Ukraine-Mordkommandos fernab der Front: Gehen Kiews Spezialkräfte zu weit?

Der Geheimdienstchef der Ukraine bestätigte jüngst, russische Propagandisten auch fernab der Front verstärkt ins Visier zu nehmen. Ein Ex-Spion Kiews sieht die Mordkommandos kritisch.
Kiew – Der Ukraine-Krieg spielt sich nicht nur an der Front ab: Angriffe aufs Hinterland sollen die Angreifer von der Versorgung abschneiden, die IT-Armee kämpft im Internet gegen Russland und auch geheime Mordkommandos sind offenbar gegen Moskau im Einsatz. Wenig ist in der Öffentlichkeit über ihre Arbeit bekannt, doch mutmaßlich könnte der Autobombenanschlag auf Propagandistin Darja Dugina sowie der Anschlag auf den pro-russischen Militärblogger Wladlen Tatarski auf das Konto dieser Einheiten gehen. Valentyn Nalyvaichenko, ein ehemaliger ukrainischer Spion und früherer Leiter des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, sieht so manche Aktion der Spezialkräfte offenbar kritisch, wie er dem Economist sagte.
Ex-Spion Nalyvaichenko sieht ukrainische Mordkommandos teils kritisch
Die jüngsten Missionen der Spezialkräfte seien recht riskant gewesen, in einigen Fällen habe eine Strategie gefehlt oder es seien Agenten und ihre Quellen gefährdet worden, sagte der ehemalige SBU-Chef Nalyvaichenko im Interview mit Economist, das am Dienstag (5. September) veröffentlicht wurde. „Unsere Sicherheitsdienste sollten nicht alles tun, nur weil sie es können“, mahnte der Ex-Spion. Dutzende Beamte und Verschwörer aus Russland sind seit Beginn des Krieges dem Bericht zufolge in den besetzten ukrainischen Gebieten sowie in Russland von Kiews Spezialkräften ermordet worden.
Zuletzt habe man den Fokus verstärkt und nehme auch Kriegspropagandisten fernab der Front ins Visier, hieß es weiter. Einige dieser Mordkommandos seien gerechtfertigt, meint Nalyvaichenko, andere gäben aus seiner Sicht aber Anlass zum Nachdenken. Wie eine anonyme Quelle dem Economist sagte, würden Anschläge auf weniger prominente russische Propagandisten oftmals eher ausgeführt, um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu beeindrucken – und weniger, weil sie einen entscheidenden Einfluss auf den Kriegsverlauf hätten.

Diese Morde könnten auf das Konto der Spezialkräfte der Ukraine gehen
Laut Economist könnte der Mord an dem ehemaligen russischen U-Boot-Kommandanten Stanislaw Rschitzki, der beim Joggen erschossen worden war, auf das Konto der ukrainischen Spezialkräfte gehen. Von Kiew hieß es damals dazu, der Ex-Militär sei mutmaßlich „von den eigenen Leuten liquidiert“ worden. Kyrylo Budanow, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, hatte eine ukrainische Beteiligung an dem Mord dementiert.
Allerdings bestätigte Budanow jüngst gegenüber dem Youtube-Kanal Rizni Lyudi, die Ukraine habe „erfolgreich einige Personen ins Visier genommen“, die mit der Kreml-Propaganda in Verbindung gebracht werden, wie Newsweek berichtete. Namen nannte der Geheimdienstler zwar nicht, betonte aber, dass „es dank der Medienberichterstattung gut publizierte Fälle gegeben hat, von denen jeder weiß“.
Russland meldet zwei vereitelte Mordanschläge an Putin-Propagandisten
Ein weiterer Erfolg der ukrainischen Mordkommandos soll laut Economist der Mord an Jewhen Yunakow, dem früheren Bürgermeister von Welykyj Burluk in der Region Charkiw, gewesen sein. Dieser sei als russischer Kollaborateur identifiziert worden. Das Spezialkommando unter der Leitung eines Kommandeurs mit dem Spitznamen „Kaukasus“ habe zunächst alle Bewegungen Yunakow tagelang studiert: Wann er einkaufte, wohin er ging und wann. Dann hätten sie eine Bombe gezündet, die Leiche Yunakows sei nie gefunden worden.
Russland selbst hatte im Juli mitgeteilt, zwei mutmaßliche Mordanschläge des ukrainischen Geheimdienstes auf die prominente Moderatorin Xenia Sobtschak sowie auf die Chefredakteurin des Staatsfernsehsenders RT, Margarita Simonjan, vereitelt zu haben. Die Ukraine hatte dies zurückgewiesen – mit der Begründung, dass beide Akteurinnen „keine Rolle spielen“.



