1. Startseite
  2. Politik

Wladimir Putins Ziele? Historikerin zieht Diktaturen-Vergleich und befürchtet „Anspruch auf totale Herrschaft“

Erstellt:

Von: Patrick Mayer

Kommentare

Wladimir Putin, Präsident von Russland, geht während der Feierlichkeiten zum Tag der russischen Marine an der Newa eine Steintreppe hinauf.
 (Archiv)
Wladimir Putin, Präsident von Russland, geht während der Feierlichkeiten zum Tag der russischen Marine an der Newa eine Steintreppe hinauf. (Archiv) © Dmitri Lovetsky/dpa

Will Wladimir Putin mehr als den Donbass oder die Ukraine? Eine Historikerin vergleicht das System des russischen Präsidenten mit kommunistischen Diktaturen. Ein Kollege aus München pflichtet ihr bei.

München/Moskau - Wie weit gehen die Ziele von Moskau-Machthaber Wladimir Putin im Ukraine-Krieg? Über eine Eroberung des Donbass oder des ganzen Landes hinaus? Was bewegt ihn zu dieser Gewalt? Und lässt sich das heutige Russland aus historischer Perspektive mit einem autokratischen Staat vergleichen? Seit dem Überfall auf den westlichen Nachbarn versuchen Historiker, das Handeln Putins und das politische Regime im Riesen-Land mit seinen rund 144 Millionen Einwohnern zu benennen und zu erklären.

Russland-Ukraine-Krieg: Was treibt Moskau-Machthaber Wladimir Putin an?

Die US-amerikanische Historikerin und Journalistin Anne Applebaum wagte nun einen Ansatz für eine Erklärung. Sie sieht im politischen Apparat Putins „viele Ähnlichkeiten zu faschistischen und kommunistischen Diktaturen der Vergangenheit“. Russland ist ihrer Meinung nach mittlerweile „ein autokratisches System. Es ist ein System, das auf einen einzelnen Führer zugeschnitten ist, der keine Fehler hat und der nicht ausgetauscht werden kann. Es gibt keine geregelte Nachfolge. Es gibt keinen legitimen Weg, ihn zu kritisieren“, sagte Applebaum im Gespräch mit dem Magazin „Kontraste“ der ARD: „Und es gibt keine Möglichkeit, Widerspruch zu zeigen. Jede Form der Opposition ist heute in Russland verboten, genauso wie alle Arten von Nichtregierungsorganisationen.“

Applebaum ist unter anderem Mitglied des Beirats des „Center for European Policy Analysis“ und Mitglied der Denkfabrik „Council on Foreign Relations“. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten über jüngere osteuropäische Geschichte wurden mehrfach ausgezeichnet. Der Historiker Martin Schulze Wessel ist dagegen Professor für die Geschichte Osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Er orientiert sich an Herrschergestalten wie Peter I. oder Katharina II., die Russland territorial größer gemacht haben.

Der Historiker Martin Schulze Wessel über Wladimir Putin

Ziele von Wladimir Putin? Historiker - Russland-Präsident sieht den Westen „als schwächlich“

Seiner Ansicht nach sieht sich Putin „in einem Kampf der Zivilisationen gegen den Westen, den er als schwächlich verachtet und zugleich fürchtet. Vor allem fürchtet er das Übergreifen westlicher Werte auf die Ukraine. Zugleich verfolgt er eine historische Mission. Es geht darum, den alten Glanz wiederherzustellen, den er mit dem Zarenreich verbindet“, erklärte er dem Nachrichtenportal t-online und meinte: „Er orientiert sich an Herrschergestalten wie Peter I. oder Katharina II., die Russland territorial größer gemacht haben.“ Will sich der Kreml-Chef unter ihnen einreihen? Wessel glaubt ja - und vermutet darin einen Beweggrund des russischen Präsidenten für den Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Putin sieht darin laut Wessel „seinen historischen Auftrag. In der russischen Geschichtsschreibung werden Herrscher, die ostslawische - also belarussische und ukrainische - Territorien erobert haben, für das ‚Sammeln der russischen Erde‘ gelobt“, erklärt der Historiker aus München: „Das ist der narrative Rahmen, in dem Putin handelt. Zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit tut sich im Krieg eine Kluft auf. Putin wollte die Glorie des Zarenreichs zurückbringen, tatsächlich führt er Russland in die finstersten Zeiten des 20. Jahrhunderts zurück.“ Der britische Observer habe seiner Ansicht nach Putins Kurs als „Stalinisierung“ treffend beschrieben, zieht er einen Vergleich zum früheren kommunistischen Diktator Josef Stalin.

Historiker vergleicht russischen Überfall auf die Ukraine mit postjugoslawischen Kriegen

Der Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg wurde indes im Interview mit der taz gefragt, ob er für Wladimir Putins Regime plausible historische Übereinstimmungen sehe.

„Ja, etwa Milosevic, Serbien und die postjugoslawischen Kriege. Da gibt es auffällige Parallelen, auf die die Historikerin Marie-Janine Calic hingewiesen hat. Hier wie dort wandelt sich ein zerfallender postkommunistischer Staat nach innen zu einer nationalistischen Autokratie und nach außen zum Aggressor“, antwortete Herbert und erzählte: „Milosevic hat einen Bürgerkrieg entfesselt, der etwa 150.000 Opfer gefordert hat. Er hat die großserbische Doktrin verfolgt: wo Serben leben, ist Serbien, mit dem Ziel, große Teile der selbstständig gewordenen Nachbarstaaten zu annektieren.“

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg

Warum der Ukraine-Krieg? Historiker glaubt - Wladimir Putin will großrussisches Reich

Dies sei übertragen auch eine Rechtfertigung für den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, meinte der Freiburger Wissenschaftler: „Der extreme Nationalismus des Putinschen Regimes und die Perspektive der Wiedergewinnung der 1990 durch die Auflösung der UdSSR ‚verlorenen‘ Gebiete durch die Schaffung eines großrussischen Reiches sind die entscheidenden Kennzeichen des Regimes. Das Regime in Russland ist nationalistisch, revisionistisch und imperialistisch.“

Was das für den weiteren Kriegsverlauf bedeutet? Applebaum meinte in der ARD: „Jeder Versuch, diesen Krieg zu beenden, wird erst dann beginnen, wenn Russland besiegt ist oder selbst das Gefühl hat, dass es den Krieg verloren hat oder verlieren könnte. Ich glaube nicht, dass der Krieg aufhören wird, bevor die Russen davon überzeugt sind, dass der Krieg verloren ist und sie imperialistisch sind.“ (pm)

Auch interessant

Kommentare