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„Stiller Bürgerkrieg“ in Russland? US-Experten sehen Putin zunehmend in Bedrängnis

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„Putin-Koch“ Prigoschin sieht beim russischen Militär offenbar erhebliche Schwächen - das sorgt für Unruhen in Russland. Der Präsident gerate wegen des Ukraine-Kriegs in Bedrängnis.

Moskau - Die Eskalation in der Ukraine begann vor über einem halben Jahr. Doch statt einer überfallartigen Invasion Russlands hat sich der Krieg im Nachbarland zu einem langwierigen Konflikt entwickelt. Ein Ende der Auseinandersetzung scheint nicht in Reichweite, weshalb ein russischer Diplomat jüngst ein düsteres Szenario schilderte.

Eine von vielen Fragen im Ukraine-Krieg ist: Wie ist die Effizienz des russischen Militärs bei der vom Kreml „Sonderoperation“ genannten Offensive in der Ukraine zu bewerten? Westliche Geheimdienste bemühen sich kontinuierlich um eine Einschätzung der Lage. Das „Institute for the Study of War“ (ISW) gehört zu den Plattformen, die regelmäßig Analysen zum Kriegsgeschehen in der Ukraine veröffentlichen.

Ukraine-Krieg: Putin mit Verwerfungen innerhalb der Russischen Föderation konfrontiert?

In einer aktuellen Analyse sieht das ISW Russlands Präsident Wladimir Putin zunehmend in Bedrängnis. Es gebe bei den russischen Streitkräften enorme Finanzierungsprobleme. Der als „Putin-Koch“ bekanntgewordene Jewgeni Prigoschin - heimlicher Chef der Wagner-Truppe - berichte jetzt sogar darüber, dass er angeblich die komplette Finanzierung der Wagner-Truppen übernommen habe und die russischen Truppen Probleme beim Nachschub von Munition und Ausrüstung hätten. Zudem gebe es laut ISW Unklarheiten über Zuständigkeiten: Soldaten der Volksrepublik Donezk seien entgegen anderslautender Behauptungen nicht in der umkämpften Industriestadt Bachmut aktiv, sondern ausschließlich Wagner-Truppen.

Russland im Schatten des Ukraine-Kriegs: Bahnt sich „stiller Bürgerkrieg“ an?

Diese und andere Vorgänge an der Front würden das Vertrauen in das russische Militär untergraben, urteilt das ISW. Mit Wagner verbundene Telegram-Kanäle würden zudem Vorgänge in der grenznahen Region Belgorod kritisch kommentieren und die These aufstellen, dass in Russland ein „stiller Bürgerkrieg“ entstehen könne. Der Hintergrund: Es gab laut ISW kürzlich mehrere Tote bei einem Training russischer Streitkräfte, dem Vorfall ging wohl ein Konflikt zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Soldaten voraus. Dabei waren offenbar Flüchtlinge aus zentralasiatischen Ländern involviert.

Aufgrund der Anmerkungen von Prigoschin, dass dem Militär auch aufgrund dieser ethnischen Auseinandersetzung eine Spaltung drohe, sei die Verunsicherung in Russland nochmal gewachsen, so das ISW. Die Bevölkerung würde das Vertrauen in das russische Militär immer mehr verlieren. Und: Die Unzufriedenheit in Russland könne nicht zuletzt das Kreml-Narrativ über die nationale, ethnische und religiöse Einheit des flächenmäßig größten Landes der Erde massiv beeinträchtigen.

Der Russe Jewgeni Prigoschin finanziert die Söldnertruppe Wagner, die Armee ist auch im Ukraine-Krieg zugange
Der Russe Jewgeni Prigoschin finanziert die Söldnertruppe Wagner, die Armee ist auch im Ukraine-Krieg zugange. © ITAR-TASS/Imago

Russland: Bröckelt der Rückhalt für Putin? Prigoschin vereint konservative Kräfte

Die Äußerungen von Jewgeni Prigoschin zur russischen Armee könnten den Rückhalt von Putin und ranghoher Militärs wie Verteidigungsminister Sergei Schoigu mindern. Zwar gilt Prigoschin als Vertrauter des russischen Präsidenten, jedoch hätten dessen Äußerungen das Potenzial, die Bevölkerung zu verunsichern und die Position von Putin zu schwächen, schreibt das ISW. Die Rede ist sogar vom „neuen starken Mann Russlands“, der die konservativen Nationalisten hinter sich vereinen können. Entsteht aus diesem Grund eine Gefahr für den russischen Machthaber im Moskauer Kreml?

Die Thesen sind jedoch auch mit Vorsicht zu behandeln: Die in Washington ansässige Denkfabrik bewertet die Vorgänge innerhalb Russlands von der anderen Seite des Pazifiks aus US-amerikanischer Perspektive. Der Wahrheitsgehalt lässt sich nicht unabhängig prüfen - und ein Schweizer Militärexperte erklärte zuletzt, warum Zweifel angebracht sind. (PF)

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