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Chaos um Putins Teilmobilmachung: „Persönliches Versagen“ und offene Wut auch in Russlands Medien

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Von: Franziska Schwarz

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Einberufen, ausrüsten, trainieren: Bei der Teilmobilmachung für den Ukraine-Krieg geht es in Russland laut US-Militärexperten drunter und drüber.

Moskau - Seine Teilmobilmachung läuft für Wladimir Putin offenbar nicht nach Plan. „Systemische Probleme“ attestiert das US-Thinktank ISW dem Kremlchef in seiner Analyse vom 25. September. In der Einberufung der russischen Streitkräfte für den Ukraine-Krieg sehen die Militärexperten aktuell „Verwirrung, Desorganisation sowie Verletzungen der Vorgaben.“ Grund sei vor allem „persönliches Versagen“ von ranghohen Militärs.

Putins Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte offiziell von 300.000 einzuberufenden Reservisten gesprochen, wobei Ausnahmen für alte oder körperlich eingeschränkte Menschen gelten sollten. Laut dem ISW-Bericht sind die Föderationskreise für die Durchführung der Einberufung zuständig, während das Verteidigungsministerium die Kontingente und Fristen setzt.

Wladimir Putin und Sergej Schoigu
Wladimir Putin (l.) und Sergej Schoigu (Archivbild) © Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Putin konfrontiert mit Chaos bei Teilmobilmachung? „Nicht einsatzfähige“ Personen eingezogen

Doch eine namentlich nicht genannte russische Quelle habe den Militärexperten gesagt, dass auch bereits „nicht einsatzfähige Personen“ eingezogen wurden. Ein weiterer Insider sagte dem ISW, dass Militärs „exzessiv“ Einberufungen ohne Beachtung von Schoigus Vorgaben verschickten.

Denn: Die Militärs würden augenscheinlich „agieren, als stünden sie unter Druck, die Teilmobilmachung so schnell wie möglich durchzuführen“, anstatt sich dabei auch an Schoigus Richtlinien zu halten. Und die Verwirrung um die Verantwortlichkeiten verschlimmere das Ganze noch. Viele Russen versuchen wegen der Teilmobilmachung das Land zu verlassen. Doch einige Grenzen sind bereits zu.

Kritik an Rekrutierung auch in Russland: „Als ob sie von Kiew geschickt worden wären“

Kritik an der Vorgehensweise bei der Teilmobilmachung kommt nun auch offen aus Russland. Der Vorsitzende des Kreml-Menschenrechtsrates, Waleri Fadejew, erklärte, dass er Schoigu schriftlich aufgefordert habe, die Probleme „dringend zu lösen“, und RT-Chefredakteurin Margarita Simonyan schimpfte auf Telegram, dass die Vorladungen auch an 40-Jährige gingen, obwohl als Höchstalter für Gefreite 35 Jahre ausgegeben worden waren. Dies mache die Menschen „wütend“, schrieb sie weiter und es wirke „als ob sie von Kiew geschickt worden wären“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters sie. Putins Ankündigung der Teilmobilmachung hatte eine Ausreisewelle aus Russland ausgelöst.

Russische Militärs arbeiten häufiger für die Föderationskreise als direkt für das Verteidigungsministerium, merkt das ISW an. Das könnte eine mögliche „Lücke“ zu letzterem erzeugen.

Putin tauscht Vize-Verteidigungsminister aus: Indiz für „systemische Probleme“?

Zuletzt hatte Moskaus Überfall auf die Ukraine weitreichende logistische Probleme offenbart: Wenige Tage nach der angekündigten Teilmobilmachung hat Moskau den bisherigen Vize-Verteidigungsministers Dmitri Bulgakow durch den General Michail Misinzew ersetzt.

Schoigu beharrt offenbar auf seine angekündigten Vorgaben - während Putin zur Eile zu drängen scheint, so das Fazit der Militärexperten vom ISW „Das deutet auf einen möglichen Riss zwischen Schoigu und Putin hin.“

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