und Abschreckung verpflichtet fühlt, trotz des Drucks in Sachen Verteidigungsausgaben. Das Gipfel-Ergebnis könnte also stark sein.

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Beim G7-Gipfel soll Trump sich ziemlich abfällig über die Nato geäußert haben. Besteht die Gefahr, dass die USA dem Bündnis den Rücken kehren?

Simakovsky: 

Das Risiko sehe ich nicht. Eine der Überraschungen von Trumps Präsidentschaft ist ja, dass es schwierig ist, überhaupt konkrete Einsparungen seitens der USA in Europa zu benennen. Im Gegenteil: Seit seinem Amtsantritt hat der Präsident die Ausgaben für Verteidigung in Europa um 40 Prozent erhöht. Im nächsten Etat sollen sie auf sechs Milliarden Dollar steigen. Meine Sorge ist aber, dass Trump genau das zunehmend realisiert - und die Unterstützung wieder runterfährt.

Bleiben die USA ein verlässlicher Nato-Partner?

Simakovsky: 

Das schon. Aber die Verlässlichkeit ist eine andere als zuvor. Sollte mal eine Krise eintreten, wird die Regierung Fragen stellen. Schon wegen Trumps Widerwillen, sich klar zur gemeinsamen Verteidigung zu bekennen.

Nun trifft Trump kurz nach dem Nato-Gipfel den russischen Präsidenten. Was ist das für ein Zeichen?

Simakovsky: 

Er sendet damit das Signal, dass er an besseren Beziehungen zu Russland interessiert ist - ohne dabei aber Rücksicht auf die Bedenken der Verbündeten zu nehmen.

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Wladimir Putin dürfte das alles sehr freuen.

Simakovsky: 

Er ist der vielleicht größte Gewinner in dieser stürmischen Zeit. Ein schwaches und geteiltes Europa wird sich tendenziell neu zu Russland und den Sanktionen positionieren. Trumps Verhalten und seine Rhetorik signalisieren Putin, dass das Bündnis gespalten ist. Das wirkt besonders destabilisierend - und Putin wird die Verteidigungsbereitschaft der Nato auf die Probe stellen. So wie 2008 nach dem Nato-Gipfel in Bukarest, als Russland in Georgien einfiel. Oder 2014 in der Ukraine.

Sie meinen, das könnte sich wiederholen?

Simakovsky: 

Ja - und diesmal könnten die Russen die Nato selbst testen. Sie könnten Proteste in einem der baltischen Staaten entfachen und unterstützen. Sie könnten Cyber-Angriffe durchführen oder den russischen Einfluss in der Ukraine ausweiten, um deren staatliche Souveränität weiter zu untergraben. Es gibt dunkle Szenarien, die wir noch nicht am Horizont sehen. Dass Russland in der Ukraine einfallen würde, hat auch niemand geahnt. Sollte die Nato einem Mitglied nicht zu Hilfe kommen, ist das Bündnis sofort tot. Das ist ein großes Risiko.

Beschäftigt sich mit der Nato und Russland: Mark D. Simakovsky.

Manche warnen vor einem neuen Kalten Krieg.

Simakovsky: 

Ich glaube nicht, dass sich so etwas anbahnt, weil es keinen Kampf der Ideologien mehr gibt. Aber ich glaube schon, dass die Spannung heute ähnlich groß ist wie damals und dass es an Dialog fehlt. Das könnte zu Krisen und Instabilität führen. Es gibt ein echtes Risiko, dass die Spannungen außer Kontrolle geraten.

Vielleicht bewirkt das Trump-Putin-Treffen ja Positives...

Simakovsky: 

Sie sollen sich ruhig treffen, aber zur rechten Zeit und mit genügend Vorbereitung. So ein Treffen sollte keine kurzfristige Entscheidung eines US-Präsidenten sein, der mehr an schönen Bildern mit Putin interessiert ist als an substanziellen Ergebnissen. Und der die Gefahren nicht kennt, die mit einem solchen Treffen einhergehen. Ich bezweifele, dass es ein Gespräch zugunsten der US-Interessen sein wird.

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Trauen Sie Trump das nicht zu?

Simakovsky: 

Präsident Trump schätzt den Einfluss Russlands falsch ein. Er fühlt sich auf seltsame Art wohl dabei, sich mit Feinden einzulassen und zugleich unwohl, mit Verbündeten zu verhandeln. In Trumps hyperrealistischer Weltsicht definieren aufstrebende Mächte klar ihre Interessen - und zwar gegen die Regeln der internationalen Ordnung.

Wollen sich zu einem Gespräch treffen: Russlands Staatschef Wladimir Putin (l.) und US-Präsident Donald Trump zählen zu den mächtigsten Männern der Welt.

Wird Trump möglicherweise seine Sicht auf die Krim ändern?

Simakovsky:  Die Aussagen beim G7-Gipfel waren jedenfalls ziemlich besorgniserregend

- und sie kamen aus heiterem Himmel. Die Forderung, Russland wieder mit an den Tisch zu holen, war nicht abgestimmt. Seine Behauptung, die USA hätten Putin wegen ihrer Schwäche quasi zur Invasion der Krim eingeladen und seien deshalb dafür verantwortlich, war offenkundig falsch und gefährlich. Russland war dafür verantwortlich, das hat der Präsident nie verstanden. Er hat eine andere Sicht auf Russland als seine Regierung und er könnte das jederzeit wieder so formulieren. Das würde das Bündnis schwer erschüttern - und genau das will Putin.

Was wäre ein gutes Ende für den Nato-Gipfel?

Simakovsky: 

Die Anerkennung von Unterschieden bei der Lastenverteilung. Aber auch ein Bekenntnis zur Einheit und dazu, die Fähigkeiten der Nato zu verbessern, mit aktuellen und künftigen Bedrohungen aller Art umzugehen. Die Nato kann diese harten Zeiten überstehen. Aber ich mache mir keine Illusionen: Präsident Trump wird seinen Zorn weiter gegen Europa wenden. Und dieser Gipfel wird einer der schwierigsten in der jüngeren Vergangenheit werden.

Interview: Marcus Mäckler

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