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Ausgerechnet am 9. Mai: Hacker fluten russisches Online-Fernsehen und weitere Dienste mit Friedensbotschaften

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Von: Magdalena von Zumbusch

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Ein Zeichen gegen Putins Militärparade am 9. Mai: Hacker und russische Journalisten riskieren viel und verbreiten in Russland Anti-Kriegs-Botschaften.

Moskau – Ausgerechnet am wichtigen russischen Feiertag, dem „Tag des Sieges“ gegen Nazi-Deutschland am 9. Mai, sind auf einer Online-Plattform, die als Kreml-nah gilt, kritische Artikel über Präsident Wladimir Putin und den Ukraine-Krieg aufgetaucht. Botschaften gegen den Krieg und für den Frieden sendeten auch Hacker, die sich Zugriff auf verschiedene Dienste des russischen IT-Riesen Yandex verschafften. Während auf dem roten Platz also ein riesig angelegter Militäraufmarsch mit einer Ansprache Putins stattfand, gelangten an tausende russische Bürger kritische Botschaften.

Ukraine-News: Friedensbotschaften auf Online-Diensten des IT-Riesen Yandex: „Blut klebt an euren Händen“

In den westlichen Medien war seit Beginn des russischen Invasionskriegs vor allem von der Gefahr russischer Hacker-Angriffe auf Europa zu hören. Der russische Staat ist jedoch ebenfalls verstärkt politisch motivierten Cyber-Angriffen ausgesetzt. So wurde der IT-Gigant Yandex am 9. Mai Ziel eines „politischen“ Cyber-Angriffs. Wie Google vereint der Dienst viele Produkte unter einem Dach, darunter eine Suchmaschine und einen Dienst, der Fernsehprogramme anbietet. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur.

Es ging den Hackern laut Informationen der dpa nicht darum, den Dienst lahmzulegen, sondern den Nutzern Botschaften mitzugeben: Auf der Seite erschienen am frühen Montag die Startseiten der Programme, vor allem russischer Fernsehkanäle wie MTS, NTV-Plus, Rostelecom und Winx (aber auch die Programme der staatlichen Sender Channel One und Russia 1) nicht wie üblich. Stattdessen konnten die Nutzer der Yandex-Programme auf den Bildschirmen Botschaften lesen, die sich kritisch über Putin, sein Regime und seinen Krieg ausließen und sich für ein Kriegsende aussprachen. „Das Blut von Tausenden von Ukrainern und Hunderten von ermordeten Kindern klebt an euren Händen“, lautete etwa eine Botschaft, die auf den Bildschirmen zu sehen war. Oder: „Das Fernsehen und die Behörden lügen. Nein zum Krieg.“

Russland: Opfer eines „starken Cyber-Angriffs“ am 9. Mai – Das russische Youtube („Rutube“)

In Zusammenhang damit steht möglicherweise ein Hackerangriff auf die mit Youtube vergleichbare russische Video-Platform „Rutube“: Sie sei ebenfalls am 9. Mai Ziel eines Cyber-Angriff geworden. „Wir sind tatsächlich mit der größten Cyberattacke in der Geschichte von Rutube konfrontiert“, teilte das Unternehmen laut dpa im Messengerdienst Telegram mit. 

Hinter dem Cyberangriff stünden dieselben Hacker, die „in den vergangenen zwei Monaten immer wieder die Websiten öffentlicher Einrichtungen attackiert“ haben, so das Unternehmen. Die Wiederherstellung des Zugangs werde „mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Techniker zunächst dachten“, erklärte Rutube weiter.

Ukraine-Russland-Krieg – Redakteure der Plattform „Lenta“ mit Botschaft: „Putin muss gehen“

Außerdem erschienen am 9. Mai in der Kreml-nahen Online-Plattform Lenta regime-kritische Artikel. Zwar wurden sie wenig später wieder gelöscht, aber ein Zeichen konnte durch die Veröffentlichung gesetzt werden. Zu der Protestaktion bekannten sich inzwischen zwei Redakteure der Online-Zeitung. Nun sei er seinen Job bei Lenta wohl los, äußerte der bisherige Leiter der Wirtschaftsredaktion, Jegor Poljakow, am Montag dem kritischen Medium Mediazona gegenüber. Einer der veröffentlichten Artikel trug etwa den Titel: „Putin muss gehen. Er hat einen sinnlosen Krieg losgetreten und führt Russland in den Abgrund.“

Insgesamt wurden rund 20 solcher Texte kurzzeitig auf Lenta.ru veröffentlicht und sind mittlerweile nur noch im Webarchiv der Plattform einsehbar. Alle Beiträge fingen laut dpa mit der Vorbemerkung an, dass das Material nicht mit der Leitung des Mediums abgestimmt sei. Um bei der Protestaktion nicht schon während dem Hochladen gestört zu werden, hatten Poljakow und seine Kollegin Alexandra Miroschnikowa offenbar Überschrift und Text schon bestehender Artikel auf der Seite ausgetauscht.

Nach Putins neuem Mediengesetz: Lenta-Reporter müssen wohl mit Strafen rechnen

„Wichtigster Grund war das Gewissen“, meint Poljakow zu seinem Vorgehen. Da unabhängige Medien ohne alternative Internetzugänge in Russland nicht mehr aufzurufen seien, habe er sich mit seiner Mitarbeiterin dazu entschlossen, deren Materialien für die Leser seines Mediums zugänglich zu machen, sagte Poljakow. Über juristische Konsequenzen der Aktion ist aktuell noch nichts bekannt. In Russland wurden allerdings verschiedene Mediengesetze extrem verschärft dieses Jahr: Ein neues Gesetz droht hohe Strafen für angebliche „Falschnachrichten“ über Russlands Streitkräfte an und hat bereits diverse, auch deutsche, Sender und Zeitungen aus Moskau vertrieben. Die von den beiden Lenta-Reportern veröffentlichten Artikel könnten wohl unter die Verbotstatbestände des neuen Gesetzes fallen.

Die beiden Lenta.ru-Redakteure reihen sich also in die Reihe mutiger systemkritischer Russen wie etwa schon die Journalistin Marina Owsjannikowa ein. Diese war kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine vor einigen Wochen mit einem Anti-Kriegs-Plakat in die Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens gelaufen. (mvz mit dpa)

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