1. Startseite
  2. Politik

„Putin kann den Krieg gewinnen“: Experte warnt den Westen – und erklärt Russlands Strategie

Erstellt:

Von: Magdalena von Zumbusch

Kommentare

Ukraine-Krieg
Ein Soldat der russischen Armee patrouilliert mit einem Panzer in Cherson. (Archivfoto) © Konstantin Mihalchevskiy/Imago Images

Von schweren Verlusten und der Schwächung russischer Truppen ist aktuell viel zu lesen. Ein Experte warnt vor einem verzerrten Eindruck der Lage in der Ukraine.

Wien - Der im Westen verbreitete Eindruck eines stark gebremsten russischen Vormarsches entspricht womöglich nicht ganz der Realität - meint jedenfalls ein österreichischer Militär-Experte: Ein russischer Sieg sei keinesfalls ausgeschlossen, sagte Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie in Wien nun der Welt.

Im Ukraine-Krieg: Aktuell erneute Konzentration Russlands auf den Donbass

In Donezk konnten Wladimir Putins Truppen zuletzt militärische Erfolge zu verzeichnen: Die Hafenstadt Mariupol ist eingenommen. Auf der strategisch wichtigen Hafenstadt liegt nicht mehr das Hauptaugenmerk der Russen. Sie ist bereits unter Moskaus Kontrolle – genauso wie großflächige Gebiete und Städte im Süden der Ukraine rund um das Asowsche Meer. Nach diesen wichtigen Erfolgen im Südosten des Landes konzentriert sich Russland aktuell wieder auf den zentralen Donbass - die auch aus Luhansk und Donezk bestehende Industrieregion mit einst rund sechs Millionen Einwohnern.

In der Nacht zum Montag (2. Mai) versuchten russische Truppen die 60.000-Einwohner-Stadt Rubischne einzunehmen und bereiteten einen Angriff auf Sjewjerodonezk vor, erklärte der ukrainische Generalstab. Beide Städte liegen in der Region Luhansk.

„Die bittere Wahrheit ist: Putin kann den Krieg gewinnen“, so die Einschätzung des Experten

Reisner, Leiter der Abteilung Forschung und militärische Strategie an der Theresianischen Militärakademie in Wien und Oberst im österreichischen Verteidigungsministerium, schätzte die aktuelle Lage an der Front des Ukraine-Kriegs der Welt gegenüber weniger positiv für die Ukraine ein als das Gros der westlichen Experten: „Wir brauchen ein objektives Lagebild. Es hilft uns nichts, wenn wir uns schönreden, dass die russischen Angreifer sich in einem schlechten Zustand befinden. Denn das täuscht darüber hinweg, wie die Lage wirklich ist. Die Russen sind sehr wohl in der Lage zu entscheiden, wann, wo und wie sie zuschlagen. Wir dürfen Russland nicht unterschätzen.“

Reisner rechnet mit neuen Kämpfen auch Süden des Landes, um die Ukraine völlig vom Meereszugang abzuschneiden und damit wirtschaftlich endgültig in die Bredouille zu bringen. „Die bittere Wahrheit ist: Putin kann den Krieg gewinnen“, lautet Reisners Einschätzung.

Video: Einschätzung eines Militär-Experten zu Putins Strategie bei Beginn des Krieges

Ukraine-Krieg nun auch ein Kampf gegen die Zeit: Ukraine ohne Waffenlieferungen chancenlos

„Ich erwarte in den kommenden zwei bis drei Wochen eine weitere Eskalation im Donbass, wo die Kämpfe an Heftigkeit zunehmen werden, weil die Russen jetzt versuchen, eine Entscheidung herbeizuführen, die Ukrainer einzukesseln und zur Kapitulation zu zwingen“, so Reisner.

„Die Ukraine braucht dringend neue Waffen. Die Waffenlieferungen aus dem Westen sind jetzt ein Wettlauf gegen die Zeit“, appellierte er. Großlieferungen an Waffen sind nicht zuletzt aus den USA eingetroffen. Die Entscheidung über Waffenlieferungen ist für die europäischen Länder allerdings angesichts der räumlichen Nähe zum Geschehen auch eine riskantere.

Die Ukraine benötige für die kommenden Wochen insbesondere Artillerie-Aufklärungsradargeräte, Panzer, Artilleriegeschütze, Flugzeuge und Flugabwehrsysteme wie die S-300. „Aber diese Waffen sind groß und bilden beim Transport relativ leichte Angriffsziele“, erklärte Reisner. Er gab zudem die ernüchternde Einschätzung ab, dass Russland „einen bisher nicht unwesentlichen Teil der Waffenlieferungen aus dem Westen erbeuten oder vernichten konnte, vor allem Panzer- und Flugabwehrwaffen“. Russland gebe inzwischen Handbücher heraus, wie sich die erbeuteten Waffen gegen die Ukraine einsetzen ließen, berichtete Reisner.

Putins aktuelle Strategie: Langsamkeit der russischen Truppen wohl (auch) Strategie

Die Strategie der ersten Wochen habe Russland mittlerweile auf das Vorgehen der Ukraine hin angepasst: „Das Problem ist, dass die Stellungen der Ukrainer in diesem Raum nicht so stark sind wie an der alten Kontaktlinie, also im Osten von Kramatorsk“, so Reisner. Ukrainische Spezialkräfte versuchten im Donbass jetzt, die Russen aus dem Hinterhalt anzugreifen. „Das hatte in den ersten sechs Wochen anderswo geklappt, aber jetzt sind die Russen vorbereitet, und die russischen Spezialkräfte jagen die ukrainischen Spezialkräfte und vernichten sie leider recht häufig. Das bedeutet auch: Die Versorgungslinien für die russische Offensive im Donbass sind intakt. Das war in den ersten sechs Wochen im Raum Kiew ganz anders.“

Auch die Langsamkeit der russischen Manöver, die - wohl teilweise fälschlicherweise - zu Berichten über ein ausgebremstes, stockendes Vorrücken Russlands führt, sei zumindest teilweise Programm, meint Reisner: „Anders als in den ersten sechs Wochen, wo man schnell, schmal in einer Kolonne und tief gefahren ist, rücken die Russen jetzt langsam, breit und mit massiver Infanterieunterstützung vor, wobei die Panzer rechts und links durch weitere Panzerzüge abgesichert werden.“ So schafften die Russen bei ihrem Vormarsch nur etwa 1,5 Kilometer pro Stunde, gerieten aber dafür nicht mehr in Hinterhalte.

„Wir sollten nicht den Fehler machen, die Langsamkeit des Vormarsches als Schwäche auszulegen. Das ist genau so gewollt. Das kann Wochen dauern,“, so Reisners Bilanz. 

Auch interessant

Kommentare