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Russlands Machtzirkel wird unruhig – Putin befördert „Bluthund“ Kadyrow und setzt damit Zeichen

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Von: Franziska Schwarz

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Nach den Verlusten im Ukraine-Krieg läuft in Russland die Suche nach den Schuldigen. Bemerkenswert ist, was Kadyrow und Prigoschin zu dem Thema sagen.

Update vom 5. Oktober, 17.40 Uhr: Russlands Präsident hat den Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow inmitten der ukrainischen Gebietsgewinne befördert. Der 46-Jährige steigt in den Rang eines Generaloberst auf. Das Dekret über seine Ernennung sei bereits veröffentlicht, er sei Putin „unglaublich dankbar“ für die „große Wertschätzung“, schrieb Kadyrow am Mittwoch im Online-Dienst Telegram. Generaloberst ist hinter Marschall und Armeegeneral der dritthöchste Dienstgrad der russischen Streitkräfte.

Der Kreml hatte am Montag den „heldenhaften Beitrag“ Kadyrows zur Offensive in der Ukraine gelobt. Der tschetschenische Präsident beteiligt sich daran seit ihrem Beginn intensiv. Tschetschenische Einheiten kämpfen im Land an der Seite der russischen Streitkräfte.

Der Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, nimmt an einer Zeremonie zur Annexion der ukrainischen Gebiete teil.
Der Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, nimmt an einer Zeremonie zur Annexion der ukrainischen Gebiete teil. © MIKHAIL METZEL/AFP

Interessant ist vor allem der Zeitpunkt der Ernennung Kadyrows. Putins „Bluthund“ hatte zuletzt mit der Forderung für Aufsehen gesorgt, „Nuklearwaffen mit niedriger Sprengkraft“ in der Ukraine einzusetzen. Zudem hatte Kadyrow einen anderen Generaloberst, Alexander Lapin, für dessen Rolle bei den Kämpfen um die kürzlich von ukrainischen Kräften eroberte Stadt Lyman kritisiert. Reagiert Putin mit der Beförderung also direkt auf die Unruhe in den eigenen Reihen (siehe Erstmeldung) und will für Ruhe sorgen?

Putins „Bluthund“ und „Koch“ auf Abwegen: Gefolgsleute üben Kritik – mit Kalkül?

Erstmeldung vom 5. Oktober:

München - Im Ukraine-Krieg steht weiterhin jede Äußerung Wladimir Putins unter Beobachtung. Aber auch bei anderen russischen Protagonisten findet jedes Wort Aufmerksamkeit. Ein im Westen vielbeachteter Kommentator ist etwa Ramsan Kadyrow. Der andere Jewgeni Prigoschin, auch bekannt als „Putins Koch“. Beide äußerten sich zuletzt ungewohnt kritisch. Und sie sind nicht die einzigen. Dass bereits Putins Stuhl wackelt, scheint allerdings fraglich.

„Putin versagt darin, die Ansprüche der russischen Nationalisten mit seinen erklärten Kriegszielen in Einklang zu bringen“, schreiben die Militärexperten des US-Thinktanks Study of War (ISW) in ihrer jüngsten Analyse. Drei Faktoren erhöhten dabei den Druck auf den Kremlchef: Privatpersonen, die den Krieg im Internet kommentieren, Veteranen sowie „Silowiki“, womit Vertreter der Geheimdienste und des Militärs gemeint sind. „Putin braucht die Zustimmung von allen drei Gruppen.“

Die Erfolge der Ukraine mit ihrer Gegenoffensive spalte die radikale nationalistische Community nun allerdings. Putin sorge deshalb dafür, dass besagte Kommentatoren Raum im russischen Staatsfernsehen erhalten. Außerdem lasse er Silowiki ihre eigenen Kämpfer mobilisieren und versuche die Veteranen zu beschwichtigen, und zwar vor allem mit anhaltender Propaganda.

Ukraine-Krieg: Russisches Staatsfernsehen sendet Reportage über Pleite in Lyman

Die Ukraine verfolgt die Entwicklungen genau. „Sie haben angefangen, einander zu beißen“, spottete jüngst der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Tatsächlich hatte Kadyrow zuletzt die russische Pleite in Lyman auf Telegram gegeißelt - Prigoschin sprang ihm laut Welt auch noch bei.

Der Russland-Korrespondent der Zeitung berichtete außerdem, dass in den „Nachrichten der Woche“ des TV-Propagandisten Dmitrij Kisseljow eine lange Reportage über den Truppenabzug aus Lyman und die Erfolge der ukrainischen Armee gesendet wurde. Die Welt sieht in der Kritik Kadyrows und Prigoschins auch an Zuständen in der russischen Armee eine „unerhörte Entwicklung“.

Verluste für Russland im Ukraine-Krieg: Putins möglicher Nachfolger positioniert sich

Gleichzeitig hatte Oligarch Prigoschin zuletzt aber bekannt, die berüchtigte Söldnertruppe „Wagner“ - auch „Putins Schattenarmee genannt - gegründet zu haben. Er übte auch Kritik an hohen Militärs. Und das tschetschenische „Oberhaupt“ Kadyrow will seine minderjährigen Söhne an die Front schicken, sagt er - eine Art Knicks vor dem Kriegswillen des Kremlchefs.

Der Tschetschenenführer wird von einigen Beobachtern als möglicher Nachfolger Putins gehandelt, und auch Prigoschin hat politische Ambitionen. Wie kann Kadyrow also gleichzeitig das Verhältnis zum Kremlchef wahren und sich den Russen „empfehlen“? Vielleicht, indem er Putin vordergründig beispringt. So äußerte Kadyrow laut Welt jüngst den Verdacht, dass Putin bei dem russischen Überfall auf die Ukraine Informationen „vorenthalten“ werden. (frs)

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