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Setzt seinen Traum von „Neurussland“ um: Kreml-Herrscher Wladimir Putin

Merkur-Interview

Russland-Experte: "Putin reagiert nur auf Druck"

München - Russland-Experte Boris Reitschuster erklärt im Interview mit dem Münchner Merkur, warum der Westen jetzt Stärke gegen Moskau zeigen muss.

Während Europa zögert, setzt Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Kurs fort: „Er will den russischen Anspruch auf Teile der Ukraine manifestieren“, sagt Boris Reitschuster. Reitschuster ist Russland-Experte und leitet das Korrespondenten-Büro des Nachrichtenmagazins „Focus“ in Moskau. Er sagt, Putin wolle einen autoritären Staat, weil er finde, seine Landsleute bräuchten eine starke Führung, da sie unreif seien. Reitschuster ist am Montagabend bei „Hart aber fair“ zu Gast (ARD; 21 Uhr).

Wie gefährlich ist Putin wirklich?

Absolut gefährlich! Es herrscht wieder Krieg in Europa, ein regional begrenzter Krieg. Der Ukraine-Konflikt ist nichts anderes, auch wenn westliche Politiker lieber von einer Auseinandersetzung zwischen Separatisten und der ukrainischen Armee sprechen. Verantwortlich für diesen Krieg ist in erster Linie Putin, denn er lebt in einer völlig anderen Realität als wir.

Welche Realität meinen Sie?

Wenn ich einen Computer-Vergleich ziehen dürfte, dann würde ich sagen, Putin arbeitet mit einem Betriebssystem aus DDR-Zeiten, während der Westen längst im 21. Jahrhundert angekommen ist und auf Windows 8 setzt.

Was heißt das konkret?

Putin ist gedanklich in Sowjet-Zeiten stecken geblieben. Er will, dass sich Russland wieder erhebt – dass es die Schmach der Perestroika abwirft. Er träumt von einem neuen, mächtigen Russen-Reich. Putin selbst stammt ja aus einfachsten Verhältnissen, und als Kind wurde er immer wieder geschlagen. Deshalb dreht sich bei ihm auch alles um Stärke.

Und die demonstriert er jetzt in der Ukraine?

Ja, er will den Anspruch Russlands auf Teile der Ukraine manifestieren. Das entspricht seiner neuen Ideologie – und dafür benutzt Putin auch gezielt den Ausdruck „Neurussland“. Das ist ein historischer Begriff, der noch aus der Zarenzeit stammt. Damals wurde er für Teile jener Gebiete verwendet, die Putin heute kontrollieren will.

Hat der Westen Putin unterschätzt?

Das steht außer Frage – und er war auch viel zu nachsichtig mit ihm, hat zahlreiche Völkerrechtsverstöße nahezu ignoriert, etwa im Georgien-Konflikt. Der Westen dachte seinerzeit: Die Sowjet-Union ist untergegangen, jetzt bewegt sich Russland endlich auf uns zu.

Was ist passiert?

Das Gegenteil. Die Geister aus den 1930er-Jahren haben nur geschlummert – jetzt sind sie endgültig erwacht. Für Putin scheint der Westen das personifizierte Böse zu sein, darauf wurde er von Klein auf getrimmt. Sein Großvater, der Koch bei Stalin war, hat ihm das wohl schon früh eingebläut. Später, beim russischen Geheimdienst KGB, hat Putin diese Sicht verinnerlicht ...

Was bedeutet das für den Ukraine-Konflikt?

Putin wird keine Ruhe geben, bevor er nicht Kontrolle über die Ost-Ukraine hat.

Was muss der Westen tun?

Putin reagiert nur auf Druck, also muss der Westen jetzt Druck machen. Zumal er in der Vergangenheit eindeutig versäumt hat, eine rote Linie zu ziehen – und damit brachte er Putin auf den Geschmack. Der Kreml nahm die westlichen Staatschefs ja kaum noch ernst. Unter der Hand wurden sie dort noch jüngst als „Impotente“ bezeichnet. Das sagt doch sehr viel aus.

Welche Maßnahmen sollten eben diese Staatschefs denn ergreifen?

Sie sollten die Sanktionen ausweiten. Sie sollten zum Beispiel für einfache russische Bürger die Visa-Freiheit einführen, für die russische Führungsriege hingegen ein Einreise-Verbot – das würde dann auch deutlich zeigen, dass sich der Westen nicht gegen die Menschen, die in Russland leben, wendet, sondern lediglich gegen die Machthaber – für die übrigens der Einzelne nicht viel zählt, sondern nur der Staat, das Völkische. Und: Der Westen muss militärische Präsenz zeigen, wenn man so will: Stärke demonstrieren. Das ist die einzige Sprache, die Putin wirklich versteht.

Glauben Sie, das schüchtert ihn ein?

Zumindest wirkt er in jüngster Zeit immer öfter gereizt und nicht mehr so siegessicher wie zu Beginn der Ukraine-Krise.

Was ist Ihre Prognose für die kommenden Wochen?

Wir werden jetzt eine Finte nach der anderen erleben – Putin, als alter KGB-Mann, beherrscht die Kunst der Täuschung nahezu perfekt. Er wird das nutzen, rund um die Waffenruhe. Die Zeit arbeitet für ihn. Der Westen wird einen Weg finden müssen, ihn massiv unter Druck zu setzen – ohne dass Putin dabei sein Gesicht verliert. Das wird ein Drahtseilakt. Aber es ist die einzige Chance auf ein Ende des Krieges in Europa.

Interview: Barbara Nazarewska

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